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Konsolenspiele : Microsoft bringt Bewegung ins Wohnzimmer

  • -Aktualisiert am

Schreien, springen, gestikulieren: die Zukunft des Spielemarktes Bild: dpa

Bislang beherrschte Nintendo mit der Spielekonsole Wii den Markt für interaktive Videospiele. Jetzt zieht Microsoft mit „Kinect“ nach. Die Spieler müssen kein Gerät mehr festhalten, ihre Aktivitäten im Raum werden von Kameras erfasst.

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          Rund drei Jahre, nachdem Nintendo mit seiner Spielekonsole Wii die Steuerung eines Videospiels mit Körperbewegungen erfunden hat, zieht Microsoft nach. Kinect heißt die neue Bewegungssteuerung, für die Spieler allerdings überhaupt kein Gerät mehr in den Händen halten muss. Gesteuert wird mit Händen und Füßen, mit Hüpfen, Springen, Schritten und der Stimme. Eine Kamera erfasst die Bewegungen von bis zu sechs Spielern im Raum, ein Infrarotprojektor erfasst die Tiefe des Raums in 3D und ein Mikrofon lokalisiert die Stimmen. Alle Bewegungen und Geräusche werden dann von einem Prozessor zusammengefasst und auf den Bildschirm übertragen. Heraus kommt ein Avatar, der sich genauso bewegt wie der Spieler.

          Statt schneller Daumenbewegungen können die Spieler vor dem Fernseher imaginäre Bälle schlagen, ein Schlauchboot über Stromschnellen steuern oder über Hindernisse springen. 15 Spieletitel sollen zum Start von Kinect verfügbar sein. „Kinect wird Spaß für alle. Erstmals wird auf jedes technische Hilfsmittel, das immer eine Hürde dargestellt hat, komplett verzichtet“, sagte Oliver Kaltner, der für Microsoft das Unterhaltungsgeschäft in Deutschland leitet. Mit Kinect lässt sich aber nicht nur spielen. Auch der Fernseher oder das Internet lassen sich mit dem neuen Gerät steuern. Wenn man „Pause“ sagt, stoppt das Video. Weil Kinect Stimmen erfasst, lässt sich bald ein Videotelefonat vom Sofa aus führen – ohne Kopfhörer oder Mikrofon. Die Worte „Oma anrufen“ werden bald genügen, um eine Videoverbindung aufzubauen, ohne dafür im Arbeitszimmer den Computer hochfahren zu müssen.

          Das Xbox-Geschäft ist stark eingebrochen

          Potential verspricht auch die Kombination aus Kinect und Spracherkennung. Moderne Spracherkennungsprogramme wandeln gesprochene Sätze inzwischen nahezu fehlerfrei um. Dazu wird die Sprachdatei über das Internet in ein Rechenzentrum übertragen, dort umgewandelt und binnen Sekunden zurückgeschickt. „Um eine E-Mail vom Sofa aus zu diktieren, ist es noch etwas zu früh. Aber diese Option ist sehr realistisch“, sagte Kaltner. Genau diese Möglichkeiten sollen für Microsoft aber neue Nutzer erschließen, die bisher vor den technischen Hürden der Computer zurückgeschreckt sind. Die Option, auch Computer mit einem ähnlichen Gerät auszustatten, sieht Chris Lewis, der das Xbox-Geschäft in Europa verantwortet, allerdings nicht. „Wenn die Konsumenten ein solches Gerät an ihrem PC wollen, muss man sich das anschauen. Aber im Moment haben wir keine Pläne in diese Richtung“, sagte Lewis.

          Microsoft zielt mit Kinect zunächst auf Familien, die bisher vorwiegend Nintendo mit der Wii angesprochen hat. Familien- und Gesellschaftsspiele sollen den Absatz der Xbox 360 noch einmal ankurbeln und zumindest ein neues Spielerlebnis mit vorhandenen Konsolen schaffen. Denn die Xbox 360 ist in die Jahre gekommen und hat sich im ersten Halbjahr trotz einer Preissenkung schlechter als die Konkurrenzprodukte von Sony und Nintendo verkauft. „Der Markt braucht jetzt wieder Innovationen und Dynamik. Wir denken, dass Kinect das schafft“, sagte Oliver Kaltner.

          Microsoft hat in diesem schwachen Spielejahr in Deutschland bisher nur 118 000 Xbox 360 verkauft, rund 20 Prozent weniger als im Vorjahr, hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) errechnet. Insgesamt stehen in deutschen Haushalte rund 1,2 Millionen Konsolen dieser Generation, während Sony rund 1,8 Millionen Playstation 3 hierzulande verkauft hat, Nintendo sogar 3,1 Millionen mal die Wii. Mit der Position als Nummer drei in Deutschland will sich Kaltner nicht zufrieden geben. Dafür wurde die Xbox 360 schon generalüberholt und mit mehr Speicher ausgestattet. Das Konzept habe in den vergangenen Wochen schon gegriffen. „Davon waren wir selbst überrascht. In den vergangenen Wochen waren wir die Nummer zwei auf dem deutschen Markt. Wir sind überzeugt, unsere Marktposition sehr schnell zu verbessern. Unser Anspruch muss es natürlich sein, die Nummer eins Konsole auf dem deutschen Markt zu werden“, sagte Kaltner.

          Spiele bald auch auf dem Handy

          Kinect könnte den Lebenszyklus der Konsole um vier bis fünf Jahre verlängern, schätzt Kaltner. Am 10. November, also rechtzeitig vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft, kommt Kinect für 149 Euro in Deutschland in die Läden. Für Kaltner ist Kinect „nicht nur eine Spielekonsole, sondern moderne Unterhaltung. Spielen, in den sozialen Netzwerken unterwegs sein, auf Geräten mit Windows Phone 7 unterwegs spielen: „Microsoft ist jetzt in der Realität angekommen, dass die Menschen jederzeit auf alles zugreifen können. Unsere übergreifende Strategie ,3 Bildschirme in der Cloud‘ ist jetzt erfüllt“, sagte Kaltner.

          Microsoft will auch seine Position im Markt für mobile Spiele ausbauen. Das Unternehmen zeigt derzeit auf der Spielemesse Gamescom in Köln eine Reihe von Spielen, die in diesem Herbst auf Microsofts neuem Betriebssystem Windows Phone 7 starten. Microsoft hat das Betriebssystem, das auf internetfähigen Handys (Smartphones) läuft, im Frühjahr erstmals präsentiert. Im Herbst sollen dann die ersten Geräte mit dem neuen System ausgeliefert werden. Dann sollen Spiele, die für Microsofts Online-Spieledienst Xbox Live konzipiert wurden, auch auf dem Smartphone gespielt werden können. Allerdings hat sich Microsofts Anteil am Smartphone-Markt in den vergangenen auf rund 5 Prozent halbiert, weil die Vorgängerversion Windows Mobile 6.5 nicht konkurrenzfähig gegenüber den Systemen von Apple, Google (Android) und auch Nokia war. Marktbeobachter sehen Microsofts Zukunft daher eher im Unternehmenseinsatz, weniger bei den privaten Endkunden.

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