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Carsten Knop

Kommentare im Internet : Flegeljahre im Netz

  • -Aktualisiert am

Die Diskussionskultur im Internet steckt in den Flegeljahren. Das muss sich ändern. Ohne regulierende Eingriffe wird es nicht gehen.

          1 Min.

          Drohungen und Hetze verbreiten sich über das Internet, über Echtzeit-Kurznachrichtendienste wie Twitter oder soziale Netzwerke wie Facebook fast mit Lichtgeschwindigkeit. Das Phänomen nennt sich „Shitstorm“, es kann für die Betroffenen zu einer schweren Last werden - Prominente eingeschlossen. Es ist schlimm, welcher Hass sich im zu Ende gehenden Jahr etwa über Bundeskanzlerin Angela Merkel, über den Schauspieler Til Schweiger oder den Kabarettisten Dieter Nuhr ergossen hat. Doch ist das Kreuz dieser Menschen breit und ihr Abwehr-Netzwerk groß genug, um gegen die schlagzeilenträchtige Internet-Hetze vorzugehen und vieles wieder ins rechte Licht zu rücken.

          Viel schwieriger wird es, wenn es um den guten Ruf gewöhnlicher Zeitgenossen geht. Die können sich kaum dagegen wehren. Und selbst wenn man Löschanträge gegenüber den entsprechenden Internetunternehmen stellt, auf deren Plattformen man die Bemerkungen und Kommentare findet, lässt sich die Rufschädigung kaum noch aus der Welt schaffen.

          Richtig ist natürlich der Einwand, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung ein hohes Gut ist, das in seiner Substanz nicht angegriffen werden darf. Daran sollten aber auch diejenigen denken, die sich darüber freuen, dass die Machtposition der Etablierten und ihr sogenanntes (angebliches) Monopol auf Welterklärung auch in den klassischen Medien schwindet.

          Man kann darüber begeistert sein, dass der Weg zur digitalen Demokratie geebnet ist, dass ein jeder die Möglichkeit hat, Meinungen zu verbreiten, und nicht nur noch passiver Empfänger derselben sein muss. Allerdings unterliegt dieser Diskurs Regeln, die es juristisch mit Persönlichkeitsrechten zu tun haben und gesellschaftlich mit dem gegenseitigen Respekt vor der Person und der Meinung des anderen. Beides wird in der vermeintlichen, vielfach aber auch realen Anonymität des Internets zu häufig verletzt.

          Die Diskussionskultur im Internet steckt in den Flegeljahren. Das muss sich ändern. Ohne regulierende Eingriffe wird es nicht gehen. Auch das gehört zu einer funktionierenden Demokratie, die durch uferlose, unkontrollierte und straffreie Missachtung bestehender Gesetze und Konventionen ausgehöhlt wird. Insofern ist es gut, dass Twitter seine Bestimmungen gegen Hetze verschärft, vor allem aber präzisiert. Hoffentlich greift der Kurznachrichtendienst wirklich durch. Es ist schlimm genug, dass das nötig ist. Aber es ist nötig.

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