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Kommentar : Wir haben die Macht über Google

Die Nutzer haben Googles soziales Netzwerk „Google Plus“ verschmäht. Jetzt gibt Google auf. Das zeigt, wer im Internet das Sagen hat.

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          Wie haben wir uns gefreut, als Google vor drei Jahren sein eigenes soziales Netzwerk gestartet hat. Endlich eine Alternative zu Facebook! Und wie leicht dort die Datenschutz-Einstellungen waren! Millionen von Menschen zogen um. Sie meldeten sich bei Google Plus an, luden ein Porträtfoto hoch und ließen Google Plus die alten Freunde wiederfinden. Dann schnackten, stritten und schäkerten sie weiter, als wäre gar nichts passiert. Noch nie ist ein soziales Netzwerk schneller gestartet.

          Doch schon nach wenigen Monaten kamen die Gespräche bei Google ins Stocken. Mehr und mehr Leute gingen zurück zu Facebook. Es fühlte sich heimeliger an, freundlicher und weniger technisch. Google selbst schickte zwar immer noch eine Jubelmeldung nach der anderen, weil es aus seiner Suchmaschine immer neue Mitglieder in das soziale Netzwerk brachte. Doch die Fotoalben und Kommentarspalten verwaisten.

          Jetzt zieht Google die Konsequenzen. Der Chef von Google Plus geht, mehr als tausend Entwickler konzentrieren sich offenbar künftig auf andere Projekte. Google gesteht seine Niederlage ein - und es wird deutlich, wer die Macht im Internt hat: wir. Die Nutzer.

          Facebook hat uns umgarnt

          Halb Deutschland ängstigt sich vor der Macht, die Google angeblich über uns hat. Tatsächlich müssen sich zwar die Unternehmen nach Google richten, die Webseiten-Betreiber, die Online-Shops und die Anzeigenkunden - nicht aber wir Nutzer. Wenn wir nicht wollen, wenn wir das Soziale Netzwerk nicht annehmen und wenn wir unsere Daten verweigern - dann scheitert selbst der mächtige Konzern aus dem Silicon Valley.

          Oder liegt alles nur daran, dass wir selbst nicht frei sind? Hat Facebook erst uns und unsere Freunde umgarnt, hat es uns dann langsam in seine Schlingen gezogen und bindet uns jetzt so fest an unsere Freunde, dass wir von dem großen Netz namens Facebook nicht mehr loskommen?

          Das ist zu kurz gedacht. Wenn ein soziales Netzwerk tatsächlich so feste Schlingen hätte, hätte Facebook uns gar nicht erst in seine bekommen. Denn Facebook war längst nicht das erste Angebot auf dem großen Markt der sozialen Netzwerke. In Amerika war MySpace das Heim der jungen Leute, in Deutschland waren Schüler und Studenten fast vollzählig in StudiVZ. Doch als Facebook auftauchte, zog einer nach dem anderen um - so, wie es später mit Google Plus anfing. Facebook allerdings war so attraktiv, dass keiner mehr weg wollte.

          So geht es im Internet: Wer zuerst da ist, hat immer einen Wettbewerbsvorteil und kann immer erst mal das attraktivere Angebot machen. Aber am Ende kommt es darauf an, wer das attraktivere Angebot hat. Wir Nutzer suchen das aus, das wir am schönsten finden.

          Dabei sind wir aneinander gebunden. Wir müssen uns gemeinsam entscheiden, einer alleine kann kaum ausscheren. Aber wir können immer gehen, wenn wir wollen. Google hat die Macht nicht. Und Facebook auch nicht.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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