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Kommentar : Apple spielt ein falsches Spiel

Apple knackt ein Terroristen-iPhone nicht. Sind die großen Silicon-Valley-Giganten endlich auf der Seite des Guten und des Wahrhaftigen? Nein. Apples Horrorszenarien sind unverantwortlich.

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          Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein: Endlich einmal sind die großen Silicon-Valley-Giganten auf der Seite des Guten und des Wahrhaftigen. Vorbei die Tage, in denen Google, Apple & Co. die Daten ihrer Kunden allein des Profits wegen gnadenlos ausbeuteten. Jetzt stehen sie wie eine Wand vor dem FBI, das danach trachtet, die Handys amerikanischer Bürger auszuplündern.

          So jedenfalls erzählt Apple die Geschichte. Den Anlass dazu bietet ein Fall, der wie kein anderer dazu geeignet ist, die amerikanische Seele in Aufruhr zu versetzen, weil es dabei um einen Terroranschlag auf amerikanischem Boden geht. Mitte Dezember hat im kalifornischen San Bernadino ein Ehepaar mit Verbindung zur islamischen Terrororganisation IS 14 Menschen erschossen, 22 weitere verletzt. Seitdem sucht das FBI fieberhaft nach Hintergründen und Helfern. Manches konnte es schon zusammentragen, eines aber blieb für die mächtigste Ermittlungsbehörde der Welt ein Buch mit sieben Siegeln: das iPhone des Attentäters.

          Eine andere Meinung: An Apples Widerstand sind die Behörden mit schuld, findet Patrick Bernau

          Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es sich dabei ausgerechnet um ein Dienst-Handy der kommunalen Verwaltung handelt, bei welcher der Attentäter angestellt war. Der Eigentümer war selbstverständlich mit der Auswertung einverstanden, doch das ist leichter gesagt als getan: An die Daten kommt man nur mit der richtigen Pin. Wird zehnmal in Folge die falsche Zahlenkombination eingegeben, wird der Inhalt unwiederbringlich zerstört. Kleinlaut wandte sich das FBI an Apple und bat darum, diesen Mechanismus mit einer Software zu knacken, die allerdings noch erfunden werden muss.

          Schon an dieser Stelle reagiert der treue Apple-Kunde mit einem anerkennenden „Donnerwetter“, wollte auf den Datenschutz seit NSA und Edward Snowden doch kaum noch jemand einen Pfifferling geben. Doch diese Pointe war Apple nicht genug. Der Konzern wies auch noch das Ansinnen des FBI brüsk zurück. Das kann man, wie Apple es sich wünscht, für ein heldenhaftes Widersetzen gegen die Obrigkeit halten. Tatsächlich stellt der Konzern den Rechtsstaat aber in einer Art und Weise in Frage, die schmerzt. Man kann sicher viel am FBI kritisieren. In diesem Fall aber hält die Behörde – und nicht etwa Apple – den Rechtsweg ein. Schließlich hat ein unabhängiger Richter den zugrundeliegenden Durchsuchungsbefehl erlassen, ebenso wie die Anordnung, diesem auch Folge zu leisten.

          Apples Horrorszenario ist unverantwortlich

          Diesen fundamentalen Unterschied in der Gewaltenteilung scheint Apple schlicht nicht begriffen zu haben. Das zeigt der flammende Brief an die Kunden, in dem der Konzern seine Weigerung begründet. 14 Mal kommt darin das Wort „Regierung“, aber kein einziges Mal das Wort „Gericht“ vor. Apple befindet sich aber nicht im Streit mit einem totalitären Regime, sondern mit einem funktionierenden Rechtssystem, das die Rechte seiner Bürger ausreichend schützt, was dieser Fall exemplarisch zeigt – sonst brauchte das FBI nämlich keinen Gerichtsbeschluss.

          Apple kann gegen die Entscheidung des Gerichts nun juristisch vorgehen. Vielleicht stellt die nächste Instanz eine Rechtslücke in dem 227 Jahre alten Gesetz fest. Aber es wäre unerträglich, wenn ein Technikkonzern darüber entscheiden könnte, welcher gerichtlichen Anweisung er Folge leisten muss und welcher nicht. Der Regierung bietet das eine Steilvorlage, dem Konzern in der jüngsten Eskalationsrunde vorzuwerfen, den Fall für Marketingzwecke zu nutzen.

          Und geradezu unverantwortlich ist es, dass Apple-Chef Tim Cook ein Horrorszenario aufbaut, indem er die technische Lösung für einen Einzelfall zu einem unkontrollierbaren Geist stilisiert, der, kaum aus der Flasche, Millionen technischer Geräte befallen könnte. Tatsächlich bleibt es in der Hand von Apple, die notwendige Software nur für einen konkreten Fall zu schaffen, anzuwenden und danach wieder zu zerstören. Der Schutz von Daten gehört schließlich zur ureigensten Aufgabe des Konzerns. Auf diesem Gebiet muss er zeigen, was er kann.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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