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Kommentar : An Apples Widerstand sind die Behörden mit schuld

Ein Kunde auf dem Weg in einen Apple Store. Bild: Reuters

Apple verweigert den Behörden den Zugriff auf ein Terroristen-Handy. Die Justiz ist empört – aber hat sich den Widerstand auch selbst zuzuschreiben.

          Dieses Mal kann es heftig werden. Apple weigert sich, den Behörden eine Knack-Software für ein Terroristen-iPhone zu programmieren, und die Behörden schlagen zurück. Das Justizministerium wirft Apple einen Marketing-Gag vor, und im Präsidentschaftswahlkampf taucht sogar die Forderung nach einem Boykott auf (zugegeben: von Donald Trump). Und all das gegenüber einem Aushängeschild der amerikanischen Wirtschaft, das gerade erst wieder zum wertvollsten Unternehmen des Landes geworden ist.

          Dass der Streit so eskalieren kann, dafür gibt es einen guten Grund. Noch nie war der alte philosophische Streit zwischen Freiheit und Sicherheit auf beiden Seiten so konkret. Beide Seiten können deutlich zeigen, was auf dem Spiel steht.

          Eine andere Meinung: Apple spielt ein falsches Spiel, findet Corinna Budras

          Apple kann sich zum Verteidiger der Freiheit machen, indem es zeigt: Die Behörden wollen Zugriff auf das Handy, auf das persönlichste Gerät, das wir haben, mit allen privaten Fotos, E-Mails, gezählten Schritten. Und: Wenn die amerikanischen Behörden einmal Zugriff haben, wer kann den dann noch nutzen? Geheimdienste, Kriminelle, die chinesische Regierung?

          Amerikas Behörden dagegen haben die Chance, Apple zum Handlanger der Terroristen zu stilisieren. Immerhin geht es nicht um einen unbescholtenen Bürger, dessen Handy die Regierung einsehen will. Sondern um einen Terroristen, der auf frischer Tat ertappt wurde. Weil er im Schusswechsel getötet wurde, schadet ihm der nachträgliche Eingriff in seine Privatsphäre weniger. Und: Apple widerspricht hier einem rechtsstaatlichen Urteil! Ist das nicht unerhört?

          Amerikas Staatsmacht hat das Vertrauen selbst verspielt

          Dabei hat es sich Amerikas Staatsmacht durchaus selbst zuzuschreiben, dass Apple jetzt den Widerstand sucht – und glaubt, damit bei den Kunden beliebter zu werden. Es waren Amerikas Geheimdienste, die ohne größere Diskussion mit der Öffentlichkeit und mit rudimentären demokratischen Kontrollen die Privatsphäre von einfachen Bürgern und sogar Regierungschefs durchlöchert haben. Der Rechtsstaat, der jetzt von Apple die Entschlüsselung verlangt, hat vor diesen Spionen zu wenig Schutz geboten.

          Kaum jemand hat etwas dagegen, dass das Handy des Terroristen durchsucht wird. Aber viele Unternehmen und ihre Kunden glauben nicht mehr, dass so eine Knack-Software auf diesen Einsatz beschränkt bleibt. Das Misstrauen gegenüber den Geheimdiensten ist groß. Und Apple kann sogar auf offene Aussagen verweisen: Ein Staatsanwalt in New York freut sich schon auf die Knack-Software – er habe noch 175 weitere Handys, die er gerne einsehen würde.

          Wer zu viel überwacht, provoziert Widerstand

          Das alles muss nicht heißen, dass Apple mit seiner Verweigerung am Ende das richtige tut. Sicher ist aber, dass dieser Fall in die alte Datenschutz-Diskussion einiges Neues bringt.

          Wer der Datensicherheit seiner Technik grundsätzlich misstraut, kann lernen: Offenbar ist die neue Sicherheitstechnik von iPhones nicht komplett unsicher, zumindest die Polizeibehörde FBI kommt nicht so leicht an die gespeicherten Daten.

          Wer immer nach härteren Datenschutz-Regeln ruft, kann jetzt feststellen: Wenn es genügend Wettbewerb gibt, schützen private Unternehmen die eigenen Daten manchmal besser als jedes Gesetz.

          Freunde der Sicherheit und der Überwachung merken jetzt: Wer es mit dem Abhören zu weit treibt, der provoziert technischen Widerstand. Dieser Widerstand muss nicht immer so offen ausfallen wie jetzt bei Apple. Es gibt noch mehr Wege, die eigenen Daten zu schützen. Je größer der Anreiz ist, die zu nutzen, umso eher schaden die Überwacher ihrem eigenen Anliegen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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