https://www.faz.net/-gqe-qxkd

Kampagne : Wir in Deutschland

  • Aktualisiert am

Geht jetzt endlich ein Ruck durchs Land? Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ab Montag soll ein Ruck durch unser Land gehen. So wünschen es sich zumindest die Initiatoren von „Du bist Deutschland“. Wie Verlage und Fernsehsender mit einer groß angelegten Imagekampagne die Stimmung verbessern wollen.

          2 Min.

          Soviel Deutschland war selten. Ruck-Altbundespräsident Roman Herzog betreibt einen „Konvent für Deutschland“.

          Industrie und Bundesregierung haben einen „Fanclub Deutschland 06“ gegründet, der das Image des Landes zur Fußballweltmeisterschaft aufpolieren soll. Und jetzt, eine Woche nach der Bundestagswahl, startete die Medienbranche in nie dagewesener Eintracht eine Gute-Laune-Kampagne: „Du bist Deutschland“.

          Der Anspruch, mit dem die Organisatoren daherkommen, ist nicht gerade bescheiden: Sie wollen gegen Nörgler, Schlechtredner und Selbstzweifler angehen. Nicht mehr lange soll jeder zweite Deutsche bekunden müssen, er habe Angst vor der Zukunft. „Wir wollen einen Aufbruch in Deutschland erreichen“, sagt der Leiter der Kampagne, Bernd Bauer.

          Natürlich weiß auch Bauer, bis vor kurzem Chef der Unternehmenskommunikation bei Bertelsmann, um das Schicksal der meisten von vielleicht einem Dutzend Reformbewegungen, die rechtschaffene Bürger und besorgte Wirtschaftskapitäne aufgelegt haben. Alle mit dem Ziel, das Land nach vorn zu bringen.

          „Du“ ist die emotionalere Ansprache

          Ob „Wir für Deutschland“, die „Initiative für Deutschland“, der „Bürgerkonvent“ oder der „Konvent für Deutschland“, die meisten Initiativen wirken - wenn überhaupt - im Verborgenen. Das gilt auch für internetgesteuerte Bewegungen wie „reformpolitik.jetzt.de“ auf deren Homepage sich seit Dezember 2002 gerade einmal 2285 Besucher verirrt haben.

          Folgenreicher wirken da schon Reform-Initiativen mit klarem Auftrag und sattem Budget. Die Initiative neue Soziale Marktwirtschaft etwa wird von den Metallarbeitgebern mit mehreren Millionen Euro im Jahr finanziert und fordert mit Anzeigenkampagnen und Studien mehr Marktwirtschaft ein. Oder die „Stiftung Marktwirtschaft“. Deren Auftrag ist Politikberatung auf Basis liberaler Grundsätze.

          „Du bist Deutschland“ wählt einen anderen Ansatz. „Wir müssen jeden einzelnen erreichen“, sagt Bauer. Deshalb ist die Kampagne emotional, deshalb spricht sie den Konsumenten direkt mit einem provokanten „Du“ an, deshalb wird sie in den kommenden drei Monaten wie eine Flut über das Land hereinbrechen.

          Flächendeckend werden die Fernsehsender, private wie öffentlich-rechtliche, von Montag abend an die Spots ausstrahlen, in denen Stars wie Franz Beckenbauer und der farbige Fußballer Gerald Asamoah, die Eisprinzessin Katarina Witt, Fernsehstars wie Günter Jauch und Intellektuelle wie Marcel Reich-Ranicki ihr Bekenntnis zu Deutschland ablegen.

          Initiatoren hoffen, daß viele Bürger aktiv werden

          Damit es dabei an Nachdenklichkeit nicht fehlt, kommen auch die flugblattwerfenden Geschwister Scholl (vor durchgestrichenen SS-Symbolen) in der Münchener Universität ins Bild, ein Behinderter zeigt im Stelenfeld des Berliner Holocaustmahnmals, daß auch er „Deutschland“ ist.

          Fortgeführt wird die Kampagne in Kinos und auf den Anzeigenseiten von Zeitungen und Zeitschriften. 14 Verlagshäuser, auch die F.A.Z., und alle Fernsehsender machen mit bei dieser nicht nur größten Werbekampagne des Jahres sondern angeblich auch größten Sozialkampagne der deutschen Geschichte.

          Auf mehr als 33 Millionen Euro berechnet sich das Brutto-Werbevolumen der von Sendern und Verlagen kostenfrei zur Verfügung gestellten Werbeplätze. Die Stars und Sternchen haben für ihre Auftritte kein Honorar genommen, die Agenturen, die die Konzepte entworfen haben und die Kampagne begleiten, arbeiten unentgeltlich. Die Initiatoren hoffen, daß so viele Bürger aktiv werden. „Tu was“, wollen sie ihnen zurufen: „Mach was, Du kannst das“.

          „Wir starten, egal wer gewinnt“

          Geboren wurde die Idee im Oktober 2004, im Rahmen der von Kanzler Gerhard Schröder angeregten Initiative „Partner für Innovation“. Schröder hätten Idee und Konzept gefallen. Seiner Konkurrentin Angela Merkel auch, beeilt sich Bertelsmann-Vorstand Bernd Kundrun festzustellen und versichert, die Kampagne sei überparteilich und allein von der Wirtschaft finanziert.

          Eigentlich hatte sie bereits im Juni starten sollen. Doch dann sei der Wahlkampf dazwischen gekommen, weshalb sie verschoben worden sei. Zwar sei die Lage nach der Wahl auch nicht klarer, doch spreche nun nichts gegen den Start am Montag, sagt Kundrun: „Wir starten, egal wer gewinnt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.