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Jugendschutz : Was macht mein Kind im Internet?

  • -Aktualisiert am

Kinder lernen früh mit Computern umzugehen, Eltern sollten den Anschluss nicht verpassen Bild: ddp

Es gibt eine digitale Kluft zwischen den Generationen. Im Internet finden Teenager Rückzugsorte, wo sie chatten, spielen, neue Freunde kennenlernen und ihr Seelenleben ausbreiten können. Die Eltern kommen oft nicht mehr mit - und sind blind für die Gefahren.

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          Das ging Bärbel Lüddemann dann doch zu weit. Ihr Sohn Tobi, 17 Jahre alt, hing sowieso schon täglich vor dem Computerbildschirm und verschwand in virtuellen Welten. Jetzt hatte er sich verabredet - mit drei Jungen, die er im Online-Spiel OGame kennengelernt hatte. „Tobi wusste gar nicht, was das für Leute waren, und dann wollte er sich mit ihnen treffen“, sagt Mutter Lüddemann. „Das war uns unheimlich.“

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sie überredete ihren Sohn, zu Hause zu bleiben. Prompt kassierte Tobi Lüddemann im Spiel eine Strafe von den beleidigten Mitspielern. Zu Recht, meint er heute, zwei Jahre später: „Das Treffen fand in einem öffentlichen Café statt. Das wäre bestimmt harmlos gewesen.“ Vielleicht. Doch Eltern sorgen sich darum, was ihre Söhne und Töchter im Internet treiben und welche Gefahren ihnen dort drohen. Konnten sie ihren Kindern für die wirkliche Welt noch Tipps an die Hand geben wie: „Nimm keine Bonbons von Fremden“ oder: „Fahr nicht bei ihnen im Auto mit“, sind sie in der virtuellen Welt plötzlich hilflos. Während die Teenager sich längst wie selbstverständlich im Netz bewegen, verstehen viele Eltern nicht mehr, was ihre Kinder dort tun.

          Digitale Kluft zwischen Eltern und Kindern

          Zwischen Wohnzimmer und Kinderzimmer hat sich eine digitale Kluft aufgetan. 97 Prozent der Deutschen zwischen 14 und 19 Jahren nutzen das Internet. Bei den 40 bis 49-Jährigen sind es nur 72 Prozent. Durchschnittlich 155 Minuten verbringen Teenager jeden Tag im Netz, die 30 bis 49 Jahre alten Deutschen kommen nur auf 116 Minuten, obwohl viele von ihnen das Netz beruflich nutzen.

          Der größte Unterschied aber zwischen Eltern und ihren Kindern liegt darin, was sie tatsächlich tun, wenn sie online sind. Sabine Feierabend, Autorin der Studie „Jugend, Information, (Multi-)Media“ (JIM) sieht die digitale Kluft „vor allem bei den Inhalten. Kinder und Jugendliche sind im Internet spiel- und unterhaltungsorientiert. Sie wollen sich selbst darstellen und ihre Freunde treffen. Erwachsene sind stärker informationsorientiert.“ Laut JIM sind Teenager im Netz vor allem damit beschäftigt, sich mit Freunden auszutauschen - über Instant Messenger wie ICQ und über E-Mail. Mehr als ein Viertel von ihnen besucht außerdem regelmäßig Chatrooms. Etwa ein Fünftel der Zeit im Netz spielen sie Online-Spiele, häufig mit mehreren Mitspielern.

          Die Eltern sind ausgeschlossen

          „Das Internet gibt den Teenagern das Wir-Gefühl, das sie in diesem Alter brauchen“, sagt Feierabend. „Früher hat man direkt nach der Schule zwei Stunden lang mit der Freundin telefoniert, heute chattet man mit ihr im Netz.“ Die Eltern sind ausgeschlossen. Sie mit in den Chat zu nehmen, in dem oft hemmungslos geflirtet oder gelästert wird, ist viel zu peinlich.

          Ihnen die eigene Myspace-Seite zu zeigen, auf der die Kumpel lustige Kommentare über die letzten Trinkgelage hinterlassen und die Freundin „vermisse dich“ flötet, ist ebenfalls tabu. Was bleibt, ist eine diffuse Angst der Eltern. Früher hatte man sein Kind in Sicherheit gebracht, sobald es daheim war. Heute driftet es aus dem Kinderzimmer ab in die Weiten der Netzwelt - und bleibt dort nicht lange unbehelligt. Auch im Internet lauern Menschen, die Daten stehlen oder Kindern teure Dienste aufschwatzen, die später die Eltern bezahlen müssen.

          Veröffentlichung ihres vollständigen Namens

          Allzu leicht landet die Tochter auf einer Pornoseite, nur weil sie beim Eintippen des Namens „Britney Spears“ einen Buchstaben vertauscht hat. Auch wer bei der Blog-Suche von Google mit dem Stichwort „Teenager“ sucht, findet zuerst Seiten mit Nacktfotos. Wirklich gefährlich wird es dort, wo die Teenager die schützende Anonymität des Netzes aufgeben, um sich selbst darzustellen. Privates und Öffentliches verschwimmen.

          Auf Seiten wie SchülerVZ veröffentlichen Mädchen ihren vollständigen Namen, ihren Wohnort, ihre Schule, die Klasse - und stellen dazu ein süßes Bikini-Foto. Noch problematischer ist es, wenn sie im Netz neue Freundschaften knüpfen, zum Beispiel auf Seiten wie „Knuddels“, Deutschlands beliebtestem Teenie-Chat. So knuddelig die Optik, so klar geht es in den Flirtforen zu, wo eine neue Besucherin durchaus einmal mit „Na, Süße. Biste geil?“ begrüßt wird.

          In technischen Fertigkeiten den Kindern unterlegen

          57 Prozent der chattenden Mädchen berichten, im Chat schon einmal belästigt worden zu sein. Etwa ein Viertel der Chat-Nutzer hat Fremden schon einmal Name, Adresse oder Telefonnummer preisgegeben oder sich mit Bekanntschaften aus dem Chat getroffen. Jeder zehnte von ihnen machte dabei unangenehme Erfahrungen, vor allem Mädchen.

          In Amerika haben diese Ängste längst zu einer Elternbewegung geführt, die das Internetverhalten ihrer Kinder überwachen und kontrollieren will. Das ist schwierig, vor allem weil die Eltern ihren Kindern in den technischen Fertigkeiten oft unterlegen sind. Einige Web-Seiten-Betreiber versuchen schon, ihre Seiten so sicher wie möglich zu machen, um ihr Geschäftsmodell zu retten.

          „Die Eltern müssen sich in die Welt einarbeiten“

          Die Online-Welt „Habbo Hotel“ habe 200 Mitarbeiter, die die Gespräche der Jugendlichen ständig überwachten, sagt ein Sprecher des Entwicklers, der finnischen Firma Sulake. Den Benutzern werden immer wieder Sicherheitstipps eingeblendet. Kinderschutz-Vereine halten regelmäßig Sprechstunden ab. Die Teilnehmer seien sich bewusst, wie wichtig Sicherheit ist, sagt der Sprecher: „Für diese Sprechstunden gibt es richtige Warteschlangen.“

          Den Kindern das Internet ganz zu verbieten - das kann schnell nach hinten losgehen, glaubt Bärbel Lüddemann: „Dann gehen sie zu Freunden. Das Sinnvollste ist, viel mit den Kindern zu reden und Regeln zu bilden je nach Alter.“ Vor allem aber müsse man sich interessieren. „Die Eltern müssen sich einarbeiten in die Internet-welt ihrer Kinder. Wieso sollten die Kinder mit mir als Mutter über das Netz reden, wenn ich guck wie eine Kuh, wenn's donnert?“

          Kleine Internet-Schule für Eltern

          Um mitreden zu können, gilt zuallererst: Lassen Sie sich von Ihrem Kind am Computer zeigen, wofür es sich im Internet interessiert. Fragen Sie ruhig einmal , was Ihr Kind für gefährlich hält im Netz. Und dann bringen Sie viel Zeit mit, und probieren Sie alles aus, was legal ist.

          Auf jeden Fall sollten Sie einmal in eine der Online-Gemeinschaften hineinschauen und von Seite zu Seite surfen . Empfehlenswert ist Myspace oder StudiVZ, da man dort keine Einladung benötigt. Interessanter für Teenager-Eltern ist SchülerVZ. Um dort zu schauen, müssen Sie aber erst einmal ein Mitglied finden, das Sie einlädt. Vielleicht Ihre Tochter?

          Bei Knuddels oder in einem anderen Chat-Forum einmal mitzuchatten ist sehr interessant, um zu sehen, wie die Jugendlichen dort miteinander umgehen. Schauen Sie auch in die verschiedenen Blogs im Internet, und beobachten Sie, ob und wie die Blogger ihre Anonymität wahren.

          Online-Spiele sind häufig sehr aufwendig und nur langsam zu erlernen. Falls Ihre Kinder Feuer gefangen haben, lassen Sie sich das Spiel erst einmal von ihnen erklären, bevor Sie es selbst ausprobieren.

          Wenn Sie sich schließlich ein bisschen auskennen, sprechen Sie mit Ihrem Kind über mögliche Gefahren. Es wird Ihnen jetzt viel besser zuhören. Weil Sie endlich auch wissen, was Spaß macht im Internet.

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