https://www.faz.net/-gqe-6xubj

IPTV : Fernsehen emanzipiert sich vom Fernseher

Schöne neue TV-Welt: Fernsehgerät mit Apps Bild: Hersteller

Internet wird als Verbreitungsweg fürs Fernsehen wichtiger. IPTV bietet nicht nur Live-Fernsehen. Das eröffnet neue Risiken für die Inhalte- und Geräteanbieter.

          2 Min.

          In der Moderne feiert ausgerechnet Opas alter Fernseher Auferstehung. Googles Videodienst Youtube illustriert seine App auf Smartphones mit dem Signet eines Röhrengerätes. Dabei liegen zwischen der analogen Fernsehepoche mit drei TV-Programmen in Deutschland und der heutigen digitalen Programmvielfalt Welten - technisch und inhaltlich ebenso wie wirtschaftlich. Das Zauberkürzel fürs große Geschäft heißt IPTV. "Internet Protocol Television" bezeichnet zunächst nur den Übertragungsweg: Fernsehprogramme und Filme kommen über das Internet ins Haus anstatt über die drei klassischen Verbreitungskanäle Antenne, Kabel oder Satellit.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sowohl die Inhalte wie auch die Geräte gehen aber weit über das hinaus, was man bislang traditionellerweise unter Fernsehen verstand. IPTV "läuft" nicht nur auf dem Fernseher, sondern ebenso auf PCs und auf Smartphones und Tabletcomputern - dem Wachstumsmarkt der Zukunft. Und IPTV ist viel mehr als die im Netz übertragenen Live-Programme von TV-Sendern: Unter den Begriff fallen geschlossene Netzwerke (Entertain/Deutsche Telekom oder Vodafone TV) genauso wie die Anbieter nutzergenerierter Videoinhalte, kurz UGVC (Youtube oder Vimeo); dazu zählen Online-Videotheken wie iTunes oder Maxdome ebenso wie Web-TV- und Mobile-TV-Anbieter.

          Die Nutzung von mobilem Fernsehen auf Smartphones und Tablets Bilderstrecke

          Bewegtbilder benötigen hohe Datenbandbreiten. Deshalb hat das Thema erst richtig an Fahrt aufgenommen, seit der Großteil der Haushalte Zugriff auf Megabit-Verbindungen hat. Heute ist der Zug nicht mehr aufzuhalten, glaubt man den Fachleuten: "IPTV hat sich als Fernsehen der Zukunft etabliert", resümiert das Beratungsunternehmen Goetzpartners, das regelmäßig die Entwicklung des Bereichs in Konsumentenstudien erforscht, und zählt auf: Zum Zeitpunkt der jüngsten Studie im vergangenen Jahr buchten demnach in Frankreich 4,5 Millionen Abonnenten das IPTV-Angebot Freebox des Mobilfunkbetreibers Free. In Amerika nutzten 3,7 Millionen das Fios-TV-Angebot von Verizon. In Deutschland zählte die Deutsche Telekom 1,3 Millionen angeschlossene Entertain-Kunden. Der Video-on-Demand-Anbieter Netflix erreichte eine Zahl von 25 Millionen Abonnenten, und Youtube knackte im Mai erstmals die Marke von 3 Milliarden Videoaufrufen an einem Tag.

          Wer nun vor allem die deutschen Zahlen nicht für sonderlich beeindruckend hält, liegt auf den ersten Blick durchaus richtig. Anders als Franzosen oder Briten sind die Deutschen an frei empfangbares Fernsehen gewöhnt; anders als bei den Nachbarn hält sich das Bezahlfernsehangebot in Grenzen. Und dass TV aus der Telefondose kommt, ist erklärungs- und gewöhnungsbedürftig. So stellte das Beratungsunternehmen Booz & Company fest, dass die Fernsehangebote der Telekommunikationsfirmen "für sich gerechnet" nicht immer profitabel seien; zumindest aber profitiere die Marke und die Kundenbindung.

          „Any content, any device, any time, any place“

          Der Trend weist zumindest klar nach oben. "Die regelmäßige Nutzung von IPTV-Angeboten in Deutschland hat im Vergleich zu 2008 über alle IPTV-Kategorien mit durchschnittlich 57,3 Prozent deutlich zugenommen", heißt es in der Goetzpartners-Studie. Zugleich ist der Konsum von Fernsehen und Filmen über das Netz für die meisten schon eine Selbstverständlichkeit: "IPTV-Angebote sind mittlerweile nahezu allen Konsumenten bekannt."

          Vom Wachstumstrend profitieren die Anbieter von Inhalten und Infrastruktur genauso wie die Geräteproduzenten. Die exponentiell zunehmende Zahl von Smartphones und Tabletcomputern korrespondiert mit dem Interesse ihrer Besitzer, auf den Mobilgeräten auch Filme zu betrachten - gemäß dem Motto "Any content, any device, any time, any place" (jeder Inhalt, auf jedem Gerät, zu jeder Zeit und an jedem Ort).

          Kaum ein Experte bezweifelt, dass die Konsumelektronikindustrie hier künftig ihre größten Wachstumsraten verbuchen wird. Doch der Fernseher ist nicht tot, auch wenn sich das Fernsehen langsam von ihm emanzipiert. "In erster Linie möchten die Konsumenten Bewegtbildinhalte nach wie vor auf ihren TV-Geräten nutzen", lautet ein Resümee der Goetzpartners-Verbraucherstudie. Eine Erkenntnis, der die Hersteller gern nachkommen. Die Zahl der internetfähigen Fernsehgeräte wächst rasant. Bis zum Herbst vergangenen Jahres wurden allein in Deutschland rund vier Millionen dieser sogenannten Smart-TVs verkauft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Krise der AfD : „Im Grunde haben wir keine Führung“

          Die AfD ist im Tief. Es ist unklar, für was sie thematisch überhaupt noch stehen will. Viele Abgeordnete im Bundestag machen die Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel und Alexander Gauland dafür verantwortlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.