https://www.faz.net/-gqe-c9p

Medien : „In zehn Jahren ist Google tot“

  • Aktualisiert am

Warum sollte der anders handeln als Sie? Der muss doch genauso seine Kunden, die Leser, im Blick haben und darf die Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen.
Private Equity denkt aber nicht in Kategorien wie wir als Familienunternehmer in der zwölften Generation und mit fast 400 Jahren Historie.

Die Tradition hilft Ihnen wenig, wenn das Anzeigengeschäft wegbricht.
Diese Angst halte ich für übertrieben. Schauen Sie auf den Stellenmarkt: Da wird wieder mehr gebucht.

Solange die Wirtschaft so brummt wie jetzt.
Nicht nur wegen der Konjunktur. Spezialisierte Fachkräfte finden die Firmen eben leichter durch die Zeitung. Suchen Sie mal in den ewigen Weiten des Internets einen Sales Manager für Brasilien - hoffnungslos. Richtig ist, dass der Kfz-Markt so gut wie verschwunden ist. Aber auch das gab es schon. In den Anfangszeiten des Computers waren die Zeitungen gespickt mit PC-Anzeigen, die sind alle verlorengegangen, genauso wie die HiFi-Anzeigen. Die Zeitung hat das verkraftet. Vieles spricht für die These, dass wir uns alle sieben Jahre häuten müssen wie eine Schlange. Jetzt sind wir mal wieder soweit.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat vorgeschlagen, der Staat müsse die Zeitung als Kulturgut alimentieren, um sie am Leben zu halten. Was halten Sie davon?
Davon rate ich dringend ab. Das führt nur zu einer Subventionierung nach politischem Wohlwollen. Die öffentlich-rechtlichen Sender hat die Politik schon, das reicht.

Ihr Verlag soll sich zum „Informationshandelshaus“ wandeln. Was soll das bedeuten?
Das Schlagwort habe ich erstmals 1996 gebraucht. Oh je, schlug mir da eine Welle entgegen: Sind wir jetzt Edeka oder Rewe? Wo bleibt der publizistische Anspruch? Jetzt dürfen wir den Begriff verwenden. Ein Handelshaus ist ja nichts Schlechtes, wenn es auch hochwertige Ware vertreibt. Auf uns übertragen, heißt das nur, dass wir Inhalte in der alten und digitalen Welt in unterschiedlichste Kanäle vertreiben, die in sich unterschiedliche Qualitätsansprüche haben.

Die wenigsten Verlage verdienen mit Inhalten im Netz Geld.
Leider. Mein Modell war bis vor kurzem das Online-Angebot des Wall Street Journal. Mehrere hunderttausend Abonnenten haben für Nachrichten und Hintergrund bezahlt - ich habe das in unserem Haus immer als Vision präsentiert. Als der neue Eigentümer Rupert Murdoch jetzt angekündigt hat, der Dienst koste nichts mehr, da brach für mich eine Welt zusammen.

Sie strecken die Waffen angesichts der Kostenlos-Mentalität im Internet?
Nein. Im Moment hat nur niemand in der Branche eine Lösung. Aber es kann nicht sein, dass die Medienhäuser in Deutschland grob geschätzt neun Milliarden Euro für Nachrichteninhalte ausgeben, die sie dann kostenlos ins Internet stellen. Wir bezahlen Suchmaschinen sogar dafür, dass sie uns oben listen. Bei uns bröckeln Auflage wie Anzeigen, und Google schöpft mit unserer Hilfe den Werbemarkt ab. Das ist pervers.

Ihre Konkurrenz, Konzerne wie Holtzbrinck, Springer oder Burda, kaufen wie wild Online-Firmen fernab des Zeitungsgeschäfts. Haben Sie da etwas verpasst?
Nein. Auch wir kaufen hier und da ein Portal und werden diese Aktivitäten noch verstärken. Bei mancher Investition der Verlagskollegen zweifle ich aber, ob die Rechnung aufgeht beziehungsweise das strategische Ziel erreicht wird. Wenn wir links oder rechts der Straße etwas Interessantes entdecken, greifen auch wir zu - am Budget wird es nicht scheitern. Youtube ist weg. Mal gucken, was Youtube 3.0 bringt.

Der Markt in der digitalen Welt ist noch nicht verteilt?
Keineswegs. An meinem fünfzigsten Geburtstag im Frühjahr habe ich die These aufgestellt: In zehn Jahren ist Google tot. Ich habe in der Tat die Hoffnung, dass das, was sich jetzt im Markt befindet, übermorgen nicht mehr existiert. Die ersten Anzeichen dafür sehen Sie schon: die Ebay-Euphorie ist vorbei. Der Lebenszyklus der Internet-Ideen ist sowohl technisch wie inhaltlich ganz anders als bei herkömmlichen Unternehmen in der Old Economy. Dieser Nachteil hat den Vorteil, dass der Markt mit neuen Ideen immer wieder neu erobert werden kann.

Weitere Themen

Mainzer Goldgrube im Kampf gegen die Pandemie Video-Seite öffnen

Globaler Hoffnungsträger : Mainzer Goldgrube im Kampf gegen die Pandemie

Voriges Jahr war die Mainzer Biotechnologiefirma Biontech noch weithin unbekannt, nun hat sie sich zum globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen die Corona-Pandemie gemausert. Zusammen mit dem amerikanischen Pharmariesen Pfizer entwickelte Biontech einen nach eigenen Angaben zu mehr als 90 Prozent wirksamen Impfstoff gegen das Virus.

Topmeldungen

Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.