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Interview mit dem Google-Chefökonomen : Google macht uns Angst, Herr Varian

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Natürlich. Datendiebstahl ist eine der größten Sorgen, die Menschen haben. Wenn wir die Leute fragen, was ihnen an ihrer Privatsphäre wichtig ist, dann sagen sie: Angst vor Identitätsdiebstahl und davor, dass ihre Kreditkartennummer gestohlen wird. Das sind Fragen der Sicherheit, nicht der Privatsphäre. Und jedes Unternehmen mit Nutzerdaten bemüht sich sehr, sie zu schützen. Aber es ist wie mit jeder anderen kriminellen Aktivität: Es wird gelegentlich etwas geschehen. Wir tun, was wir können. Wir verschlüsseln alle Daten, wenn wir sie mit dem Nutzer oder zwischen unseren Datenzentren austauschen.

Aber noch nicht lange.

Wir waren einer der ersten Anbieter mit E-Mail-Verschlüsselung – was wir übrigens auch bei Suchanfragen machen. Den Verkehr zwischen den Datenzentren verschlüsseln wir noch nicht so lange. Früher dachten wir, der wäre auch so recht sicher. Mittlerweile sind wir eines Besseren belehrt worden und verschlüsseln auch intern.

Die amerikanischen Konzerne dominieren das Internet. Hat Europa in dieser Frage versagt?

Gucken Sie sich mal die Grundtechniken des Internets an, die wir gelegentlich mit „LAMP“ abkürzen: Das Betriebssystem „Linux“ kommt aus Finnland. Der Internetserver „Apache“ steht für das World Wide Web, das im Cern in der Schweiz entwickelt wurde. Die Datenbank „MySQL“ stammt aus Schweden, die Programmiersprache „Python“ aus den Niederlanden. Das Internet der Dinge wird vorangetrieben vom Minicomputer „Raspberry Pi“ aus England. Die Werkzeuge gibt es also in Europa.

Und wo liegt dann das Problem?

Ich glaube, es gibt ein Finanzproblem. Die Start-up-Kultur ist nicht sehr weit entwickelt. Man kommt nur schwer von einem kleinen Startup zu einem mittleren und dann an die Börse. Das liegt auch daran, dass es mehr Versagensangst gibt. Wer in Amerika scheitert, fängt noch mal von vorne an. In Europa muss man es beim ersten Mal richtig machen: Man investiert nur, wenn man sich seines Erfolgs sicher ist. Aber man muss unterschiedliche Dinge ausprobieren. Wir hoffen, das mit unserem neuen „Google Ventures Fund“ zu tun. Denn Europa ist toll zum Investieren, es gibt viel Talent hier.

Aber Sie rechnen nicht mit einem großen neuen Konkurrenten aus Europa?

Tja, was ist ein Konkurrent? Gucken wir auf die Suche: Natürlich kann hier ein neuer Wettbewerber kommen. Aber wir verdienen unser Geld mit Werbung.

Mit Werbung, die Sie individuell auf die Suchanfragen ausrichten, um jeden Nutzer anzusprechen. Kann das jemand besser machen?

Ich wette mit Ihnen: In ein paar Jahren wird es auf Basis von Anzeigen einige neue Dienste geben, die zu unseren Konkurrenten werden. Facebook ist ein gutes Beispiel: Vor fünf oder sechs Jahren waren sie noch nicht relevant, heute sind sie eine wichtige Kraft in der Marketing-Welt.

Wie wird Google in zwanzig Jahren aussehen?

Das würden wir auch gerne wissen. Haben Sie danach schon mal auf Google gesucht? Sehen Sie, Googles Mission ist, die Informationen der Welt zu organisieren, um sie für jedermann zugänglich zu machen. In zwanzig Jahren werden wir das immer noch tun, aber es wird komplett anders aussehen, wie wir es tun. Wir werden in ständiger Kommunikation mit der Cloud oder dem Computer sein, und wir werden ständig über alles informiert sein. Der Google-Gründer Larry Page hat immer gesagt, das Problem mit Google ist: Man muss immer eine Frage stellen. Die Antworten sollte es aber auch schon ohne die Eingabe einer Frage geben. Wir haben das immer für einen Witz gehalten, aber es stimmt.

Das Gespräch führten Patrick Bernau und Corinna Budras.

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