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Interview mit dem Google-Chefökonomen : Google macht uns Angst, Herr Varian

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Aber da würde mich auch interessieren, ob das irgendjemand haben möchte. Warum meinen Sie, dass Ihre gesammelten Suchanfragen für irgendjemanden außer Ihnen interessant sein könnten?

Ihre Konkurrenten wie Bing könnten noch besser werden.

Vielleicht, aber Bing hat schon jetzt Abermillionen Informationen über Suchverhalten. Gucken Sie sich mal Ihre eigenen Suchanfragen an und fragen sich ernsthaft: Wen könnte das interessieren?

Aber warum interessiert es dann Sie?

Für uns ist es wichtig für Angebote wie Google Now, das wie ein persönlicher Assistent funktioniert. Bei diesem anmeldepflichtigen Service entscheiden Sie sich, Ihre Daten zu teilen, damit Ihnen Unterstützung angeboten werden kann. Nehmen wir an, in Ihrem Kalender steht ein Meeting, auf der Straße ist viel los, es gibt eine Menge Staus, dann kann Ihnen dieser Assistent mitteilen, dass Sie zehn Minuten früher losgehen sollten. Er sieht das an Ihrem Kalender, den Straßenkarten und den Verkehrsbedingungen. Oder er weist Sie auf Ihrer Reise in Berlin auf interessante Sehenswürdigkeiten hin oder darauf, dass Ihr Flugzeug um eine halbe Stunde verspätet ist.

Der Chefökonom im Besprechungsraum „Oberbaumbrücke“ des Berliner Google-Büros.
Der Chefökonom im Besprechungsraum „Oberbaumbrücke“ des Berliner Google-Büros. : Bild: Lüdecke, Matthias

Also sind Sie doch an den Daten des Einzelnen interessiert? Das ist schließlich Ihr Geschäftsmodell.

Die anonymisierten Suchanfragen von Millionen Menschen sind natürlich sehr interessant. Aber die Suchanfragen des Einzelnen sind nicht relevant oder nur dann, wenn Sie auch einen persönlichen Assistenten nutzen wollen.

Sie können aber für den Ehepartner interessant sein. Oder den Arbeitgeber oder Versicherungen.

Sie meinen, Ihre Ehefrau hätte gerne Ihre Suchanfragen? Ich bezweifle, dass das ein interessantes Geschäftsmodell wäre.

Meine Frau vielleicht nicht, aber mein Versicherer?

Sehen Sie, Versicherer wollen zum Beispiel wissen, wie oft Sie die Verkehrsregeln übertreten und ob Sie Ihr Haus abschließen.

Nehmen wir an, ich würde Fallschirm springen ...

Bekommen Sie wirklich einen anderen Tarif, wenn Sie Fallschirm springen? Warum fragen die dann nicht einfach?

Das tun sie auch.

Wirklich? Wow! Aber warum brauchen die dann noch die Geschichte Ihrer Suchanfragen?

Um zu sehen, ob sich das Verhalten mit der Zeit ändert.

Die Versicherungen fragen Sie schon jetzt, ob Sie Raucher sind. Wenn Sie an dieser Stelle lügen, merken es die Versicherungen spätestens, wenn Sie an Lungenkrebs erkranken. Und dann machen sie einen Rückzieher. In Amerika geht es vielen Leuten darum, was die Versicherung im Schadensfall feststellen kann.

Und jetzt kommt die Angst hinzu, dass die Menschen mehr zahlen müssen, wenn sie ihre Daten nicht preisgeben oder die Versicherungen von gefährlichen Gewohnheiten erfahren.

Das scheint mir immer weit hergeholt, denn vieles lässt sich auch nachher feststellen. Aber es gibt interessante Entwicklungen: Es gibt inzwischen kleine Geräte, die Sie an Ihr Auto anschließen können. Die messen dann, wie Sie fahren. Dadurch können Sie 20 Prozent Rabatt bekommen. Das heißt: Jetzt können die Leute einen Vertrag auf ihr Verhalten abschließen. Das ging vorher nicht. Stellen Sie sich vor, jemand hat ein Alkoholproblem. Die Polizei kann sagen: Wenn Sie diesen Alkoholtester im Auto installieren, können Sie weiterfahren, aber wenn Sie das nicht tun, behalten wir den Führerschein. Ist das eine gute Sache?

Was meinen Sie?

Ich glaube schon. Sie haben die Wahl: Sie können Ihren Führerschein abgeben oder den Alkoholtester installieren.

Viele Leute haben nicht nur Angst vor einer Datennutzung. Sie fürchten auch, dass ihre Daten heimlich abgezogen werden.

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