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Internetunternehmen : Goldgräber an der Börse

Vorbild Alibaba: Gründer Jack Ma freut sich an der Wall Street über den größten Börsengang der Welt Bild: TODD HEISLER/The New York Times/

Vierzehn Jahre nach dem Niedergang des Neuen Marktes kommen wieder Internetunternehmen an den Aktienmarkt. Bedenkenträger warnen vor zu viel Internet an der Börse, doch die Chancen sind immens.

          6 Min.

          Ein bisschen ist es wie bei James Bond. Da ist jemand dabei, mit hochfliegenden Plänen die Welt zu erobern. In diesem Fall die Konsumwelt. „Alle Konsumausgaben“ sollen künftig über seine Plattform laufen, sagt Oliver Samwer, Gründer des Berliner Unternehmens Rocket Internet. Er will nicht nur der Erste auf einem Markt sein, er will dort auch der Größte sein. Und das nicht nur mit knappem Vorsprung, sondern er will den Markt dominieren. „Wenn andere drei Monate brauchen, um drei gute Leute zu finden, dann müssen wir es in dieser Zeit schaffen, drei Länder zu launchen.“ Samwer spricht von „meinen Ländern“, schrieb einmal an seine Mitarbeiter, der Kampf um die Herrschaft im Internet könne nur über schnelle Siege gewonnen werden. „Ich bin der aggressivste Mann im Internet. Ich würde sterben, um zu gewinnen. Und ich erwarte dasselbe von Euch.“

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Samwer hat die Wortwahl später bedauert, zeigt sich aber auch am Mittwoch im 21. und damit obersten Stockwerk des Frankfurter Intercontinental Hotel bei der Vorstellung seiner Börsenpläne entschlossen. „Wir akzeptieren kein Nein als Antwort“; „wir machen Fehler nicht ein zweites Mal“; „Rocket steht nie still.“ Wenn seine Analysten einen Zielmarkt ausfindig gemacht haben, dann habe Rocket am nächsten Tag ein Team von 40, 50 Experten beisammen, um die Sache schnellstmöglich umzusetzen und am besten auf 100 Länder auszudehnen.

          Rocket Internet will omnipräsent auf Smartphones sein

          Das Ziel von Rocket Internet ist es, auf dem Display der Smartphones der Menschen mit seinen Icons eine dominierende Stellung einzunehmen. „Wir sind das Ebay von Lagos, wir sind zugleich das Amazon von Nigeria, das Autoscout 24, das Immoscout 24. Wenn jemand ein Taxi oder eine Pizza bestellen will, dann macht er das über uns, und wenn er Kleidung kaufen will, auch“, sagt Samwer. So soll es möglichst in allen Ländern Afrikas, Südamerikas und Asiens sein.

          Mehr als 100 Unternehmen hat Rocket Internet schon gegründet und entwickelt. Nur Gewinn wirft die Sache noch nicht ab, und die Umsätze sind dürftig. „Wir haben für den Börsengang eine andere Vermarktungsstrategie gewählt als sonst“, sagt Oliver Diehl, der das Kapitalmarktgeschäft der Berenberg Bank leitet und schon zahlreiche Börsengänge federführend begleitet hat.

          Man habe die Investoren nicht am Tag der Ankündigung des Börsengangs allein lassen können mit einem so komplexen Unternehmen, welches aus mehr als 100 Einzelunternehmen besteht und in den weniger transparenten Entry Standard der Frankfurter Börse strebt, aber 1,5 Milliarden Euro von den Anlegern einsammeln möchte und somit einen Börsenwert jenseits der Lufthansa anstrebt. „Wir sind daher seit einigen Monaten zu Investoren gereist, damit das Management-Team frühzeitig eine Beziehung zu seinen zukünftigen Aktionären aufbauen konnte“, so Diehl.

          Auftragsbuch blitzschnell überzeichnet

          Offenbar mit Erfolg. Schon nach 90 Minuten konnten die den Börsengang federführend begleitenden Banken Berenberg, JP Morgan und Morgan Stanley am Mittwoch Kaufaufträge über mehr als die angestrebten 1,5 Milliarden Euro verzeichnen. Schon am Donnerstag war das Buch mehrfach überzeichnet. Und nicht nur Hasardeure wollen bei dem größten Börsengang in Deutschland seit sieben Jahren und dem größten eines Internet-Unternehmens seit T-Online im Jahr 2000 dabei sein.

          Finanzkreisen zufolge sind viele der großen deutschen und internationalen Fondsgesellschaften mit signifikanten Zeichnungen dabei. Viele sogar ohne Preislimit. Zwischen 35,50 und 42,50 Euro sollen die Aktien kosten, die eigentlich noch bis zum 7. Oktober zur Zeichnung angeboten werden sollten. Am Freitag gab das Unternehmen dann aber bekannt, aufgrund der großen Nachfrage die Zeichnungsfrist schon eine Woche früher als geplant am 1. Oktober zu beenden und die Erstnotiz in Frankfurt vom 9. auf den 2. Oktober vorzuziehen.

          Pakete von Europas größtem Online-Modehändler
          Pakete von Europas größtem Online-Modehändler : Bild: Reuters

          Der sehr erfolgreiche Börsengang von Alibaba dürfte hier natürlich geholfen haben. Vergangene Woche war der bislang größte Börsengang der Welt an der New Yorker Börse über die Bühne gegangen. Das chinesische Internet-Unternehmen hatte dabei 25 Milliarden Dollar von Anlegern erhalten. Die Nachfrage in den Büchern war jedoch unglaubliche 15 Mal höher und belief sich auf mehr als 350 Milliarden Dollar. Der Großteil der Interessenten ging damit leer aus, vor allem Hedgefonds, da der Alibaba Gründer Jack Ma die Devise ausgegeben hatte, langfristig orientierte Anleger zu bevorzugen. Hedgefonds, die häufig um den letzten Cent des Ausgabepreises feilschen, dürften auch bei Rocket Internet schlechte Karten haben. „Wir belohnen Anleger, die früh mit ihren Orders ins Buch gehen, um solche Preisspiele kurz vor Ende der Zeichnungsfrist zu vermeiden“, sagt Diehl.

          Doch Rocket Internet ist nicht der einzige große Internetbörsengang dieser Tage in Frankfurt. Schon nächste Woche steht die Erstnotiz des Berliner Online-Modehändlers Zalando an. Mit einem angestrebten Emissionsvolumen von gut 600 Millionen Euro und einem Börsenwert von 5,6 Milliarden Euro ist auch dies ein Neuzugang großen Formats für die hiesigen Kurszettel. Und auch hier ist die Emission weit überzeichnet. Selbst von einem regen Interesse der deutschen Privatanleger ist die Rede. Im Gegensatz zu Rocket Internet ist Zalando schon weiter und hat im ersten Halbjahr erstmals schwarze Zahlen geschrieben. Die Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer halten auch an diesem Unternehmen Anteile, sind jedoch in einer Minderheitsposition. Bald ist dem Vernehmen nach zudem mit der Ankündigung des Börsengangs des Berliner Kabelnetzbetreibers Tele Columbus zu rechnen. Mit der mehrheitlich der Deutschen Telekom gehörenden Scout24-Gruppe steht zudem ein weiteres populäres Internetunternehmen in den Startlöchern für einen großen Börsengang in Frankfurt.

          Ein bisschen viel Internet für die Frankfurter Börse

          Bedenkenträger mahnen, das sei ein bisschen viel Internet für die Frankfurter Börse und erinnere an den Neuen Markt. Jenes Marktsegment hatte insbesondere in den Jahren 1999 bis 2001 Hunderte Unternehmen mit hochfliegenden Geschäftsideen mit Kapital versorgt. Viele Pläne hatten sich später als Luftschlösser erwiesen. Aus einigen sind jedoch veritable Erfolgsgeschichten geworden. Ganz an der Spitze steht dabei United Internet (1&1, GMX, Web.de) aus Montabaur im Westerwald. Das von Ralph Dommermuth gegründete Unternehmen kommt heute auf einen Börsenwert von 6,7 Milliarden Euro und übertrifft damit schon länger die krisengeplagte Lufthansa mit ihren knapp 6 Milliarden Euro Börsenwert. Fast 7000 Mitarbeiter arbeiten mittlerweile für das hochprofitable United Internet. Wer beim Börsengang 1998 Aktien gekauft hat, kann sich über eine Verdreißigfachung seines eingesetzten Kapitals freuen.

          Eine Garantie dafür, dass dies bei Zalando, Rocket Internet oder Scout24 genauso kommt, gibt es natürlich nicht. Am ehesten vergleichbar mit den einstigen Neulingen am Neuen Markt ist sicherlich Rocket Internet, da hier Realität und Zukunftspläne am weitesten auseinanderklaffen. Oliver Samwer will das Alibaba für die gesamte Welt außerhalb der Vereinigten Staaten und Chinas werden. Alibaba kommt derzeit auf einen Börsenwert von 170 Milliarden Euro. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg für Rocket Internet. Doch ein desaströser Absturz, wie ihn viele Internetneulinge an der Börse nach der Jahrtausendwende erlebt haben, ist auch unwahrscheinlich. Damals bestimmten viele durch Euphorie geblendete Anleger das Geschehen, darunter etliche Privatanleger, in der Hoffnung auf das schnelle Geld. Doch gerade dafür ist die Börse nicht da. Sie soll Unternehmen beim Wachstum durch die langfristige Gabe von Risikokapital unterstützen. Genau solche Investoren spielen bei den aktuellen Börsengängen die dominierende Rolle. Zudem bleiben bei Zalando und Rocket Internet alle bisherigen Aktionäre an Bord. Keiner nutzt den Börsengang, um seine Beteiligung zu Geld zu machen. Das sind idealtypische Konstellationen, wie sie immer wieder von Börsenneulingen eingefordert werden. Zu den Großaktionären von Rocket Internet gehört übrigens auch United Internet. Ralph Dommermuth sitzt im Aufsichtsrat.

          Deutschen Anlegern ist das Ganze dennoch suspekt

          Den deutschen Anlegern ist das Ganze dennoch suspekt. Solche Börsengänge wären mit hiesigem Kapital allein nicht ansatzweise zu stemmen. Amerikanische und britische Anleger dominieren das Geschehen. Auch deshalb ist Frankfurt seit Jahren bei Börsengängen aus der Internetbranche außen vor. „Alibaba wäre auch als Börsengang hier in Frankfurt jederzeit vorstellbar“, sagt Cord Gebhardt, der bei der Deutschen Börse für das Geschäft mit Börsengängen zuständig ist. „Das wird dort aber gar nicht zur Entscheidung gestanden haben, denn hier sind keine Vergleichsunternehmen der Branche notiert und die Investoren sitzen woanders. Frankfurt ist für viele Internetunternehmen gar nicht auf der Landkarte.“ Die Deutsche Börse versuche zwar, mit allen Börsenkandidaten Kontakt aufzunehmen, die stark angelsächsisch geprägten Berater und Banken rund um Börsengänge hätten aber stets eine hohe Affinität zu London oder New York.

          Insofern könnten sich Zalando, Scout24, aber vor allem Rocket Internet als Glücksfall für den hiesigen Börsenplatz erweisen. Für die aus Köln stammenden Samwer-Brüder war es keine ernsthafte Frage, den Börsengang an einem anderen Ort als Frankfurt stattfinden zu lassen. Sie erwartet ein sehr solides, zuverlässiges Handelssystem, auf dem Ausfälle wie beim Facebook-Börsengang an der Nasdaq ausgeschlossen sein dürften. Zudem gilt das regulatorische Umfeld als gut, und es ermöglicht schnellere und unkompliziertere Börsengänge als in London oder New York. Den großen Investoren sei es sogar egal, ob ihr Kapital nach London, New York oder Frankfurt fließe, Hauptsache, der Handel sei liquide, sagt Investmentbanker Diehl. „Und das ist in Frankfurt unzweifelhaft der Fall.“

          Für den Finanzplatz und die Anleger wäre es daher wünschenswert, die Sache mit Rocket Internet ginge anders aus als bei James Bond. Da zerstört der unverwüstliche britische Geheimdienstler letztlich immer alle Welteroberungspläne. Aber Rocket Internet hat es ja bisher nicht auf Großbritannien abgesehen.

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