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Internethandel : Amazon greift in Deutschland an

  • -Aktualisiert am

Jeff Bezos ist bester Dinge Bild: F.A.Z. / Jan Röder

Der Online-Händler Amazon schockt die deutsche Konkurrenz: Eine Versandkostenpauschale soll das Geschäft beflügeln. Vorstandschef Bezos treibt sein Unternehmen in neue Geschäftsfelder - egal, was die Wall Street davon hält.

          Wenn Jeff Bezos investiert, werden die Börsianer an der Wall Street nervös. Vor allem dann, wenn der Amazon-Vorstandschef Hunderte Millionen Dollar in Geschäftsfelder steckt, die scheinbar nichts mit dem Kerngeschäft, dem Handel im Internet, zu tun haben.

          Jüngstes Beispiel: das Internet-Speicherplatzsystem S3, das Amazon gerade in Europa an den Start gebracht hat. 290.000 Softwareentwickler nutzen inzwischen die Infrastruktur mit, die Amazon für seine eigenen Internetshops aufgebaut hat, und speichern mehr als 10 Milliarden Dateien auf den Netzwerkrechnern des Online-Pioniers. "Zuerst haben wir diese Dienste für uns selber gebraucht. Dann haben wir uns gedacht, wenn wir diese Dienste benötigen, dann brauchen andere Internetseiten sie auch. Das kam gut an, und deswegen haben wir uns entschlossen, daraus ein komplett neues Geschäft zu machen", sagt Jeff Bezos im Gespräch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          „Wir können gut mit Kritik umgehen“

          Die Softwareentwickler sind begeistert, aber die Wall Street grummelt. Amazon werde damit in absehbarer Zeit keinen Gewinn machen, schimpften die Analysten unisono. Doch Bezos hält dagegen: "Sicherlich sind wir im Moment im Investitionsmodus. In das Geschäft fließen Mittel hinein, noch keine heraus. Aber wir sind überrascht, wie viele Kunden so schnell zu uns gekommen sind. Wenn die Entwicklung so weitergeht, sehe ich keinen Grund, warum das kein signifikantes Geschäft werden sollte", sagt Bezos.

          Alle Hände voll zu tun

          Seit zwei Jahren fährt er daher die Investitionen in neue Technologien hoch. Im vergangenen Jahr waren es 660 Millionen Dollar; in diesem Jahr könnten sogar 800 Millionen Dollar in die Technik fließen, wenn er das Investitionstempo der ersten neun Monate beibehält. Denn Bezos wäre nicht Bezos, wenn ihm die Kritik der Analysten an seinen Technikinvestitionen nicht vollkommen egal wäre. "Wir können gut mit Kritik umgehen, wenn wir der Meinung sind, das Richtige zu tun. Wenn man etwas Neues anfasst, gibt es immer Kritik. Und wenn man langfristig investiert, kommt auch immer Kritik auf. Aber das ist in Ordnung. Wir haben viel Übung darin", sagt Bezos.

          Das Geschäft brummt

          Schließlich hat er Jahre gebraucht, die Börse von seinem Geschäftsmodell zu überzeugen. Jahrelang dümpelte die Aktie vor sich hin; jetzt scheint der Knoten aber geplatzt zu sein. "Unser Wachstum hat sich in diesem Jahr beschleunigt", sagt er - und grinst dabei, denn auch diese Beschleunigung ist auf Initiativen zurückzuführen, denen die Wall Street am Anfang wenig Gutes abgewinnen konnte. Vor allem die Öffnung für andere Online-Händler, die ihre Produkte auf der Amazon-Website verkaufen und auch gleich ausliefern lassen.

          1,2 Millionen Händler nutzen inzwischen die Möglichkeit und treten für jedes verkaufte Produkt 10 bis 15 Prozent des Erlöses als Kommission an Amazon ab. Das Geschäft brummt: "Jedes dritte Produkt, das wir verkaufen, stammt inzwischen von diesen Händlern - und der Anteil steigt weiter. Auch in Deutschland ist dieser Anteil schon sehr hoch", sagt Bezos. Angst, dass die Kunden die Produkte der anderen Händler besser finden, hat er nicht. "Uns ist es egal, ob ein Kunde ein Produkt bei Amazon oder bei einem unserer Händler kauft. Unser Umsatz ist zwar geringer, wenn der Kunde das Produkt eines Händlers wählt, aber die Verkaufsgebühr, die wir dafür erhalten, entspricht im Durchschnitt unserem Gewinn, wenn wir es selbst verkauft hätten", sagt Bezos.

          Universelle Einkaufsplattform

          Ganz nebenbei helfen die externen Händler, Amazon zur universellen Einkaufsplattform zu machen, auf der alle Produkte zu finden sind. "Unsere Vision ist die umfassende Auswahl. Die einzige Chance, diese umfassende Auswahl zu erreichen, ist mit Hilfe unserer Händler. Deshalb haben wir in dieses Geschäftsfeld auch stark investiert", sagt Bezos, der bei aller Begeisterung für seine neuen Technikprodukte sein Kerngeschäft nicht vergisst.

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