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Internetfernsehen : Mr. Big schlägt Mr. Smart

So bedient man mit dem Smartphone den Smart-TV: Am Stand von Samsung auf der IFA Bild: REUTERS

Bisher kommt das Internetfernsehen nicht so recht voran. Viele nutzen die Funktionen nicht, die ihnen ihr Gerät bereits bietet. Auch mangelnder Datenschutz spielt eine Rolle.

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          Es war keine Werbung, was sich der Elektronikkonzern LG jüngst in Sachen Internetfernsehen leistete, ganz im Gegenteil. Ein Blogger namens DoctorBeet fand heraus, dass einige Smart-TV-Modelle des koreanischen Unternehmens ihre Besitzer offenbar systematisch ausspionieren. Sie sammeln heimlich Daten über das Nutzerverhalten, wie einen Programmwechsel, und leiten sie online an einen Server des Unternehmens weiter. Selbst Dateinamen auf USB-Sticks sind vor den Geräten nicht sicher und werden an den Hersteller weitergeschickt.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Schnüffelei dient – wie häufig im Internet – auch dazu, personalisierte Werbung ins Wohnzimmer zu bringen. Eigentlich ist die Datensammelfunktion in einem Menü-Unterpunkt abschaltbar, aber die Geräte schickten trotzdem munter weiter Informationen. LG gab die Vorwürfe weitgehend zu, bedauerte alle Bedenken und versprach Besserung. Eine neue Version der Firmware soll dieses – so das Unternehmen – „Problem“ beheben.

          In Wirklichkeit ist das Ganze mehr als ein kleines Problem. Solche Enthüllungen sind ein herber Schlag gegen das Bemühen der Industrie, das Internetfernsehen dem Konsumenten schneller und nachhaltiger nahezubringen. Weil viele Verbraucher nach Einschätzung von Herstellern und Handel die Online-TV-Vorteile noch nicht recht würdigen, startete die Branche zur Internationalen Funkausstellung eine gemeinsame Initiative mit der Werbefigur „Mr. Smart“. Dieses gezeichnete Männchen präsentierte sich jedoch schon optisch eher steif denn smart. Und so lässt der Durchbruch der Technologie in den Köpfen weiter auf sich warten.

          Für Neuanschaffungen ist die Internetfähigkeit ein Kaufargument

          Dies bestätigt auch eine am Dienstag veröffentlichte Studie des zuständigen Branchenverbandes, der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Konsumelektronik (GFU). „Anteil der Smart-TVs steigt, aber Zurückhaltung bei der Nutzung smarter TV-Funktionen bleibt“, so bringen es die Autoren auf den Punkt. Immerhin: In diesem Jahr werden mehr als die Hälfte der in Deutschland verkauften Fernsehgeräte Smart-TVs sein. Bezogen auf den Umsatz machen Fernseher mit Online-Funktion sogar schon rund drei Viertel des Geschäftes aus. Aktuell steht laut GFU-Umfrage in einem knappen Drittel der deutschen Haushalte bereits ein internetfähiger Fernseher. Das grundsätzliche Interesse an der Verknüpfung mit dem Internet hält sich jedoch in Grenzen. „Viele Smart-TV-Besitzer nutzen die Online-Funktionen nicht, die Ihnen ihr Gerät bietet“, konstatiert die GFU. Diese Entscheidung werde von der Mehrheit „sehr bewusst getroffen“. Rund 62 Prozent der „Nichtanschließer“ bekunden demnach, generell keine Internetdienste auf dem Fernseher zu wünschen. Einen zu komplizierten Anschluss bemängeln 16 Prozent, und Sicherheitsbedenken nennen 10 Prozent. Vor allem Ältere verweigern sich. In der Altersgruppe der mehr als 60 Jahre alten Besitzer eines Smart-TVs ohne Internetanschluss wollen fast 84 Prozent das Internet nicht auf dem TV-Gerät nutzen, bei den Menschen, die weniger als 40 Jahre alt sind, sind es lediglich 55 Prozent.

          Hans-Joachim Kamp, Aufsichtsratsvorsitzender der GFU, sieht die Ergebnisse zwiespältig. „Die Vorteile der Internetfähigkeit eines TV-Gerätes sind bei der Gesamtbevölkerung noch nicht in vollem Umfang angekommen.“ Andererseits kann sich Kamp mit einer weiteren Erkenntnis trösten: Wer sich aber mit einer ganz konkreten Kaufabsicht für einen neuen Fernseher trage, bewerte die Smart-Funktion deutlich positiver.

          Tatsächlich ist für diejenigen, die sich bis Mitte kommenden Jahres einen neuen Fernseher anschaffen wollen – und das ist immerhin mehr als jeder zehnte Haushalt –, die Internetfähigkeit ein wichtiges oder sehr wichtiges Kaufargument (56 Prozent). Noch mehr Käufer in spe sind jedoch an einer höheren Auflösung und einem größeren Bildschirm interessiert: Mr. Big schlägt offenbar Mr. Smart.

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