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Internet-Konferenz in Bonn : „Was wir bisher gesehen haben, war nichts“

  • Aktualisiert am

Ehud Barak in München im Februar 2013 Bild: picture alliance / AP Photo

Israels früherer Ministerpräsident Ehud Barak hat die Bedrohung durch Cyber-Angriffe in düstersten Farben gezeichnet. Kriminelle und Terroristen seien Staaten und Wirtschaftsunternehmen „um Lichtjahre voraus“. Telekom-Chef Obermann fordert derweil eine „Schengen-Cloud“.

          Der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak hat auf der Bonner Cyber-Sicherheits-Konferenz am Donnerstag gewarnt, in wenigen Jahren seien auch Kriminelle in der Lage, komplizierte Cyber-Angriffe auf die kritische Infrastruktur von Staaten wie Krankenhäuser oder Finanzinstitutionen zu starten. „Was wir bisher gesehen haben, war nichts“, äußerte Barak. „Die Bedrohung ist gewaltig, die Herausforderung riesig.“ Dabei seien die Angreifer den Verteidigern „um Lichtjahre voraus.“

          Nach Ansicht der EU-Kommissarin Neelie Kroes brauchen die Europäer den ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden derweil nicht, um sich gegen Spionage-Attacken zu schützen. „Wir sind alle wach und wir kennen die grundlegenden Informationen“, sagte die für Internet-Sicherheit zuständige Vizepräsidentin der EU-Kommission in Bonn. „Für mich gibt es keine Notwendigkeit, dass er kommen muss, um unsere Probleme zu lösen. Wir wissen genug, um zu tun, was wir tun müssen.“

          Kroes reagierte damit auf eine Bitte des Snowden-Vertrauten Jacob Appelbaum, der die Europäer zuvor in der von der Deutschen Telekom und der Münchner Sicherheitskonferenz organisierten Veranstaltung aufgerufen hatte, dem sich in Moskau aufhaltenden Snowden Asyl zu gewähren. So könne Snowden zur Aufklärung der Ausspähungen durch amerikanische und britische Geheimdienste beitragen.

          Wie kriegen wir das Internet sicher?

          Appelbaum äußerte: „Sie sollten ihn hierher bringen, um das Leben des jungen Mannes zu retten. Ihn aufzunehmen, würde Europa die moralische Autorität geben, die mein Land verloren hat.“ Auch deutsche Politiker wie der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele fordern, Snowden aufzunehmen. Dies lehnt die Bundesregierung ab.

          Obermann: Kartelle zum Nachteil der Freiheit

          Kroes äußerte Anteilnahme für das Schicksal Snowdens, der in den Vereinigten Staaten wegen Geheimnisverrats vor Gericht gestellt werden soll und Russland deswegen derzeit nicht verlassen kann. „Aber wir haben keine dummen Leute in den Geheimdiensten“, betonte die Kommissarin auf Appelbaums Hinweis, die Europäer wüssten gar nicht, was die Geheimdienste Amerikas und Großbritanniens ausspionierten.

          Barak sagte, die westlichen Regierungen wüssten genug, um mit den Vereinigten Staaten eine Vereinbarung zu treffen, was Dienste tun dürften und was nicht. Im Übrigen seien Regierungschefs sich seit langem im Klaren darüber, ausspioniert zu werden. Er selbst habe als Ministerpräsident immer vermutet, auf Auslandsreisen abgehört zu werden - manchmal sogar in Israel selbst.

          Telekom-Chef René Obermann kritisierte indes in ungewöhnlich scharfen Worten die Internet-Überwachung durch den amerikanischen Geheimdienst NSA. Das bekanntgewordene Ausmaß der Spähaktionen sei freiheitsfeindlich: „Freiheit bedeutet auch, ein gewisses Maß an Unsicherheit zu tolerieren.“ Obermann sagte in Richtung der Vereinigten Staaten: „Geheimdienste und Volkswirtschaften sind Kartelle zum Nachteil der Freiheit eingegangen.“

          Telekom-Chef für „Schengen-Cloud“

          Obermann forderte „eine große Koalition“ für Vertrauenswürdigkeit und warb abermals für Internet-Dienste, bei denen die Daten auf dem Weg zwischen zwei Punkten in Europa entsprechend auch die europäischen Grenzen nicht verlassen sollen.

          Wenn einzelne Länder daran nicht teilnehmen wollten, müsse es auch ohne sie gehen, sagte Obermann. Er erwähnte ausdrücklich das „Schengen-Routing“ und eine „Schengen-Cloud“. Bei einem Datenverkehr innerhalb der Länder des Schengen-Abkommens bliebe Großbritannien außen vor, wo der Geheimdienst GCHQ eine ähnlich massive Internet-Überwachung wie sein amerikanisches Pendant NSA führen soll. Durch die staatlichen Spähmaßnahmen würden die Chancengleichheit und fairer Wettbewerb ausgehöhlt, kritisierte Obermann.

          Die Deutsche Telekom macht gerade auch Druck für eine ähnliche
          Lösung innerhalb Deutschlands.
          Es gibt dafür Gespräche mit anderen
          Anbietern, deren aktueller Stand unbekannt ist.

          Klarstellung: Eine frühere Version des Artikels konnte den Eindruck hinterlassen, Jacob Appelbaum habe ein Anstellungsverhältnis mit Edward Snowden. Das ist nicht der Fall.

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