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Internet : Deutschland ist digitales Entwicklungsland

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland hat keine Ahnung vom Internet, verspürt sogar Angst vor dem digitalen Medium. Weitere 30 Prozent nutzen das Netz nur gelegentlich. Der große „Nonliner-Anteil“ ist ein zentrales Problem für Deutschland auf dem Weg in die Wissensgesellschaft, schlägt die Initiative D21 Alarm.

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          Die digitale Spaltung der Gesellschaft in "Onliner" und "Nonliner" ist tiefer als bisher gedacht. Nach einer Repräsentativumfrage der Initiative D21 sind nur 26 Prozent der Bevölkerung regelmäßig im Internet unterwegs, nutzen die Vorteile des Netzes aus. Aber ein größerer Teil der Deutschen, nämlich 35 Prozent, sind "digitale Außenseiter", haben also mit dem Internet keinerlei Berührungspunkte. Als Grund für die Internetabstinenz nannten die meisten Befragten dieser Gruppe, wegen ihrer Unwissenheit hätten sie Angst vor dem Medium und fühlten sich von der Vielfalt überfordert. Gleichzeitig stimmte diese Gruppe aber in hohem Maße der Aussage zu, Computer- und Internetkenntnisse seien Schlüsselqualifikationen für Schule und Beruf. Weitere 30 Prozent der Deutschen nutzen das Internet nur gelegentlich, befinden sich also in einer eher passiven Rolle, haben die Marktforscher herausgefunden.

          Die Ergebnisse haben offenbar auch die Auftraggeber der Studie überrascht. "Wir sprechen bereits seit geraumer Zeit von einer digitalen Gesellschaft, sehen aber anhand der Ergebnisse, dass in Deutschland ein Großteil noch nicht darin angekommen ist. Diese Teilung der Gesellschaft in Teilnehmer und Nichtteilnehmer an den neuen Informations- und Kommunikationstechniken ist angesichts des einhergehenden Strukturwandels für eine Wissensgesellschaft das zentrale Zukunftsproblem", sagte Ulrich Hermann, Mitglied des D21-Vorstandes.

          Geringste Kenntnis, größte Ablehnung

          Für die Studie wurden sechs Nutzertypen unterschieden. Die größte Gruppe sind die digitalen Außenseiter (35 Prozent), gefolgt von den Gelegenheitsnutzern (30 Prozent), den Berufsnutzern (9 Prozent), den Trendnutzern (11 Prozent), den digitalen Profis (12 Prozent) und der digitalen Avantgarde (3 Prozent).

          Die digitalen Außenseiter stellen die größte und zugleich älteste Gruppe. Im Vergleich zu den anderen Nutzertypen haben sie das geringste digitale Potential und die geringste Computer- und Internetnutzung. Erstaunlich: Die geringe Kenntnis geht mit der negativsten Einstellung gegenüber digitalen Themen einher. Nur ein Viertel verfügt über eine Basisausstattung wie Computer und Drucker. Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien sind somit kaum vorhanden. Begriffe wie E-Mail, Betriebssystem oder Homepage sind den digitalen Außenseitern weitgehend unbekannt, und nur ein Fünftel der digitalen Außenseiter ist in der Lage, im Internet klarzu- kommen.

          Nachholbedarf bei der Sicherheit

          Die Gelegenheitsnutzer sind durchschnittlich 41,9 Jahre alt, sind also auch nicht mit den digitalen Medien aufgewachsen. Sie nehmen im Gegensatz zu den digitalen Außenseitern aber zumindest teilweise am Geschehen in der digitalen Gesellschaft teil. 98 Prozent besitzen einen PC oder ein Notebook. Sie verbringen ihre Online-Zeit vor allem für private Zwecke. Der Gelegenheitsnutzer kennt bereits viele Basisbegriffe der digitalen Welt, hat aber besonders beim Thema Sicherheit großen Nachholbedarf. Insgesamt erkennt dieser Typ klar die Vorteile des Internets, fördert aber nicht seine Weiterentwicklung und bevorzugt eher klassische Medien.

          Im Vergleich zu den Gelegenheitsnutzern haben die Berufsnutzer eine deutlich bessere Infrastruktur an ihrem Arbeitsplatz und nutzen dementsprechend auch dort überdurchschnittlich häufig das Internet. Hingegen ist ihre private Nutzung sogar leicht unter dem Niveau der Gelegenheitsnutzer. Diese Gruppe nutzt vorwiegend Standardanwendungen wie die E-Mail.

          Der digitale Profi ist 36 Jahre alt

          Die Gruppe der Trendnutzer hat sowohl den höchsten Männer- als auch Schüleranteil. Sie sind technisch gut ausgestattet, verfügen über umfassende Computerkompetenzen und kennen sich bestens in der digitalen Welt aus. Die Trendnutzer wenden besonders gerne Web-2.0-Applikationen wie Facebook oder Youtube an und erkennen die Vorteile der digitalen Medien für sich.

          Der durchschnittliche digitale Profi ist 36 Jahre alt, meist männlich und berufstätig. Er verfügt sowohl zu Hause als auch im Büro über eine sehr gute digitale Infrastruktur. Bei ihm stehen nützliche Anwendungen wie der elektronische Einkauf, Preisrecherche und das Lesen von Nachrichten im Vordergrund.

          Rückstand auf dem Weg in die Informationsgesellschaft

          Die digitale Avantgarde ist die jüngste und gleichzeitig auch die kleinste Gruppe. Die digitale Avantgarde hat ein eher geringes Einkommen und lebt oft in einem Einpersonenhaushalt. Ihre digitale Infrastruktur lässt kaum Wünsche offen. Auffällig hoch sind dabei die mobile und geschäftliche Internetnutzung. In allen technischen Bereichen verfügt die digitale Avantgarde über sehr hohe Kompetenzen und bildet bei den komplexen digitalen Themen die Spitze der Gesellschaft. Durchschnittlich elf Stunden verbringen sie täglich vor dem Computer. Neben der Arbeit ist daher auch die Freizeit oft von den digitalen Medien bestimmt.

          Der tiefe digitale Graben in der Gesellschaft könnte ein Indiz sein, warum sich Deutschland auf dem Weg in die Informationsgesellschaft so schwertut. Die meisten jungen Internetunternehmen kopieren hierzulande die Ideen ausländischer Innovatoren. Ihre Investoren haben mit der Masche sogar Erfolg, wenn sie ihre Beteiligungen nur schnell genug verkaufen können. In der digitalen Medienwelt ist der deutsche Anteil am Weltmarkt weit geringer als in der alten analogen Welt. In Amerika gelten die Deutschen als die großen Skeptiker. "Es ist, als ob sie das Internet am liebsten gar nicht haben wollten", schrieb ein amerikanischer Blogger jüngst als Reaktion auf die Diskussion um das Leistungsschutzrecht der Verlage.

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