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„Internet der Dinge“ : Wenn Autos, Bäume und Pillen online gehen

Immer vernetzt: Besucher der weltgrößten Mobilfunkmesse in Barcelona Bild: dapd

Das mobile Internet ist der Technik-Trend des Jahres. Doch schon heute gehen nicht nur Smartphones und Tablet-Computer online. Das „Internet der Dinge“ nimmt mit Hilfe integrierter Funkmodule mehr und mehr Gestalt an. Die Mobilfunker hoffen auf ein Multi-Milliardengeschäft.

          In der oft schwer verständlichen Technikwelt lieben es Hightech-Unternehmen, ihre Botschaft mit simplen einprägsamen Mitteln an den Kunden zu bringen. Der Netzwerkausrüster Ericsson präsentierte vergangene Woche auf der Mobilfunkmesse in Barcelona einen "connected tree". Diesem Orangenbäumchen hatte das Unternehmen spezielle Fähigkeiten mitgegeben: Es konnte twittern und SMS verschicken. Einer seiner jüngsten Tweets lautete: "Fünf freundliche Besucher haben meine Blätter berührt. So langsam mag ich diesen Ort."

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer dies als krude Mischung aus Esoterik, Technikgläubigkeit und Unsinn abtut, übersieht die geschäftlichen Interessen hinter dem "verbundenen Baum". Das Gewächs, dessen Fähigkeiten darauf beruhen, mit Hilfe einer Sensorik Änderungen im elektromagnetischen Feld zu erkennen, soll vor allem eine Aussage transportieren: Grundsätzlich lässt sich wirklich alles an das Internet anbinden. Benötigt wird nur ein Funkmodul und ein Telefonnetz. Handys sollen künftig bei weitem nicht mehr die einzigen Geräte sein, die Verbindung aufnehmen.

          Manche nennen es das "Internet der Dinge", andere "Machine to Machine" (M2M). Der Interessenverband der Mobilfunkindustrie, GSMA, der rund 800 Telefongesellschaften vertritt, spricht von "Embedded Mobile". Dieser Begriff soll deutlich machen, dass künftig die bislang wechselbare Sim-Karte des Handys direkt in ein Gerät eingebaut wird. Solche Module sind auf dem besten Weg zu einem Massenprodukt. Sie kosten heute nicht viel mehr als 15 Dollar je Stück.

          „Smart Grid“: Das intelligente Stromnetz

          Als besonders interessantes Einsatzgebiet gilt die Energieversorgung. Unter dem inzwischen häufig benutzten Begriff "Smart Grid" versteht man ein intelligentes Stromnetz. "Intelligent" wird das Netz mit Hilfe automatischer Zähler ("smart meter"). Sie stellen zum Beispiel in Echtzeit fest, wo, wann und wie viel Energie verbraucht wird, und liefern damit den Versorgungsunternehmen wichtige Daten. Im Fall von Stromausfällen können sie selbständig Alarm schlagen.

          Die notwendige Umrüstung bedingt Milliardenausgaben. Bis 2015 investiert der Energiesektor Schätzungen zufolge 200 Milliarden Dollar in intelligente Versorgungsnetze. Die chinesische Regierung pumpt 7,3 Milliarden Dollar in ein Smart-Grid-Förderprogramm. Südkorea will bis 2030 23,7 Milliarden Dollar für ein intelligentes Netz ausgeben.

          Schon heute sind Messgeräte auf Funkbasis Alltag. Der Versorger China Southern Power Grid (CSG) setzt eine Million Module ein. Der Mobilfunkanbieter Orange hat den Flüssiggasvertreiber Primagaz mit einer Smart-Metering-Lösung für 11 500 Kunden ausgestattet. Ein manuelles Ablesen der Zähler entfällt und damit eine Reisestrecke von 80 000 Kilometern für damit nicht mehr beschäftigte Mitarbeiter, wie es heißt.

          Auch im Verkehr dürfte die neue Technik bald umfassend einziehen. Hier geht es um mehrere Einsatzvarianten: Information, Unterhaltung und Sicherheit im Auto, die Diagnose von Fahrzeugen aus der Ferne sowie die Steuerung der Verkehrsströme. Die GM-Tochtergesellschaft Onstar demonstrierte auf der Konsumelektronikmesse CES im Januar einen Rückspiegel mit ganz besonderen Eigenschaften. Er enthält ein GPS-Modul und einen Beschleunigungssensor. Die Elektronik wird zur Unfallerkennung eingesetzt: Erfasst der Sensor einen Aufprall, ermittelt er Ort und Schwere des Unfalls und stellt eine Verbindung zu einem Serviceteam her. Antwortet der Fahrer nicht, kann der Mitarbeiter Rettungskräfte zum Standort des Fahrzeugs schicken. Mehr als 6 Millionen Fahrer haben den Onstar-Dienst abonniert. Das System war nach Angaben des Herstellers in den vergangenen zwölf Jahren bei mehr als 100 000 Unfällen in Nordamerika im Einsatz.

          Das Internet im Taxi

          Auch in einem Taxi oder im öffentlichen Nahverkehr lassen sich die Funkmodule nutzen. In Südkorea haben die Mobilfunkfirmen KT und SK Telecom einen Alarmierungsservice eingerichtet, der auf Mobilfunk und GPS beruht. Befindet sich ein Taxi innerhalb eines 1,5-Kilometer-Radius um einen eingehenden Anruf, wird es davon elektronisch in Kenntnis gesetzt. Der Auftrag geht an den Fahrer, der sich als Erster anmeldet.

          Was heute noch technologisch spannend klingt, könnte in wenigen Jahren Standard sein. Prognosen gehen davon aus, dass die Durchdringungsrate von Telematiksystemen in Fahrzeugen von 10 Prozent im Jahr 2010 auf 23 Prozent 2015 steigt. In drei Jahren sollen 5 Millionen Autofahrer in Europa über in ihr Fahrzeug integrierte Mobilfunkverbindungen verfügen - Basis für sogenannte "Pay as you drive"-Versicherungen, die nur dann anfallen, wenn das Auto tatsächlich bewegt wird.

          Wenn es in der Vergangenheit neben dem Flugzeug eine handyfreie Zone gab, dann war es das Krankenhaus. Dass die Industrie nun ausgerechnet das Gesundheitswesen als Wachstumstreiber für sich selbst sieht, entbehrt somit nicht einer gewissen Ironie. Doch an diesen Zahlen lässt sich kaum vorbeidiskutieren: In diesem Jahr dürften sich die Gesundheitsausgaben auf der ganzen Welt auf 5,3 Billionen Dollar summieren. Immerhin 175 bis 200 Milliarden Dollar könnten im Kampf gegen chronische Krankheiten gespart werden, wenn mehr Ferndiagnosesysteme eingesetzt würden.

          So ist ein Szenario wie dieses schon keine Science-Fiction mehr: Ein Patient nimmt eine Pille mit einem eingebauten Chip ein. Sobald er die Tablette geschluckt hat, schickt sie ein Signal an einen Empfänger, den der Patient am Körper trägt. Dieses Gerät wiederum sendet die Information, zusammen mit Daten wie der Herzfrequenz, per Mobilfunk weiter an den behandelnden Arzt. Das Ganze nennt sich "einnehmbares Sensor- und Überwachungssystem". Entwickelt hat es das kalifornische Pharmaunternehmen Proteus Biomedical.

          Es ist also nicht nur das Smartphone, das uns immer stärker zusammenwachsen lässt. Die Zukunft sieht wohl so aus, dass bald in allen Geräten ein kleines Telefon steckt. Nur dem ans Internet angeschlossenen Baum dürfte - außer als Marketinggag - keine große Zukunft beschieden sein.

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