https://www.faz.net/-gqe-7jqcn

Immer beliebter : Musik kommt heutzutage aus dem Internet

  • -Aktualisiert am

Auf Erfolgskurs: Der Musik-Streaming-Dienst Spotify bietet Nutzern über 20 Millionen Musiktitel Bild: dpa

CDs sind out, die Plattensammlung hat nur noch Retro-Charme und iTunes ist von gestern. Die Musik spielt jetzt im Internet und beschallt die ganze Wohnung.

          4 Min.

          Lebenskrisen fördern die Kreativität. Leonard Cohen goss seine Schwermütigkeit in poetische Songs, Janis Joplin sang gegen ihr Außenseiterdasein an, und unzählige Bands veröffentlichen ihr erstes großes Album erst, nachdem der Gitarrist zum ersten Mal so richtig Liebeskummer hatte. Über eine ganz besondere Lebenskrise können sich Musikliebhaber zumindest im Nachhinein freuen: Als der schwedische Internetunternehmer Daniel Ek im Jahr 2006 sein erstes Start-up verkauft hatte und so mit 23 Jahren zum Millionär geworden war, hatte er auf einmal nichts mehr zu tun. Monatelang suchte er nach einer neuen Aufgabe - und fand sie schließlich in der Entwicklung eines Internetdienstes, über den man sich jeden Musiktitel anhören kann, der einem gerade durch den Kopf geht, ohne ihn kaufen zu müssen.

          Sieben Jahre später können Nutzer in Dutzenden Ländern auf Eks Streaming-Dienst Spotify zugreifen, seit einem Jahr auch in Deutschland. Spotify ist im Prinzip eine gigantische virtuelle Plattensammlung. Über den Internetbrowser und per Tablet- oder Smartphone-App kann man weit über 20 Millionen Musiktitel hören, ohne sie selbst besitzen zu müssen. Jeden Tag kommen nach Angaben der Betreiber rund 20000 dazu. Das System merkt sich, was man oft hört, und empfiehlt einem Musik, die zum eigenen Geschmack passen könnte. Neben dem, was man sowieso schon mag, eignet sich der Dienst deswegen vor allem dazu, Songs oder Künstler zu entdecken, die man vorher noch nicht kannte.

          Künstler beschweren sich über geringe Erlöse

          Einige Musiker kritisieren das Modell allerdings, weil die Erlöse für sie bisher sehr gering ausfallen. Die genauen Raten sind nicht bekannt, aber viele Künstler berichten, dass sie für jedes gespielte Lied meist nur Bruchteile eines Cents erhalten. Der frühere „Talking Heads“-Sänger David Byrne rechnete jüngst vor, dass die französische Elektro-Band Daft Punk an ihrem Sommerhit „Get Lucky“ auf Spotify bisher nur rund 26000 Dollar verdient habe, obwohl der Song weit über 100 Millionen Mal abgespielt wurde.

          Allerdings hat Spotify bisher nach eigenen Angaben insgesamt etwa 500 Millionen Dollar an Lizenzgebühren gezahlt. Was davon bei den Künstlern ankomme, sei Sache der Plattenfirmen, findet das Unternehmen. Denn im Gegensatz zu Plattformen wie Pirate Bay, wo Nutzer ihre Musiksammlungen ursprünglich miteinander teilten, sind Spotify und ähnliche Dienste legal. Die Betreiber haben Lizenzverträge mit den Plattenfirmen geschlossen. Die hoffen, dass der Erfolg von Spotify & Co. illegale Musik-Downloads zum Versiegen bringen könnte. Wer Spotify nutzt, muss sich also keine Sorgen machen, dass er gegen Gesetze verstoßen könnte.

          Mit dem Dienst Musik zu hören ist unkompliziert, zur Registrierung braucht man nur eine E-Mail-Adresse. Wer Spotify nur im Internetbrowser verwenden will, kann das kostenlos tun, muss dafür allerdings Werbeeinblendungen und schlechtere Tonqualität in Kauf nehmen. Mit einem Premium-Abonnement für zehn Euro im Monat kann man dagegen auf allen Geräten unbegrenzt Musik hören, seine Lieblingsmusik in Wiedergabelisten arrangieren und sie sogar herunterladen und bis zu 30 Tage lang speichern, ohne mit dem Internet verbunden zu sein. Ähnlich wie bei Facebook oder Twitter kann man auch sehen, was die Freunde gerade hören – oder den eigenen Lieblingstitel anpreisen.

          Das SoundTouch-System von Bose (400-700 Euro) lässt sich direkt mit dem drahtlosen Internet verbinden. Es eignet sich gut zum Empfang von Internetradiosendern. Dienste wie Spotify müssen noch über iPod oder iPad abgespielt werden, sollen aber bald integriert werden. Bilderstrecke

          Eigene Plattensammlung aus dem Netz

          Neben Diensten wie Spotify gibt es unzählige weitere Möglichkeiten, Musik über das Internet abzuspielen. Internetradios wie Last.fm benötigen zum Beispiel nur einen Lieblingstitel des Hörers, um eine Radiostation um dessen Musikgeschmack herum zu erfinden. Wer Live-Aufnahmen mag, wird am ehesten bei Youtube fündig, obwohl viele Titel in Deutschland wegen der Gema-Regeln noch nicht zugänglich sind.

          Wen diese Möglichkeiten motivieren, seine eigene Plattensammlung mit Musik aus dem Netz zu ergänzen, kann die Dienste auch als Alternative zur klassischen Stereoanlage zu Hause nutzen. Die einfachste Lösung ist es, Laptop, Tablet oder Smartphone per Kabel an den hauseigenen Verstärker anzuschließen, damit die digitale Musik weniger scheppert.

          Wer seine elektronischen Geräte nicht ständig neben der Musikanlage aufbewahren will, schafft sich am besten ein drahtloses Hifi-System an. Das bisher umfassendste bietet die Firma Sonos. Über deren drahtloses Lautsprechersystem kann man Musik aus allen Quellen (so neben Streaming-Diensten auch Internet-Radios oder schlicht die eigene digitalisierte Musiksammlung) in der ganzen Wohnung abspielen.

          Zugriff auf unterschiedliche Musikquellen

          Das funktioniert, indem man ein Brückenelement an den häuslichen W-Lan-Router anschließt. Dadurch baut sich ein eigenes System auf, das die in der Wohnung verteilten Lautsprecher miteinander verbindet. Über eine spezielle Software, die mitgeliefert wird, erlaubt man dem System den Zugriff auf die unterschiedlichen Musikquellen. Je nach Geschmack kann man dann seinen PC, sein Smartphone oder ein Tablet mit dem Netzwerk verbinden und jeden Lautsprecher einzeln ansteuern – dazu dient eine Controller-App, die man sich kostenlos herunterladen kann. So läuft dann in der Küche Bruce Springsteen, im Wohnzimmer Beethoven und im Schlafzimmer Norah Jones – oder auch überall dasselbe.

          Das System lässt sich beliebig erweitern: Neben Lautsprechern in unterschiedlichen Größen gibt es auch Verstärkerelemente oder Spezialgeräte zur besseren Wiedergabe tieferer Tonlagen. Das lohnt sich bisher allerdings weniger, wenn die Quelle ein Streaming-Dienst ist. Über den Sonos-Verstärker Musik von Spotify zu hören, das sei ein bisschen „wie Formel- 1-Reifen an einen Opel schrauben“, finden Fachleute.

          Wer die drahtlosen Hifi-Systeme zu aufwendig oder zu teuer findet, kann auch kleiner anfangen. Viele Hersteller bieten Lautsprecher an, die sich über Bluetooth mit Computer oder Smartphone verbinden lassen. Sie kann man einfach aufstellen und mit einem Bluetooth-fähigen Gerät ansteuern, auf dem man entweder Musik gespeichert oder die App von Spotify installiert hat. Lautsprecher wie der „Deck“ können sich sogar mit mehreren Smartphones auf einmal verbinden. Den Plattenspieler sollte man dennoch nicht abschaffen. Wer weiß, wann einen wieder die Sehnsucht nach dem gemütlichen Knistern packt?

          Musik aus dem Internet ...

          1. Spotify: bekanntester Streamingdienst aus Schweden mit über 20 Mio. Musiktiteln
          Mit einer E-Mail-Adresse auf spotify.com ein Konto erstellen, um den Webdienst zu nutzen. Für Smartphones und Tablets die Spotify-App herunterladen. Kosten: 0 bis 9,99 Euro/Monat Auf simfy.de auswählen, ob man die mobile oder die Desktop-Version nutzen will, werbefinanziert oder per Abo, dann Konto erstellen. Kosten: 0 bis 9,99 Euro/Monat

          2. Simfy: deutscher Streaming-Dienst mit rund 25 Mio. Musiktiteln
          Auf simfy.de auswählen, ob man die Mobile- oder die Desktop-Version nutzen will, werbefinanziert oder per Abo, dann Konto erstellen. Kosten 0 bis 9,99 Euro.

          3.Youtube: Videoportal mit vielen Musikvideos und Live-Mitschnitten
          Auf youtube.com nach Titeln oder Künstlern suchen, gewünschtes Video auswählen und abspielen. Kostenlos

          4. Vevo: deutsches Musikvideo-Portal, rund 75 000 Videos im Angebot
          Bei vevo.com nach Videos suchen und sie abspielen. Um Wiedergabelisten mit Lieblingsvideos zu erstellen, muss man sich registrieren oder die Seite mit dem Facebook-Profil verbinden. Kostenlos

          5. Last.fm: Internetradio mit Musikgeschmackserkennung
          Bei last.fm ein kostenloses Konto erstellen und den Lieblingstitel abspielen. Der Dienst erfindet eine Radiostation, die zum eigenen Musikgeschmack passt.

          6. Radio.de: Mehr als 7000 Radiosender und Podcasts
          Auf radio.de Lieblingssender oder Podcast auswählen und anhören

           

           

          Weitere Themen

          Lufthansa solle aufhören zu „zocken“ Video-Seite öffnen

          UFO stellt Ultimatum : Lufthansa solle aufhören zu „zocken“

          Die Kabinengewerkschaft UFO will den Arbeitskampf bei der Lufthansa wieder aufnehmen, sollte die Fluggesellschaft nicht zu Kompromissen bereit sein. Sollte Lufthansa weiter „zocken“, werde man sich schon in naher Zukunft auf erneute Streiks einstellen müssen.

          Topmeldungen

          Rückzug von Prinz Andrew : Vorzeitiger Ruhestand

          In der langen Geschichte des britischen Königshauses ist so etwas wohl noch nicht passiert: Ein Prinz legt alle öffentlichen Aufgaben nieder. Prinz Andrew holt jetzt nach, was er in seinem missglückten Interview unterlassen hatte.
          Martina Merz geht voran, Aufgaben warten viele.

          Verheerende Bilanz : Die Lage ist bedrohlich

          Was wird aus Thyssen-Krupp? Der deutsche Traditionskonzern hat eine steinige Strecke vor sich. Gefordert sind jetzt harte Entscheidungen, die auch die Mitarbeiter treffen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.