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Im Portrait: Nokia-Chef Kallasvuo : Mr. Schweigsam

  • -Aktualisiert am

Kallasvuo gilt vielen als das Urbild des Finnen Bild: ddp

Vor kurzem kannte keiner den Nokia-Chef. Jetzt gilt er als Buhmann, Vorzeigekapitalist und Anführer eines Schwarms von „Subventionsheuschrecken“. Die Deutschen verstehen nicht, wieso er das Werk in Bochum schließt.

          Wer ist Olli-Pekka Kallasvuo? Bis vor einigen Tagen hätte diese Frage in Deutschland kaum jemand beantworten können - und es hätte auch niemanden interessiert. Jetzt ist das Interesse an dem Vorstandsvorsitzenden des Handyherstellers Nokia schlagartig gestiegen. Kallasvuo ist der Buhmann. Er gilt mit seinem Unternehmen an deutschen Stammtischen in diesen Tagen als der Vorzeigekapitalist, der in Bochum die Produktion zumacht und dabei die Arbeitslosigkeit der 2300 Angestellten eiskalt und billigend in Kauf nimmt, obwohl Nokia Milliardengewinne macht.

          Für Jürgen Rüttgers, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten, ist Kallasvuo gar der Anführer eines Schwarms von „Subventionsheuschrecken“. Die fallen im Lande ein, nehmen die Subventionen in Millionenhöhe mit und ziehen schnell weiter, wenn es woanders neues Geld zu verteilen gibt - so die einfache Logik aus der Staatskanzlei. Dazu schwieg Kallasvuo. Einzig seine Sprecherin Arja Suominen bekräftigte in Helsinki, dass die Entscheidung gut bedacht sei und nicht in Frage gestellt werde.

          „Olli-Pekka liebt dieses Unternehmen“

          In Deutschland hielten sich weitere Politiker nicht mit Beschimpfungen zurück. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer gab sein Nokia-Gerät öffentlichkeitswirksam ab und will prüfen, ob er die Marke Nokia nicht in seinem ganzen Haus verbieten lassen kann. Auch SPD-Fraktionschef Peter Struck ist jetzt, nachdem er sein Nokia-Handy nicht mehr nutzen mag, auf der Suche nach einem politisch korrekten Mobiltelefon. Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck verkündete: „Mir persönlich kommt kein Nokia-Handy mehr ins Haus. Ich will beim Telefonieren nicht ständig an dieses unglaubliche Ärgernis erinnert werden.“ Überall äußerten sich die Volksvertreter im aktuellen Wahlkampfgetümmel zum Reizthema Nokia. Demonstrationen in Bochum gaben die Kulisse für ihre Auftritte.

          Bangen um die Arbeitsplätze in Bochum

          Von Kallasvuo aber war nichts zu hören. Er ist kein charismatischer Redner, wie es sein Vorgänger Jorma Ollila war. Trotzdem: „Olli-Pekka liebt dieses Unternehmen“, heißt es aus seinem Umfeld. Das mag durchaus stimmen. Kallasvuo arbeitet seit dem Jahr 1980 für Nokia. Nokia ist erst sein zweiter Arbeitgeber, und er hat sich treu nach oben gearbeitet. Dabei stand er nicht allein. Vielmehr gehörte er zu „Jormas Bande“. Das waren die fünf wichtigsten Mitarbeitern des langjährigen Nokia-Chefs Jorma Ollila. Dieser Zirkel machte Nokia zu dem, was der Konzern jetzt ist: der marktdominierende Hersteller von Mobiltelefonen.

          Jetzt kommuniziert Kallasvuo mit der deutschen Politik

          Kallasvuo ist Jurist und gilt vielen als das Urbild des Finnen. Ruhig und bedächtig erscheint er. „Man darf ihn aber nicht unterschätzen“, heißt es unter seinen Mitarbeitern. Im September des Jahres 2006 übernahm er den Chefsessel bei Nokia endgültig von Jorma Ollila. Kallasvuo gilt als sehr diszipliniert und analytisch - Eigenschaften, die nach Ansicht von Mitarbeitern schnell mit einem militärischen Stil verwechselt werden können. Das wird ihm manchmal nachgesagt. „Militärisch heißt immer auch hierarchisch“, heißt es in seinem Umfeld. Nokia ist aber eines ganz und gar nicht, und das ist hierarchisch. Es gibt in dem Unternehmen von jeher eine ausgeprägte Kommunikationskultur. Alle schreiben sich SMS oder E-Mails - auch der Vorstandschef.

          Jetzt kommuniziert Kallasvuo mit der deutschen Politik. Mit Angela Merkel, die ja auch gerne SMS schreibt, hat er am Montag der vergangenen Woche telefoniert. Sie habe dem Nokia-Chef die Meinung gesagt, ließ sie danach verbreiten. Allerdings hatte die Kanzlerin nach dem Gespräch wenig Hoffnung, dass die Arbeitsplätze erhalten bleiben könnten. Kallasvuo scheint in dieser Hinsicht unerbittlich zu sein.

          Nicht der knallharte Macker

          Im Vergleich zum früheren Vorstand Jorma Ollila wirkt er beinahe spröde. Er drängt nicht so in die Öffentlichkeit. Man sagt ihm aber nach, dass er durchaus gerne mal in den Spiegel schaut. Kallasvuo ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Familie sieht er aber eher selten: OPK - so wird er von vielen Mitarbeitern genannt - ist 200 Tage im Jahr auf Reisen. Nokia ist auf allen Märkten vertreten. Das behält Kallasvuo im Blick. Er denkt im Konzern nicht in nationalen Kategorien, sondern versteht Nokia als transnationales Gebilde. Das mag auch der Grund sein, wieso er zu der Krise in Bochum so lange geschwiegen hat.

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