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Hubert Burdas Visionen : Vom Bambi zum Internet

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Hubert Burda mit Ehefrau Maria Furtwängler am Bambi-Abend Bild: dpa/dpaweb

Hubert Burda, der sich gerne mit den Schönen und Wichtigen umgibt, richtet sein Unternehmen strategisch neu aus. Die Zukunft sieht der Verleger im Internet. Der Konzern investiert 150 Millionen Euro in Online-Spiele und Web-Händler.

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          So viel Glanz war selten: Verleger Hubert Burda hat am Donnerstag seine Bambis verteilt, und alle waren sie gekommen; Bill Clinton, Franz Beckenbauer und jede Menge hübsch anzusehender Frauen. Mehr als sechs Millionen Menschen hätten zugeschaut, jubelte der Konzern tags drauf.

          Das ist die eine Seite des Hubert Burda, des Konzernchefs im Kreis der Schönen und Wichtigen. Die andere, jenseits der Öffentlichkeit, ist die des Vorstandsvorsitzenden, der an der strategischen Neuausrichtung seines Konzerns arbeitet.

          „Müssen wissen, was und wie unsere Kunden denken“

          Der promovierte Kunsthistoriker sitzt dann in seinem Büro, tippt auf der Tastatur seines Computers. Auf dem Großbildschirm erscheint Sean Connery, er jagt als James Bond bösen Ganoven hinterher. So weit, so gut.

          Ungewohnt ist hingegen das, was sich im oberen Drittel des Bildschirmes abspielt. Der dorthin projizierte Querschnitt eines menschlichen Gehirns leuchtet in diversen Farben an unterschiedlichen Stellen auf; je nach Filmhandlung. Die Symbole zeigen die Reaktion der Testzuschauer auf Erotik, Gewalt und was Agent 007 sonst so anstellt. „Wir müssen als Medienschaffende wissen, was und wie unsere Kunden denken, um erfolgreich zu sein“, erläutert der 65jährige Verleger die Entwicklung des in London lehrenden Professors für Neurobiologie Semir Zeki.

          Digitale Aktivitäten

          Zwar mache die Hubert Burda Media Holding immer noch gut zwei Drittel ihres Umsatzes von rund 1,5 Milliarden Euro mit ihren mehr als 70 Zeitschriften, sagt der Konzernchef, die Gruppe sei damit einer der größten Zeitschriftenverlage in Deutschland. Hohe Wachstumsraten sind aber in Deutschland im traditionellen Geschäft nur noch schwer zu erzielen.

          Die Zukunft gehöre den interaktiven elektronischen Medien, meint der mit der Schauspielerin Maria Furtwängler verheiratete Burda. Gebündelt hat er seine digitalen Aktivitäten in der Burda Digital, die nach einem Wachstum von 29 Prozent 2004 eine ähnlich hohe Wachstumsrate im laufenden Jahr ausweisen dürfte und auf einen Gesamtumsatz von über 170 Millionen Euro kommen sollte - das entspricht gut zehn Prozent des Gruppenumsatzes.

          Attraktivität durch Online-Auftritte

          Den Rest teilen sich das Direkt Marketing und der Druck etwa hälftig. Die größere Dynamik hat dabei eindeutig das Direkt Marketing, das schon jetzt erheblich mehr als der Druckbereich zum Gewinn beisteuert.

          Unter dem Dach der börsennotierten Tomorrow Focus AG habe sich, erläutert Burda, vor allem Focus Online recht gut entwickelt. Dies demonstriere die erfolgreiche Verknüpfung traditioneller Medien wie des 1993 erfolgreich lancierten „Spiegel“-Konkurrenten „Focus“ mit dem Internet. Auch die Ende der 90er Jahre nach gründlicher „Renovation“ wieder deutlich an Auflage gewinnende „Bunte Illustrierte“ gewinne durch ihren Online-Auftritt zusätzlich Attraktivität und Erlöse, betont Hubert Burda.

          Als Chefredakteur der „Bunten“ hatte Hubert Burda in den 70er Jahren debütiert. Die Weiterentwicklung seiner „Paradepferde“ im Internet liege ihm daher besonders am Herzen, sagt er. Die anderen Zeitschriften pflegen natürlich ebenfalls ihre Internetauftritte. Daneben investiert die Gruppe in weitere Internetfirmen: Abebooks gilt mit über 70 Millionen gelisteter Bücher als der weltweit größte antiquarische Buchhändler.

          Zudem beteiligt sich Burda an Online-Spielen (Ragnarok, GameDuell, Millionenchance) und Händlern wie Cyberport, dem Internethandelshaus für Computertechnik und Unterhaltungselektronik in Dresden. „Im Jahre 2005 erzielen die digitalen Aktivitäten mit einer zweistelligen Umsatzrendite erstmals einen deutlichen Gewinnbeitrag“, berichtet Burda nicht ohne Stolz.

          Gewinn wird ins Neugeschäft investiert

          Man müsse an die langfristige Überlebensfähigkeit des Unternehmens denken, im Interesse der rund 7.500 Mitarbeiter ebenso wie der nächsten Generation der Familie, philosophiert der Verleger - und natürlich an die Steigerung des Unternehmenswertes, den Analysten auf etwa 2,3 Milliarden Euro schätzen.

          Burda rechnet damit, daß sich die Digitalisierung der Medien noch mindestens zehn Jahre fortsetzen werde. Die nachwachsende Generation nutze mehr und mehr das neue digitale Angebot. Deshalb dürfte auch zukünftig ein großer Teil der Investitionen der Gruppe von rund 150 Millionen Euro im Jahr 2005 wieder in diese „vielversprechenden Bereiche“ fließen. Branchenkenner schätzen, daß Burda damit in etwa den Gewinn der Gruppe in das Neugeschäft investiert.

          Kommerzielle Verwertungsmöglichkeiten

          Die Bambi-Verleihung erscheint dabei fast wie ein Rührstück aus längst vergangenen Zeiten. Aber auch im Geschäft mit der Eitelkeit - neudeutsch: People Business, dem Schwerpunkt der „Bunte“-Berichterstattung, wird das elektronische Moment wichtiger: Mit dem täglich von der „Bunten“ im Internet erhobenen People Index, der die Nennungen Prominenter in elektronischen Medien abruft, entsteht der erste deutsche Wichtigkeitsbarometer im Netz. Die Hitliste eignet sich zum Aushandeln gutdotierter Werbeverträge oder Auftrittshonorare.

          Und auch beim eingangs erwähnten James Bond-Experiment denkt der alleinige Gesellschafter der nach ihm benannten Gruppe (“zur besseren Unterscheidung von meinen Brüdern“) natürlich an die kommerziellen Verwertungsmöglichkeiten: „Wenn wir wissen, was Sie bei bestimmten Bildern und Tönen assoziieren, dann könnten wir parallel entsprechende Werbung verkaufen und einblenden, das wäre der nächste Schritt“, sagt Hubert Burda. Mindestens fünf Jahre will der kreative Kopf noch an der Spitze des „weitgehend schuldenfreien“ Unternehmens stehen. Dann könnte eine neue Manager-Generation die Zügel übernehmen. Der eigene Nachwuchs, derzeit im Teenager-Alter, werde je nach Neigung und Fähigkeit vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt die Geschäfte des Familienunternehmens fortführen, hofft der zweifache Vater.

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