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Hardware : Supercomputer für das Wohnzimmer

Klappt es bis Weihnachten? Spiele-Fans warten auf die neue Xbox 360 Bild: ap

Sie werden das Objekt der Begierde. Für die heutige Generation von Teenagern, vielleicht sogar für manchen Erwachsenen: Die kommenden Videospielkonsolen von Sony und Microsoft.

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          Sie werden das Objekt der Begierde. Für die heutige Generation von Teenagern, vielleicht sogar für manchen Erwachsenen: Die kommenden Videospielkonsolen von Sony und Microsoft werden technische Höchstleistungen vollbringen und für den bisher ernstesten Versuch der beiden Hersteller stehen, die Hoheit über das - künftig digitale - Wohnzimmer zu erlangen. Die Wartezeit ist nur noch kurz.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

          Microsoft will seine neue Xbox 360 auch in Deutschland noch zum diesjährigen Weihnachtsgeschäft in die Regale stellen. Das hat Microsoft-Deutschland-Chef Jürgen Gallmann fest versprochen. Und wenn es für Gallmann richtig gut läuft, werden ein paar Wochen zuvor im Einzelhandel schon Vorbestellungen angenommen. Das ist kein Witz. Denn solche Vorbestellungen kann man in diesen Tagen im Elektrogroßmarkt vor der Stadt schon für die Spielkonsole Playstation Portable (PSP) von Sony abgeben. Es gibt nur noch wenige Elektronikprodukte, die die ansonsten recht kaufmüde deutsche Kundschaft vergleichbar zu elektrisieren vermögen.

          Während aber die tragbare PSP vor allem durch ihre Miniaturisierung alter Technik besticht, werden die neuen Wohnzimmergeräte von Microsoft und von Sony (die Playstation 3, die vom Frühjahr 2006 an verkauft wird) mit einer Grafikdarstellung aufwarten, die es in dieser Form bisher allenfalls in Kinofilmen aus Hollywood gegeben hat. Dem Vermarktungsbeginn geht eine mehrjährige Entwicklungsarbeit an der Architektur der Spielcomputer voraus - und zumindest im Fall von Microsoft werden die Chips, die das Herz der Xbox-360-Konsole bilden, auch schon in großer Zahl produziert. Anders wäre das ehrgeizige Ziel, die Konsole noch in diesem Jahr auf der ganzen Welt auf den Markt zu bringen, nicht zu erreichen.

          An dieser Stelle kommt der Computerkonzern IBM ins (Video-)Spiel, der den wichtigsten Chip sowohl für das Produkt von Microsoft als auch für die nächste Playstation von Sony fertigt. Nur dann, wenn in der hochmodernen IBM-Fabrik in East Fishkill im Bundesstaat New York alles nach Plan läuft, werden die Marketingmaschinen von Microsoft und Sony in den kommenden Monaten ein Produkt bewerben können, das es auch zu den angekündigten Terminen in die Hände der Kunden schafft. Gallmann setzt also großes Vertrauen in die Mitarbeiter von IBM, vor allem in Bernard Meyerson.

          Meyerson ist für die Chiptechnologie des größten Computerkonzerns der Welt verantwortlich, und Meyerson will den Computerspielern für knapp 300 Euro eine Rechenleistung unter den Weihnachtsbaum legen, die vor 15 Jahren sündhaft teuren Supercomputern zur Ehre gereicht hätte. Um dies zu erreichen, wird der Chip in der Xbox 360 drei Rechenkerne in sich vereinen, der der nächsten Playstation sogar acht. Der Microsoft-Chip wird aus 165 Millionen Transistoren bestehen, bei Sony werden es 234 Millionen sein.

          "Bei dieser sogenannten Multicore-Technik sind wir dem Rest der Chiphersteller vier Jahre voraus", sagt Meyerson in einem Besprechungszimmer in East Fishkill - und kann zu Recht darauf verweisen, daß andere sehr viel länger als IBM daran geglaubt haben, die Leistung eines Chips allein durch immer höhere Taktgeschwindigkeiten anzutreiben. Meyerson zielt mit diesen Worten vor allem auf den kalifornischen Konkurrenten Intel - und tatsächlich hat der dominierende Chipmarktführer gerade erst damit begonnen, seine ersten Pentium-Prozessoren mit zwei Prozessorkernen auszurüsten. "Unser Ziel ist es, mehr Leistung mit weniger Stromverbrauch zu koppeln", sagt Meyerson. "Über Innovation entscheidet in unserer Branche nur noch die richtige Mischung aus Material, Chipstruktur und -architektur." Und eben nicht allein die Taktfrequenz.

          Um die Chips zu fertigen, die demnächst ganz simpel allein dazu dienen, für höchsten grafischen Spielgenuß zu sorgen, hat IBM mit seinen Partnern in den vergangenen Jahren rund 3 Milliarden Dollar in East Fishkill investiert. An einem weiteren Ausbau wird gerade gearbeitet. Insgesamt werden die Investitionen bald mehr als 4 Milliarden Dollar erreichen. Allein Sony steuert zu dieser Summe 325 Millionen Dollar bei. Entstanden ist, zwei Autostunden von New York City entfernt, eine der modernsten Chipfabriken der Welt. Hier werden Prozessoren auf Siliziumscheiben (Wafer) mit einem Durchmesser von 300 Millimetern aufgebracht. Das Werk bietet auf mehr als 13000 Quadratmeter Nutzfläche zusätzlich einer Entwicklungsabteilung Platz, in der auch Partner wie AMD, Infineon oder eben Sony ihre Forschungen vorantreiben können. Ein Sony-Techniker, der mit seinem Laptop in der Fabrik wichtige Daten überprüft, ist deshalb ein alltäglicher Anblick für die IBM-Beschäftigten in East Fishkill.

          Das im Jahr 2002 eingeweihte Werk wurde schon bei der Planung darauf ausgelegt, vor allem als Auftragshersteller für Dritte zu fungieren, wofür die Arbeiten an den Spielkonsolen-Chips das beste Beispiel sind. "Die Fabrik ist nicht auf Massenware ausgelegt, sondern auf hochinnovative Produkte", sagt Perry Hartswick, der für die Softwareausrüstung der Chipfabrik verantwortlich ist. So ist der "Cell-Chip" für die Playstation 3 ein Prozessor, der je nach Anwendungsgebiet bis zu zehnmal schneller rechnen kann als aktuelle PC-Prozessoren. Der Cell unterstützt, wenn gewünscht, auch mehrere Betriebssysteme gleichzeitig. Der von IBM und seinen Partnern bisher gezeigte Cell-Prototyp hat die Größe einer Briefmarke - und bietet darauf Platz für die mehr als 200 Transistoren.

          Die Pilot-Produktion des Cell-Prozessors soll noch in diesem Jahr in East Fishkill beginnen. Dem fiebern auch deutsche Ingenieure entgegen: Das IBM- Entwicklungszentrum in Böblingen ist maßgeblich an der Entwicklung des Cell beteiligt und trägt die Verantwortung für zentrale Funktionskerne im Prozessordesign. Die Kapazitäten für die Fertigung der Spielkonsolen-Chips sind vorhanden - wohl auch weil der bisherige IBM-Prestigekunde Apple jüngst einen Wechsel seines Chiplieferanten angekündigt hat. Bei Apple ist künftig "Intel inside".

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