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Urheberrecht : Youtubes schöne neue Videowelt

Vorerst Vergangenheit: Der Youtube-Sperrbildschirm Bild: Archiv

Deutsche Künstler bekommen jetzt von Youtube Geld für ihre Musikvideos. Wird der Mutterkonzern Google etwa spendabel?

          4 Min.

          Wenn zwei sich einigen, freut sich ein Dritter. Das zeigte sich in der vergangenen Woche, als die Online-Videoplattform Youtube und die Musikverwertungsgesellschaft Gema überraschend eine Einigung erzielten. Sieben Jahre lang hatten sie sich darüber gestritten, wie viel Lizenzgebühren Youtube an die Gema zahlen soll – und ebenso lange waren zehntausende Musikvideos nicht auf der Plattform zu sehen. Stattdessen zierte ein schlecht gelauntes Youtube-Gesicht die entsprechende Suchanfrage.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Nun also endlich eine Einigung über einen Lizenzvertrag, über deren finanzielle Bedingungen Stillschweigen vereinbart wurde. Das macht jedoch nichts, die Erweckung unzähliger Musikvideos ist Anlass genug, über den Schutz des geistigen Eigentums in Zeiten des digitalen Wandels nachzudenken.

          Viel war in den vergangenen Tagen die Rede davon, dass die Einigung eine „Wende“ darstelle. Endlich sehe Youtube ein, dass man für Inhalte, die Millionen Menschen auf die Seiten locken, auch Geld an die Rechteinhaber zahlen müsse, so der Tenor. Klickzahlen gibt es schließlich nicht zum Nulltarif. Und da Youtube zum Suchmaschinenkonzern Google gehört, ebenfalls sehr erfahren in urheberrechtlichen Auseinandersetzungen, darf man auf einen echten Durchbruch hoffen.

          Youtube sieht das naturgemäß anders. Auch dort ist man zwar erleichtert, nennt die Einigung „bahnbrechend“. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass vorher alles schlecht war. „Der Vorwurf ist schlicht falsch: Youtube verletzt keine Urheberrechte, das haben auch die Gerichte bestätigt“, sagt Albrecht Conrad, Partner der Kanzlei Hengeler Mueller, der Youtube in Rechtsstreitigkeiten gegen die Gema vertreten hat.

          Youtube habe sich nie auf diese juristische Ebene zurückgezogen, sondern seit Jahren unzählige Verträge auf der ganzen Welt geschlossen, auch mit Musikverwertungsgesellschaften, und auf dieser Grundlage erhebliche Zahlungen an die Rechteinhaber geleistet. „Es hat lediglich sehr lange gedauert, bis eine Einigung mit der Gema gefunden werden konnte.“

          Sieben Jahre gesperrte Musikvideos sind für den unbeteiligten Betrachter eine lange Zeit. In diesem Zeitraum haben pubertierende Peter-Fox-Fans womöglich schon eine Familie gegründet und wollen von ihrem einstigen Idol nichts mehr wissen. Für Youtube waren das sieben Jahre ohne Werbeeinnahmen, für die Gema sieben Jahre ohne Lizenzgebühren. Von den Musikern ganz zu schweigen. Und wozu das alles?

          Jeder muss Gebühren zahlen

          Schon seit der Renaissance vor mehr als 500 Jahren gibt es so etwas wie ein Urheberrecht für Kreative, weil sie anders keinen Raum, kein Geld, keine Zeit für ihre Kreativität hätten. Das hat sich entwickelt, Verwertungsgesellschaften wurden gegründet, weil es Künstlern schlicht an Ahnung und Durchsetzungsfähigkeit mangelt. Verlage und Musikfirmen verdienen ordentlich mit. Deshalb sind wir dorthin gekommen, wo wir jetzt sind: Einer spielt öffentlich einen Song und muss dafür Gema-Gebühren entrichten. Das ist Usus auf jedem Weihnachtsmarkt, was auch dort nicht auf ungeteilte Begeisterung stößt. Gema-Gebühren haben eine ähnlich große Fangemeinde wie GEZ-Gebühren, die nun anders heißen, die aber trotzdem keiner mag.

          Der entscheidende Unterschied liegt in der disruptiven Kraft des Internets oder in dem, was man dafür hält. Vor 25 Jahren ging die erste Internetseite online, neue Dienste und neue Geschäftsmodelle kamen auf den Markt. Das ist der eigentliche Kern des Problems: Jeder Wandel bringt neue Gewinner und Verlierer hervor, und keiner will auf der falschen Seite stehen. Jeder möchte so viel wie möglich daran verdienen und so wenig wie möglich zahlen.

          Deshalb hat sich Youtube stets auf die Position zurückgezogen, man sei lediglich Vermittlungsplattform und als solche schon gar nicht zuständig für Inhalte. Das hat den Konzern allerdings nicht daran gehindert, selbst mit großem Engagement Inhalte zu entwickeln. Viele Youtube-Stars sind auch deshalb so erfolgreich geworden, weil die Plattform intensiv daran arbeitete, Träume wahr werden zu lassen.

          Im echten Leben kosten Inhalte Geld

          Erschwerend kam hinzu, dass der Gründungsmythos des urdemokratischen Internets unweigerlich mit einer Gratismentalität einherging, die bis heute noch nicht vollständig überwunden ist. Dass Informationen, Lieder, Filme im echten Leben Geld kosten und die Rechteinhaber auch im Internet nicht von Luft und Liebe leben können, ist noch nicht zu jedem durchgedrungen, auch deshalb, weil Reichweite (also die Klickzahl) ein Wert an sich ist.

          Das ist durchaus richtig, jedenfalls wenn es gelingt, durch Werbeeinnahmen alles hereinzuholen, was durch fehlende Preisschranken verlorengeht. Das funktioniert mal besser, mal schlechter, jedenfalls experimentiert selbst Youtube in Amerika inzwischen mit einem Bezahlmodell unter dem Namen Youtube Red. Das lässt hoffen.

          Reichlich spät kommt es allerdings dennoch. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die hyperaktiven Internetfirmen oft so tun, als müsste das Rad in der digitalen Welt komplett neu erfunden werden. „Rechte im Internet durchzusetzen ist immer noch ein sehr langwieriges, zähes Unterfangen, das zeigt sich auch beim geistigen Eigentum“, sagt Robert Heine, Partner der Kanzlei Raue. „Die Unternehmen ziehen sich darauf zurück, nur Verbreitungsplattformen zu sein und für nichts zuständig.“

          Urheberrecht ist nicht die einzige Baustelle

          Das zeigt eine andere Dauerbaustelle des Internets: Das Leistungsschutzrecht, das die Rechte der Autoren und Verlage im Internet schützen soll, zeigt schon seit Jahren keine Wirkung. „Auch bei den Zeitungsartikeln behauptet Google, mit den Inhalten nichts zu tun zu haben, also eine Art Plattform zu sein“, sagt Heine, der in der Frage des Leistungsschutzrechts einige Verlage vertritt. Jetzt gibt es zwar ein Gesetz, das diese Rechte der Verlage sichert, aber kaum einen, der sie auch durchsetzen kann – jedenfalls nicht gegenüber Google.

          Doch das heißt noch lange nicht, dass der Schutz des geistigen Eigentums ein Relikt der analogen Zeit ist. Das wissen die neuen Konzerne nur zu gut: Google, Apple, Facebook verteidigen ihr geistiges Eigentum gegenüber ihren Wettbewerbern und lassen sich diese Patentstreitigkeiten Millionenbeträge kosten. Da ist es ganz wie immer.

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