https://www.faz.net/-gqm-7byw8

Leistungsschutzrecht : Die Verlage geben gegen Google klein bei - vorerst

  • -Aktualisiert am

Zwischen 15,4 Prozent (Bild.de) und 46,8 Prozent (Welt.de, Focus Online) der Leser gelangen über Suchmaschinen wie Google zur Online-Zeitung Bild: F.A.Z.

Die meisten deutschen Medienunternehmen erteilen für „Google News“ weiter unentgeltlich ihr Einverständnis. Die Zustimmung haben viele Verlage betont temporär erteilt. Sie bauen darauf, doch noch Einnahmen von Google zu erhalten.

          Christoph Keese legt sich ins Zeug. Selbst einen Flug nach San Francisco nutzt er, um für das Leistungsschutzrecht zu werben, mit dem Presseverlage Geld von Internetsuchmaschinen wie Google erhalten wollen. Vier Gänge vor ihm sitzt Kay Oberbeck, Pressesprecher von Google für Nordeuropa. „Noch ein paar Stunden bis San Francisco. Bis dahin kriege ich ihn rum und er gründet Initiative für Leistungsschutzrecht“, teilt Keese, der für die Axel Springer AG als Konzerngeschäftsführer arbeitet, per Twitter mit. „Die Wette dagegen halte ich“, schreibt Oberbeck während der Reise im vergangenen Oktober zurück.

          Jan Hauser

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Gefruchtet hat das alles nicht. Die meisten deutschen Medienunternehmen wie Axel Springer lassen ihre Internetseiten weiter in dem deutschsprachigen Angebot „Google News“ erscheinen, ohne dass sie dafür Geld von Google erhalten. Vorläufig haben sie dafür ihr Einverständnis gegeben. Das hat Google mit Beginn des Leistungsschutzrechts zum 1. August von ihnen verlangt. Laut Gesetz müssen Suchmaschinenanbieter Lizenzen für die Nutzung von Textausschnitten von Presseverlagen erwerben. Nur kleinste Passagen sollen erlaubt sein. Die Verlage werfen Google vor, mit ihren Inhalten Geld zu verdienen - und hatten mit dem Gesetz gehofft, an den Einnahmen des Konzerns beteiligt zu werden.

          Die Verlage werfen Google vor, mit ihren Inhalten Geld zu verdienen - und hatten mit dem Gesetz gehofft

          Google wiederum hatte die Nachrichtenseiten aufgefordert, ihr Einverständnis zur unentgeltlichen Nutzung zu geben - oder gar nicht mehr in „Google News“ zu erscheinen. „Google News“ sammelt automatisiert Nachrichtenartikel anderer Internetauftritte und bündelt diese mit Überschrift, einem bis zu 250 Zeichen langen Textanriss und kleinen Fotos. Für den vollständigen Artikel verweist der Dienst auf die jeweilige Originalseite per Link.

          Als eine der wenigen Medien verschwindet die „Rhein-Zeitung“ aus dem Internetangebot. „Die @rheinzeitung verlässt GoogleNews völlig gelassen - weil wir eigene Wege für die Verbreitung unseres Contents haben“, teilte Chefredakteur Christian Lindner via Twitter mit. Die Zeitung nennt auch Google-Sprecher Oberbeck, sonst ist er mit Namen zurückhaltend. Mehrere Hundert Verlage bleiben weiter in „Google News“. „Wir bedauern es, wenn sich Nachrichtenquellen anders entscheiden, im Verhältnis zu den positiven Bestätigungen fällt dies zahlenmäßig jedoch nicht ins Gewicht“, sagt er. „Wenn Sie Google News von heute mit dem von gestern vergleichen, werden Sie de facto keinen Unterschied feststellen können.“

          F.A.Z. bleibt vorläufig in „Google News“

          Die Zustimmung zum unentgeltlichen Erscheinen haben viele Verlage betont temporär erteilt. Sie bauen darauf, doch noch Einnahmen von Google zu erhalten. Helfen könnte dabei eine gemeinsame Verwertungsgesellschaft, die gegründet oder einer bestehenden Verwertungsgesellschaft wie VG Media oder VG Wort angegliedert wird. So bereitet Axel Springer die Verwertung vor und führe konkrete Gespräche. „Bis diese Vorbereitungen abgeschlossen sind und die Vermarktung des Rechts beginnen kann, entsteht aus juristischen und technischen Gründen zwangsläufig ein Intermezzo“, sagt ein Sprecher.

          Auch Tomorrow Focus, die mehrheitlich Hubert Burda Media gehört und den Internetauftritt des Magazins „Focus“ betreut, bereitet die langfristige Wahrnehmung der Leistungsschutzrechte an ihren Presseerzeugnissen vor, sagt Oliver Eckert, Geschäftsführer Tomorrow Focus Media. „Die technischen Voraussetzungen für eine Lizenzierung liegen noch nicht vor. Auch muss abgewartet werden, ob es in naher Zukunft die Möglichkeit geben wird, die Leistungsschutzrechte in eine Verwertungsgesellschaft einzubringen und kollektiv wahrnehmen zu lassen.“ Der Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat auch mitgeteilt, vorläufig weiter in „Google News“ bleiben zu wollen.

          „Google zahlt nicht für Snippets“

          Google lehnt das Leistungsschutzrecht grundsätzlich ab. „Kooperationen mit Verlagen bringen allen mehr als solch ein Gesetz“, sagt Oberbeck. Was würde sich ändern, wenn eine Verwertungsgesellschaft für Verlage tätig wird? „Google zahlt nicht für Snippets“, sagt er. Der Konzern verweist darauf, dass die Google-Angebote den Verlagen Millionen Leser zuführt. Google beherrscht mit einem Marktanteil von rund 90 Prozent die Internetsuche in Deutschland. Der Anteil der Besucher, die via Google den Weg zu den Nachrichtenseiten finden, liegt im zweistelligen Prozentbereich (siehe Grafik).

          Betroffen vom Leistungsschutzrecht sind andere - zum Beispiel der Blogaggregator Rivva. Dieser Dienst verweist nun nicht mehr auf 650 Lokalzeitungen, Magazine und deren Blogs. „Es ist traurig. Der bürokratische Aufwand, um alle interessanten Quellen einzeln um Erlaubnis zu fragen, sprengt ein Ein-Personen-Projekt“, schreibt Betreiber Frank Westphal. Der Internetverband Bitkom sieht sich dadurch in seinen Bedenken bestätigt. „Bürokratie und Rechtsunsicherheit sind Gift für Start-ups. Innovative Ideen im Netz werden es in Deutschland künftig noch schwerer haben“, sagt Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Das sieht der Zeitschriftenverlegerverband VDZ anders: „Rivva ist kein Opfer des Leistungsschutzrechts“, sagte ein Sprecher.

          Ist das ein Modell für Deutschland?

          Ein Zustimmungsverfahren wie von Google sei auch für einen kleinen Aggregator gut leistbar. Rivva habe inzwischen auch bei Verlagen angefragt, heißt es im VDZ. In Frankreich hat Google ein ähnliches Gesetz abgewendet, indem es 60 Millionen Euro für einen Innovationsfonds zum digitalen Publizieren bereit stellt. Ist das ein Modell für Deutschland? „Vielmehr sind Kooperationen mit Verlagen wie in Belgien vorstellbar“, sagt Oberbeck. Dort habe man sich in diesem Jahr geeinigt, den Rechtsstreit beizulegen. Google kauft dort Anzeigen in gedruckten Medien, Verlage nutzen Googles Werbeplattformen auf ihren Internetseiten und deren Dienste wie Youtube oder Google+; dafür sind die Inhalte der Verlage in „Google News“ dabei. Auch in Deutschland gibt es Kooperationen. „Die Zusammenarbeit kann ausgeweitet werden - wie auf Google Play mit Bezahlangeboten für journalistische Inhalte“, sagt Oberbeck.

          Über den Wolken hat sich der Google-Sprecher mit dem Springer-Manager nicht angenähert. Aber die beiden Kontrahenten schickten ein Foto in die Welt, auf dem sie beieinander im Flugzeug stehen und lächeln. Die Hoffnung der Verlage bleibt.

          Weitere Themen

          Erdgas-Lastwagen sind keine Lösung für das Klima

          Studie : Erdgas-Lastwagen sind keine Lösung für das Klima

          Politik und Wirtschaft hoffen, durch den Umstieg von Diesel auf Erdgas die Schadstoffemissionen im Straßenverkehr vermindern zu können. Diese Erwartungen werden nun durch die Ergebnisse einer neuen Studie gedämpft.

          Indien verbietet E-Zigaretten Video-Seite öffnen

          Todesfälle durch Vaping : Indien verbietet E-Zigaretten

          In letzter Zeit kam es aber vermehrt zu Lungenkrankheiten und sogar Todesfällen, die Ärzte auf das sogenannte Vaping zurückführen. Viele Regierungen stören sich auch daran, dass die Industrie gezielt Jugendliche anspricht.

          Topmeldungen

          Die Stadt Sassnitz auf der Insel Rügen hat etwa 9000 Einwohner.

          SPD kooperiert mit AfD : „Ich habe da kein schlechtes Gewissen“

          Immer wieder hat die SPD in Bund und Ländern bekräftigt, mit der AfD nicht zusammenarbeiten zu wollen. In Sassnitz auf Rügen reichen die beiden Parteien aber jetzt gleich sieben Anträge gemeinsam ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.