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Carsten Knop

Kommentar : Street View ist nicht das Problem

  • -Aktualisiert am

Bald startet Google Street View auch in den ersten deutschen Städten Bild: dpa

Die deutsche Aufregung über Street View interessiert Google wenig. Der Konzern will Informationen liefern, von denen man nicht einmal wusste, dass man sie gebrauchen könnte. So will sich Google unentbehrlich machen.

          3 Min.

          So groß die Aufregung über den Kartendienst Google Street View in Deutschland ist, so wenig wird sich die Konzernzentrale in Kalifornien davon aus der Ruhe bringen lassen. Die Deutschen und ihre Diskussion sind weder für das wirtschaftliche Ergebnis des größten Internetkonzerns der Welt noch für seine Strategie entscheidend. Googles Führungskräfte wissen, dass der Dienst der Gesetzeslage entspricht, um sehr viel mehr muss sich ein privates Unternehmen auch gar nicht kümmern. Gewiss: Der gute Ruf ist auch entscheidend. Aber die Zahl der Nutzer, die sich angesichts der vielen Fragen vom Kern des Google-Angebots abwenden, also der Internet-Suchmaschine, dürfte gegen Null gehen.

          Nur darum geht es Google. Die Internetsuche und die in ihrem Umfeld ganz konkret auf die Interessen des einzelnen Nutzers ausgerichtete Werbung sind der Kern des Geschäftsmodells. Darüber denken die Google-Strategen tatsächlich nach: Wie kann das Unternehmen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch im Zentrum des Internet-Suchgeschäfts und damit der so lukrativen Online-Werbung stehen? Die Antwort ist nicht trivial. Im Internet verschieben sich die Marktkräfte schnell. Was heute modern ist, kann morgen unbeachtet bleiben. Das steht möglicherweise der klassischen Suche über Google, Yahoo oder Bing bevor.

          Noch ist es ein schleichender Prozess, der von vielen unbemerkt bleibt: Empfehlungen, Hinweise von einem Bekannten, den man gut kennt oder im Internet vertraut, auf einen interessanten Text oder ein schönes Bild, ersetzen aber immer häufiger die gezielte Suche nach einem bestimmten Thema über Google und andere. Diese Empfehlungen werden zum Beispiel über die Internet-Gemeinschaft Facebook oder den Kurznachrichtendienst Twitter ausgesprochen, das sind Unternehmen, die noch viel jünger sind als Google. Dort kann man sich dann treiben lassen, den Gedanken seiner Freunde folgen, oder gezielt nach den Themen suchen, die in der jeweiligen Gemeinschaft der Nutzer gerade diskutiert werden. Das ist die wesentliche Bedrohung für das Suchgeschäft von Google, nicht die deutsche Verbraucherschutzministerin.

          Was das mit Street View zu tun hat? Der Dienst ist ein kleiner Baustein in der Strategie von Google, sich für die künftigen Anwendungen im Internet zu rüsten. Dabei geht es nicht um das Ausspionieren von Menschen, sondern um die Möglichkeit, dem künftig in der Regel mobilen Internetnutzer zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort geeignete Werbeangebote machen zu können. Das ginge dann so: Der Nutzer passiert einen Supermarkt und Google erinnert per Mobilfunk daran, dass man dort Milch kaufen kann, oder im Antiquariat den lange gesuchten historischen Comic. Weitere Beispiele sind vorstellbar; die Anfahrtsbeschreibung bringt Google in Bildern gleich mit. Google will Informationen liefern, von denen man nicht wusste, dass man sie gebrauchen können würde – und sich damit auch in Zeiten unentbehrlich machen, in denen Facebook immer größere Aufmerksamkeit findet. Die Verknüpfung dieser Informationen mit Bildern von Personen und ihren Häusern könnte zum Datenschutzproblem werden, nicht Google Street View selbst.

          Google erklärt nicht schlüssig, was es will

          Das ist der Vorwurf, den sich Google gefallen lassen muss: Das Unternehmen erklärt nicht schlüssig, was es will und was nicht. Es hat kein Gespür dafür, wie man Ängsten begegnet oder wie man sie ausräumt. Vergleiche mit der Vorratsdatenspeicherung, der Video-Überwachung oder einer staatlichen Online-Durchsuchung sind unsachlich, aber Google entlarvt sie nicht als solche. Denn Street View ermöglicht keine Überwachung, es handelt sich um kein Echtzeit-Bild. Google fotografiert den öffentlichen Raum. Und in den Garten der Bürger kann man schon längst per Google Earth schauen, dem Dienst, der Satellitenbilder für jedermann zugänglich macht. Das betrifft nicht nur Google: Neben Google Earth zeigt zum Beispiel ein Dienst der Microsoft-Suchmaschine Bing Aufnahmen aus einer Vogelperspektive, die zum Teil eine deutlich höhere Auflösung haben als die Satelliten-Fotos von Google Earth.

          Was im Fall Google Street View bleibt, ist eine Diskussion über den richtigen Stil, über Einspruchsfristen und die Frage, wann Google wen hätte fragen sollen. Vor allem aber lässt sich erkennen, dass das Problem viel größer ist: Die Menschen wissen nicht mehr, wie viele Daten wo von ihnen öffentlich oder nur für den Staat zugänglich gespeichert sind. Man hat den Überblick verloren – und ahnt, dass das in der Zukunft noch schlimmer wird, wenn noch mehr Daten von Amazon, Apple, Google, Microsoft oder anderen Unternehmen in dezentralen Rechenzentren, also der Datenwolke „Cloud“, gespeichert und miteinander verknüpft werden.

          Das von vielen heißgeliebte Unternehmen Apple weiß alles über den Musikgeschmack seiner Kunden, der Online-Buchhändler Amazon alles über unsere Lese- und manche andere Lebensgewohnheit. Der Fall Blackberry hat vor Augen geführt, dass E-Mails nie vertraulich waren. Die Gesellschaft braucht eine Antwort darauf, wie man den Überblick über im Internet gespeicherte Daten bekommt, um sie im Zweifel löschen zu können.

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