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Internetkonzern : Großumbau bei Google

  • -Aktualisiert am

Hier noch mit Querlinien: Das alte Google-Logo. Bild: dpa

Der Suchmaschinenkonzern gründet eine Holding namens Alphabet. Auf den ersten Blick wirkt der Schritt wie ein neuer Name für alte Strukturen. Auf den zweiten Blick steckt vielleicht mehr dahinter.

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          Im Rückblick hat sich die deutsche Tochtergesellschaft des amerikanischen Internetkonzerns Google den richtigen Ort ausgesucht. Die Google Germany GmbH residiert in der ABC-Straße in Hamburg. Mit der Ankündigung vom späten Montagabend deutscher Zeit, dass Google sich umstrukturieren wird und die Holdinggesellschaft Alphabet ins Leben ruft, gewinnt die Adresse womöglich an symbolischer Bedeutung: Sollte Google einen deutschen Ableger der amerikanischen Alphabet Inc. gründen, säße diese dann fortan wohl in der ABC-Straße.

          Abseits solcher Wortspielchen blieb der Grund für die Umstrukturierung, die der Noch-Google-Chef Larry Page in einem Blogeintrag verkündete, ein wenig undurchsichtig. Oberflächlich betrachtet, wirkte es wie eine reine Umdeklarierung von bestehenden Strukturen plus Einziehung einer weiteren Unternehmensebene. Fest steht, dass die Alphabet Inc. als Holding künftig über der bisherigen Google Inc. stehen wird. Das wirkt sich erst einmal auf Aktienbesitzer aus. Weil die Holdinggesellschaft künftig an der Börse gehandelt werden soll, werden Google-Anteilseigner nun also zu Alphabet-Anteilseignern. Die Anteilsscheine sollen eins zu eins und mit den selben Rechten umgewandelt werden. Alphabet wird von Google auch die Kürzel an der Technikbörse Nasdaq übernehmen, die auf „GOOGL“ und „GOOG“ lauten und erhalten bleiben.

          Was von Google übrig bleibt

          Der weitere Umbau ergab sich teils aus den Worten von Page selbst. „Alphabet ist hauptsächlich eine Ansammlung von Unternehmen“, schrieb Page. Das größte davon sei Google, also die Suchmaschine. Andere Internet-Geschäfte wie der E-Mail-Dienst Gmail, der Kartendienst Maps oder der vor kurzem runderneuerte Fotodienst werden laut bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC eingereichten Unterlagen künftig ebenso zum Google-Geschäft zählen; ebenso die Videoplattform Youtube und das Smartphone-Betriebssystem Android.

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          Zugleich werde Google aber auch ein wenig ausgedünnt, schrieb Page – und zwar derart, dass die „Unternehmen, die ziemlich weit  von unseren Internetprodukten entfernt sind, stattdessen zu Alphabet gehören“. Gute Beispiele seien dafür die Anstrengungen im Gesundheitsbereich, etwa die bisherige Google-Unterabteilung Life Sciences, die an einer Kontaktlinse arbeitet, die den Blutzuckerspiegel misst, oder auch das Biotechnik-Unternehmen Calico, das Google vor zwei Jahren mitgegründet hat. Calico hat sich auf die Fahne geschrieben, Lösungen zu finden, die das Leben verlängern. Auch die Forschungsabteilung X gehöre dazu, die für neue Geschäftsideen zuständig ist und gerade unter anderem an dem Projekt „Wing“ arbeite, wie Page schrieb, mit dem Google ins Lieferdrohnengeschäft einsteigen will. Ebenso eigenständig in Alphabet agieren werden die beiden Investmentgesellschaften Ventures und Capital. Laut den Börsenunterlagen ist das auch beim Unternehmen Nest der Fall, das mit dem Internet verbundene Thermostate herstellt.

          Mehr Transparenz

          Durch die Umstrukturierung werde es leichter all diese bisherigen Google-Nebenprojekte zu steuern, schrieb Page. „Im Wesentlichen glauben wir, dass das unsere Management-Möglichkeiten erweitert, weil wir nun Dinge unabhängig voneinander laufen lassen können, die nicht viel miteinander zu tun haben.“ Die Tochtergesellschaften werden seinen Worten zufolge dadurch gekennzeichnet sein, dass sie jeweils einen eigenen starken und unabhängigen Vorstandsvorsitzenden bekommen sollen. Der soll von Page und Brin dann unterstützt werden, wenn es nötig sein sollte.

          Zusätzlich werde die Alphabet-Holding eine Segmentberichterstattung einführen, in der die Ergebnisse von Google separat ausgewiesen werden. Diese Regelung soll erstmals im vierten Quartal dieses Jahres greifen. Allerdings werden alle Alphabet-Untergesellschaften wohl vorerst zusammengefasst ausgewiesen. Das wird es auch künftig schwierig machen, den Beitrag der einzelnen Geschäfte abzuschätzen. Das Kerngeschäft von Alt-Google fußt derzeit auf Werbung. Im ersten Halbjahr dieses Jahres setzte das Unternehmen insgesamt 34,99 Milliarden Dollar um. Davon stammten 31,53 Milliarden Dollar oder rund 90 Prozent aus Werbeeinahmen.

          Ein Google-Manager erhält mehr Verantwortung

          Manche Beobachter sahen dennoch am Montag in der Umstellung der Berichterstattung die größte Konsequenz der Umstrukturierung. Dadurch werde dem Unternehmen eine größere Transparenz auferlegt, schrieb etwa die Technikjournalistin Kara Swisher im Blog Recode. In diese Richtung lässt sich auch die Reaktion der Börse nach der Ankündigung deuten. Im nachbörslichen Handel gewann die Google-Aktie zeitweise um fast 6 Prozent und notierte damit in der Nacht zum Dienstag bei rund 671 Dollar.  

          Am konkretesten wirkt sich die Umstrukturierung aber trotzdem auf die Personalstruktur von Google aus. Vor allem für den Google-Manager Sundar Pichai bedeutet sie nämlich eine weitere Beförderung. Bisher war Pichai als Vizepräsident für Produkte zuständig. Nun wird er Vorstandsvorsitzender des Rest-Googles – und erhält als Nachfolger von Larry Page noch mehr Verantwortung, vor allem für das bisherige Hauptgeschäft Werbung. „Die neue Struktur erlaubt uns einen starken Fokus auf die außerordentlichen Möglichkeiten zu legen, die wir innerhalb von Google haben. Und ein Kernstück davon ist Sundar Pichai“, schrieb Page und fuhr mit einer Eloge auf den Manager fort. Er fühle sich sehr glücklich, dass ein so talentierter Mensch nun Google führe.

          Kein Abschied

          Auf der anderen Seite werden die beiden Google-Gründer Page und Brin selbst dank der Beförderung von Pichai zumindest vorerst ein wenig aus dem Rampenlicht treten, weil sie eben nicht mehr direkt verantwortlich sind für das so wichtige Werbegeschäft. Dem 41 Jahre alten Brin, der künftig als Präsident von Alphabet fungiert, kommt das ohnehin entgegen. Er hat sich zuletzt lieber auf die „Moonshots“ genannten Zukunftsprojekte von Google konzentrierte – ob das nun die Internetversorgung über in der Atmosphäre plazierte Luftballons ist oder die Datenbrille Glass. Der 42 Jahre alte Page hingegen hatte zuletzt mit einer Stimmbanderkrankung zu kämpfen.  

          Als Abschied sollte man die Gründung von Alphabet trotzdem nicht lesen. Und darauf deuten auch die Worte hin, mit denen Page seinen Blogeintrag beendete. Für ihn und Brin sei es ein aufregendes neues Kapitel im Leben von Google. Das Wort „Alpha“ im neuen Unternehmensnamen stehe auch für eine Rendite über der eigentlichen Zielmarke, schrieb Page. Das Wort „bet“ bedeutet wiederum auf Deutsch „Wette“. Zusammen ergibt das laut Page also eine Wette auf zukünftige Erträge. „Wir freuen uns darauf, mehr ambitionierte Projekte durchzuführen und die langfristigen Perspektive einzunehmen.“

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