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Welche Seiten Google löscht : Wer das Vergessenwerden vergessen kann

Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin Bild: AP

Wegen eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs löscht Google Links zu Webseiten. Eine neue Studie zeigt, wie das Unternehmen das macht. Und wer nicht vergessen wird.

          3 Min.

          Zugegeben, die Sache ist verflixt: Da stehen auf der einen Seite die Datenschützer, die für Persönlichkeitsrechte eintreten und dafür, dass jeder ein Recht darauf hat, vergessen zu werden. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die vor Zensur warnen und davor, dass unliebsame Informationen einfach verschwinden. Und zwischen diesen beiden Parteien steht Google.

          Jonas Jansen
          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Natürlich hat der Internetkonzern kein Interesse daran, Links aus seinen Suchanfragen zu entfernen, doch der Europäische Gerichtshof zwingt Google dazu, zumindest für die europäischen Ausgaben der Suchmaschine. Doch Google hat ein gut ausgestattetes Netzwerk, um seine Sicht der Dinge zu präsentieren, der „Experten-Beirat für Google zum Recht auf Vergessenwerden“ tourt derzeit um die Welt. Und er ist prominent besetzt. Nicht nur mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, der ehemaligen Bundesjustizministerin und Datenschutzverfechterin, sondern auch mit Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, der wohl eher der „Keine-Zensur-bitte“-Seite zuzurechnen ist. Die Wikipedia ist schließlich auch von der Löschung betroffen, Wales hat das Anfang August kräftig kritisiert. „Das ist völliger Irrsinn und muss korrigiert werden“, sagte er damals einer Zeitung die zum britischen Guardian gehört.

          Der Guardian war selbst auch von den Löschanträgen betroffen, ebenso deutsche Medien wie Spiegel oder taz. Auf der Seite hiddenfromgoogle.com hat der Web-Entwickler Afaq Tariq aufgelistet, welche Einträge im Netz bislang entfernt wurden. Allein: Die Seite ist nicht sonderlich aktuell, der letzte Eintrag stammt von August, dieser Fall vom Bildblog taucht dort gar nicht auf. Eine Anfrage von FAZ.NET ließ er unbeantwortet.

          Google selbst gibt keine Antworten darauf, was sie löschen und nach welchen Kategorien. Einzig, dass mittlerweile 135.000 Anträge zu 483.000 URLs zusammengekommen sind, teilt der Internetkonzern auf Anfrage mit.

          Um ein Bild davon zu bekommen, was Google eigentlich löscht, hilft die Seite forget.me. Dort können Internetnutzer die Löschung bei Google beantragen, derzeit noch kostenlos. Mit dem Formular der Seite soll es laut Eigenwerbung deutlich einfacher sein, als mit dem offiziellen Google-Formular, das hier zu finden ist. In den vergangenen Monaten hat die Firma Reputation VIP, die Forget.me betreibt, einige Daten darüber gesammelt, welchen Anträgen zur Löschung Google stattgibt. Mit 15.061 zu löschenden URLs liegen bei der Firma also rund drei Prozent der Gesamtmenge vor. Weil im Zeitraum der Studie nur gut die Hälfte der 15.000 Löschanträge überhaupt beantwortet wurden, reduziert sich diese Zahl korrekterweise sogar noch auf 1,5 Prozent. Das erlaubt zwar kein umfassendes Bild, aber es gibt trotzdem einen stichprobenartigen Einblick, weshalb wir das hier veröffentlichen.

          Von den beantworteten Anträgen hat Google fast 60 Prozent abgelehnt. Google selbst hat Anfang September mitgeteilt, dass es beim damaligen Stand von 91.000 Anträgen jeden Dritten abgelehnt habe. Die Kategorie Nachfragen beinhaltet Konkretisierungen wie etwa: „Wie können Sie beweisen, dass die betreffende Seite nicht mehr relevant ist?“ oder „Können Sie beweisen, dass die Anschuldigungen auf dieser Seite nicht stimmen?“

          Besonders interessant sind die Gründe, mit denen Google die Anträge ablehnt. So will wohl ein Großteil der Nutzer gar keine ehrenrührigen Einträge entfernen lassen, sondern schlichtweg Links, die ihnen nicht passen - zu einem überwiegenden Teil wegen Geschäftsbeziehungen. Oder dass Nutzer Aussagen, die sie früher getätigt haben, heute nicht mehr öffentlich sichtbar wissen wollen - doch wer Autor eines Inhalts ist, wird auch abgelehnt. Dabei handelt es sich offenbar um Zitate oder Ausschnitte auf anderen Blogs oder Seiten, die nicht vom Antragssteller selbst gelöscht werden können. Auf einer eigenen Homepage wäre das schließlich ohne Probleme möglich.

          Doch auch hier zeigt der Punkt „Das ist Ihr Soziales Netzwerk“, dass viele Antragssteller offensichtlich nicht den - zugegeben oft mühseligen - Weg nehmen wollten, ihre Myspace-Profile selbst zu löschen.

          Im Laufe des Untersuchungszeitraumes hat Zahl der stattgegebenen Löschungen zudem abgenommen. Gerade kurz nach der Rechtssprechung und des Starts vom „Recht auf Vergessenwerden“ beschwerten sich viele Medien, dass Google etwas zu gründlich löschen würde.

          Und offenbar ist Google auch schneller darin geworden, Anträge zu bearbeiten. Die folgenden beiden Diagramme müssen aber gemeinsam betrachtet werden, weil die hohe Wartezeit zu Beginn auch damit zusammenhängen kann, dass dort deutlich mehr Löschungen beantragt wurden. Dabei muss man jedoch auch beachten, dass Google erst die Hälfte der beantragten Löschungen beantwortet hat, sich dort also die Wartezeit noch verändern kann.

          Google kommentiert die externe Erhebung nicht.

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