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Google : Die Abwege eines Weltverbesserers

Was immer man im Internet gerade tun will – Google hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Produkt dafür Bild: AFP

Google trat mit hohen Ansprüchen an: „Tue nichts Böses“ war einmal die Devise. Inzwischen ist der Konzern mit seinen zahlreichen Produkten beinahe omnipräsent. Je größer er wird, desto mehr Argwohn weckt er.

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          Als der Internetkonzern Google im Jahr 2007 zum ersten Mal seinen Fotodienst „Street View“ in Amerika ins Netz stellte, hielt sich der Aufschrei in Grenzen. Datenschützer zeigten sich zwar nicht gerade begeistert, als in dem Google-Dienst auf einmal Bilder auftauchten, die Menschen halbnackt, in der Nase bohrend, vor Stripclubs oder in sonst irgendwie kompromittierenden Situationen zeigten. Aber von einem lautstarken öffentlichen Protest, wie jetzt in Deutschland, konnte nicht die Rede sein, zumal Google nach einiger Zeit damit begann, die Gesichter von Menschen bei „Street View“ unkenntlich zu machen. Es gab wenige Ausnahmen wie das Paar aus Pittsburgh, das Google auf Schadensersatz verklagte. Die Eheleute reklamierten, „Street View“ habe den Wert ihres Hauses gemindert, dessen großer Vorteil einer ungestörten Lage mit der Zurschaustellung im Internet dahin sei. Die Klage wurde abgewiesen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Amerikaner gehen allgemein mit etwas mehr Lockerheit an das Thema Datenschutz heran. Die vergleichsweise gelassene Reaktion beim Start von „Street View“ in den Vereinigten Staaten erklärt sich aber auch damit, dass Google damals noch ein viel freundlicheres Image hatte. Zwar war Google schon zu diesem Zeitpunkt längst ein Internetgigant. Aber in jüngster Zeit hat sich das Bild von Google in der öffentlichen Wahrnehmung erheblich verfinstert: Kritiker sehen Google als unersättliche Datenkrake, die ihre Nutzer mit praktischen und kostenlosen Internetdiensten lockt und dafür ihre persönlichen Informationen verwertet.

          Oder auch als Unternehmen, das seine einstigen Prinzipien mit faulen Kompromissen über Bord geworfen hat – sei es beim umstrittenen Engagement in China oder zuletzt bei seiner Haltung zum Branchen-Reizthema der sogenannten Netzneutralität. Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt beklagte gerade in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“, dass ihm ständig Argwohn entgegenschlägt: „Es gibt bestimmte Leute, die grundsätzlich gegen alles sind, was Google macht.“

          Viel Kritik für Google Street View in Deutschland - im Gegenteil zum Start 2007 in Amerika
          Viel Kritik für Google Street View in Deutschland - im Gegenteil zum Start 2007 in Amerika : Bild: AP

          „Dont be evil“ - „Tue nichts Böses“

          Google findet sich heute immer häufiger in der Schurkenrolle wieder – und war doch eigentlich mit dem Anspruch angetreten, besonders hehre Standards zu erfüllen. Als das Unternehmen im Jahr 2004 an die Börse ging, sorgten die beiden Gründer Sergey Brin und Larry Page mit einem offenen Brief für Aufsehen, in dem sie Google als Segen für die ganze Menschheit darstellten: „Wir streben an, Google zu einer Institution zu machen, die die Welt zu einem besseren Ort macht“, schrieben Brin und Page darin. Die Mission von Google, alle Informationen der Welt zu organisieren, sei eine derart wichtige Aufgabe, dass sie nur von einem Unternehmen verfolgt werden sollte, das vertrauenswürdig und am öffentlichen Wohl interessiert ist. Google sei kein konventionelles Unternehmen und habe nicht die Absicht, dies zu werden. Die beiden Gründer riefen den Satz „Dont be evil“ – „Tue nichts Böses“ – zum obersten Prinzip aus.

          Mit seiner Unangepasstheit hat sich Google auch sehr lange ein sympathisches Image erhalten, auch als das Unternehmen seine Anfänge als kleine Internetbude schon weit hinter sich gelassen hatte. Der gebürtige Russe Sergey Brin und der Amerikaner Larry Page haben Google im Jahr 1998 gegründet. Die beiden hatten sich zuvor an der kalifornischen Stanford-Universität für ein Projekt über Technologien zur Internetsuche zusammengetan. Ihre bahnbrechende Idee war es, die Ergebnisse von Internetsuchen nicht mehr danach zu sortieren, wie oft der Suchbegriff auf einer Seite zu finden ist, sondern wie oft auf eine Seite mit sogenannten „Links“ verwiesen wird. Brin und Page machten also die Popularität zum Kriterium. Nutzer von Google fanden, dass diese Art der Suche ihnen viel relevantere Ergebnisse bringt als bisherige Methoden. Google wurde innerhalb weniger Jahre zur meistgenutzten Suchmaschine und zur Kultmarke, und das Wort „googeln“ entwickelte sich im Sprachgebrauch zum Synonym für die Internetsuche.

          Google hat für alles ein Produkt - und es ist fast immer kostenlos

          Ein lukratives Geschäft wurde daraus aber erst, als Google die Suche mit Werbung verknüpfte. So stellt Google neben die Ergebnisse kleine Textanzeigen, die inhaltlich zur jeweiligen Suchanfrage passen. Gibt ein Nutzer also Begriffe wie „Kamera“ oder „Karibik-Reisen“ ein, wird Werbung von entsprechenden Anbietern eingeblendet. Google bekommt nur dann Geld, wenn auf die Anzeigen geklickt wird. Aber da der Nutzer mit seiner Suchanfrage bereits das Interesse an dem gesuchten Thema signalisiert hat, ist die Wahrscheinlichkeit dafür recht hoch. Diese Art der zielgerichteten Werbung wurde für Google zu einer wahren Goldgrube und ist bis heute das Fundament des Geschäfts geblieben.

          Aber daneben hat Google im Laufe der Jahre seinen Aktionsradius erheblich ausgeweitet. Google stellt immer wieder neue Produkte ins Netz. Viele davon sind sehr nützlich, viele sind auch nur Spielereien, fast immer sind sie für den Nutzer umsonst. Von Google gibt es einen E-Mail-Dienst („Gmail“), etliche Kartendienste und Navigationshilfen („Maps“, die Satellitenkarte „Earth“ oder eben „Street View“), Fotoverwaltung („Picasa“), Buch-Archive („Books“), Videoseiten („Youtube“) und eine Fülle anderer Angebote. Was immer man im Internet gerade tun will – Google hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Produkt dafür. Die große Palette von Diensten liefert Google wertvolle Informationen über die Interessen, Vorlieben oder auch den Aufenthaltsort seiner Nutzer. Daraus lässt sich dann wieder mit maßgeschneiderter Werbung Kapital schlagen.

          Das Urheberrecht auf den Kopf gestellt

          Längst steht Google nicht mehr nur in Konkurrenz zu anderen Internetunternehmen wie Yahoo, sondern nimmt es mit den Giganten in vielen Bereichen der Technologiewelt auf. So muss sich der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft bei seinen profitabelsten Produkten wie den Office-Büroprogrammen oder dem Betriebssystem „Windows“ mit Gratisalternativen von Google auseinandersetzen. Im Moment drängt Google auf den Markt für Multimediahandys, sogenannten Smartphones, mit seiner Software „Android“ und wird hier zu einem immer wichtigeren Gegenspieler für das „iPhone“ von Apple.

          Je mehr sich Google ausbreitet, desto mehr eckt das Unternehmen auch an. Google gerät immer häufiger ins Visier der amerikanischen Kartellbehörden, die vor zwei Jahren einer geplanten Allianz mit dem Wettbewerber Yahoo den Riegel vorgeschoben und kürzlich den Kauf des auf Handywerbung spezialisierten Unternehmens Admob erst nach langer Prüfung genehmigt haben. Google wird auch vorgeworfen, sich in seinem Eifer, die Informationen der Welt verfügbar zu machen, wenig um Urheberrechte zu scheren. Paradebeispiel ist das Buchprojekt. Vor einigen Jahren begann Google damit, Bücher ohne Erlaubnis der Rechteinhaber zu scannen. Das Unternehmen wurde von der Buchbranche verklagt und schloss einen Vergleich, der aber nach Meinung von Kritikern noch immer das Urheberrecht auf den Kopf stellt. Gegen den Vergleich hat sich eine breite Front von Gegnern gebildet, darunter auch die Bundesregierung, und der Fall liegt nun einem Gericht in New York zur Entscheidung vor.

          Alte Prinzipien neu interpretiert

          Der Weltverbesserungsanspruch von Google ist nicht völlig verschwunden, aber je größer das Unternehmen geworden ist, desto mehr lässt es sich auf Kompromisse ein. So ging Google Anfang des Jahres auf Konfrontationskurs mit der chinesischen Regierung und kündigte an, seine dortige Suchmaschine künftig nicht mehr zu zensieren und sich notfalls ganz aus dem Land zurückzuziehen. Die Kampfansage wurde aber aufgeweicht, und nach monatelangem Hin und Her wurde ein Mittelweg vereinbart, der beide Seiten das Gesicht wahren ließ und eine Umleitung chinesischer Nutzer auf die unzensierte Google-Suchmaschine in Hongkong vorsieht. Erst vor wenigen Wochen hat Google mit einer Neuinterpretation seiner Prinzipien der Netzneutralität überrascht. Google galt in der Vergangenheit als strenger Verfechter dieses Grundsatzes, wonach Netzbetreiber alle Daten im Internet gleich behandeln sollen. Nun aber präsentierte Google zusammen mit dem Telekommunikationskonzern Verizon einen Vorschlag, der diese Neutralität nur noch für die Datenübertragung im Festnetz vorsieht. Das immer wichtigere mobile Internet auf Handys bliebe außen vor.

          Solche Episoden tragen zu dem Argwohn gegenüber Google bei, den Vorstandschef Eric Schmidt beklagt. Gerade mit Blick auf den Datenschutz hat Schmidt seinen Kritikern aber auch selbst reichlich Munition gegeben. Eine Äußerung in einem Fernsehinterview im vergangenen Dezember ließ tief blicken und schürte die Angst, Google habe eine allzu sorglose Einstellung beim Umgang mit den gigantischen Mengen an gespeicherten Nutzerdaten: „Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es jemand erfährt, vielleicht sollten Sie es dann gar nicht erst tun“, sagte Schmidt da unbekümmert.

          Konkurrenz nur einen Mausklick entfernt?

          Und doch beschwichtigt er immer wieder, es gebe keinen Anlass, Google nicht zu vertrauen. Der Markt zwinge das Unternehmen, im Interesse seiner Nutzer zu handeln. „Die Konkurrenz ist doch nur einen Mausklick entfernt“, heißt der Standardsatz von Schmidt, der das Unternehmen seit dem Jahr 2001 als Vorstandschef im Triumvirat mit den beiden Gründern führt. Freilich dürfte es nicht jedem so leicht fallen, Google den Rücken zu kehren und zum Beispiel sein „Gmail“-Konto einfach zu deaktivieren. Die Gewohnheiten der Nutzer sind überdies schwer zu ändern. So mag Microsoft für seine Suchmaschine „Bing“ in der Fachwelt Applaus bekommen, aber bei den mit Google vertrauten Nutzern findet sie nur langsam Verbreitung.

          Trotzdem ist die Dominanz von Google im Internet nicht ungefährdet. Eine neue Generation von Unternehmen hat die Art und Weise verändert, wie sich Menschen Informationen und Unterhaltung beschaffen. Die Suchmaschine von Google ist nicht mehr unbedingt die erste Anlaufstelle, stattdessen holen sich Menschen oft Empfehlungen oder Expertenwissen über soziale Netzwerke wie „Facebook“ oder „Twitter“. Google war mit seinen eigenen Gehversuchen bei solchen Online-Gemeinden nicht allzu erfolgreich.

          Kein Börsenliebling mehr

          Zudem muss sich noch zeigen, ob Google auch das von immer mehr Menschen genutzte mobile Internet zu einer Goldgrube machen kann. Das von Google beherrschte Geschäft mit Internetwerbung spielt sich bislang noch vor allem auf Computern ab. Apple wettet sogar darauf, dass die Internetsuche à la Google auf Handys in Zukunft keine bedeutende Rolle spielen wird. Vorstandschef Steve Jobs sagt, dass sich Handynutzer stattdessen mehr mit den kleinen Programmen oder Applikationen („Apps“) behelfen, wie sie Apple für sein „iPhone“ oder auch für den Tablet-Computer „iPad“ vertreibt.

          Bislang strotzt Google dank seiner Suchwerbung weiter vor Finanzkraft. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen einen Umsatz von 23,7 Milliarden Dollar geschafft und war dabei mit einem Nettogewinn von 6,4 Milliarden Dollar hochprofitabel. An der Börse hat sich aber Ungeduld breitgemacht. Seit Jahresbeginn hat die Aktie von Google ein Viertel an Wert verloren und damit viel schlechter abgeschnitten als der Gesamtmarkt. Ein Börsenliebling wie früher ist das Unternehmen auch nicht mehr. Google mag ein Gigant sein, der vielen Menschen Angst einjagt. Aber das Unternehmen selbst muss kämpfen, um auch künftig die zentrale Schaltstelle im Internet zu bleiben.

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