https://www.faz.net/-gqm-xs3o

Google : Die Abwege eines Weltverbesserers

Was immer man im Internet gerade tun will – Google hat mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Produkt dafür Bild: AFP

Google trat mit hohen Ansprüchen an: „Tue nichts Böses“ war einmal die Devise. Inzwischen ist der Konzern mit seinen zahlreichen Produkten beinahe omnipräsent. Je größer er wird, desto mehr Argwohn weckt er.

          6 Min.

          Als der Internetkonzern Google im Jahr 2007 zum ersten Mal seinen Fotodienst „Street View“ in Amerika ins Netz stellte, hielt sich der Aufschrei in Grenzen. Datenschützer zeigten sich zwar nicht gerade begeistert, als in dem Google-Dienst auf einmal Bilder auftauchten, die Menschen halbnackt, in der Nase bohrend, vor Stripclubs oder in sonst irgendwie kompromittierenden Situationen zeigten. Aber von einem lautstarken öffentlichen Protest, wie jetzt in Deutschland, konnte nicht die Rede sein, zumal Google nach einiger Zeit damit begann, die Gesichter von Menschen bei „Street View“ unkenntlich zu machen. Es gab wenige Ausnahmen wie das Paar aus Pittsburgh, das Google auf Schadensersatz verklagte. Die Eheleute reklamierten, „Street View“ habe den Wert ihres Hauses gemindert, dessen großer Vorteil einer ungestörten Lage mit der Zurschaustellung im Internet dahin sei. Die Klage wurde abgewiesen.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Amerikaner gehen allgemein mit etwas mehr Lockerheit an das Thema Datenschutz heran. Die vergleichsweise gelassene Reaktion beim Start von „Street View“ in den Vereinigten Staaten erklärt sich aber auch damit, dass Google damals noch ein viel freundlicheres Image hatte. Zwar war Google schon zu diesem Zeitpunkt längst ein Internetgigant. Aber in jüngster Zeit hat sich das Bild von Google in der öffentlichen Wahrnehmung erheblich verfinstert: Kritiker sehen Google als unersättliche Datenkrake, die ihre Nutzer mit praktischen und kostenlosen Internetdiensten lockt und dafür ihre persönlichen Informationen verwertet.

          Oder auch als Unternehmen, das seine einstigen Prinzipien mit faulen Kompromissen über Bord geworfen hat – sei es beim umstrittenen Engagement in China oder zuletzt bei seiner Haltung zum Branchen-Reizthema der sogenannten Netzneutralität. Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt beklagte gerade in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“, dass ihm ständig Argwohn entgegenschlägt: „Es gibt bestimmte Leute, die grundsätzlich gegen alles sind, was Google macht.“

          Viel Kritik für Google Street View in Deutschland - im Gegenteil zum Start 2007 in Amerika
          Viel Kritik für Google Street View in Deutschland - im Gegenteil zum Start 2007 in Amerika : Bild: AP

          „Dont be evil“ - „Tue nichts Böses“

          Google findet sich heute immer häufiger in der Schurkenrolle wieder – und war doch eigentlich mit dem Anspruch angetreten, besonders hehre Standards zu erfüllen. Als das Unternehmen im Jahr 2004 an die Börse ging, sorgten die beiden Gründer Sergey Brin und Larry Page mit einem offenen Brief für Aufsehen, in dem sie Google als Segen für die ganze Menschheit darstellten: „Wir streben an, Google zu einer Institution zu machen, die die Welt zu einem besseren Ort macht“, schrieben Brin und Page darin. Die Mission von Google, alle Informationen der Welt zu organisieren, sei eine derart wichtige Aufgabe, dass sie nur von einem Unternehmen verfolgt werden sollte, das vertrauenswürdig und am öffentlichen Wohl interessiert ist. Google sei kein konventionelles Unternehmen und habe nicht die Absicht, dies zu werden. Die beiden Gründer riefen den Satz „Dont be evil“ – „Tue nichts Böses“ – zum obersten Prinzip aus.

          Mit seiner Unangepasstheit hat sich Google auch sehr lange ein sympathisches Image erhalten, auch als das Unternehmen seine Anfänge als kleine Internetbude schon weit hinter sich gelassen hatte. Der gebürtige Russe Sergey Brin und der Amerikaner Larry Page haben Google im Jahr 1998 gegründet. Die beiden hatten sich zuvor an der kalifornischen Stanford-Universität für ein Projekt über Technologien zur Internetsuche zusammengetan. Ihre bahnbrechende Idee war es, die Ergebnisse von Internetsuchen nicht mehr danach zu sortieren, wie oft der Suchbegriff auf einer Seite zu finden ist, sondern wie oft auf eine Seite mit sogenannten „Links“ verwiesen wird. Brin und Page machten also die Popularität zum Kriterium. Nutzer von Google fanden, dass diese Art der Suche ihnen viel relevantere Ergebnisse bringt als bisherige Methoden. Google wurde innerhalb weniger Jahre zur meistgenutzten Suchmaschine und zur Kultmarke, und das Wort „googeln“ entwickelte sich im Sprachgebrauch zum Synonym für die Internetsuche.

          Weitere Themen

          Fast verzettelt

          QR-Codes auf Kassenbons : Fast verzettelt

          Kassenzettel sind mit der Bonpflicht mehr geworden – und dank dicker QR-Codes am Zettelende zuweilen auch länger. Dabei könnten die Codes nicht nur den Steuerfahndern helfen, sondern auch ein bisschen der Umwelt.

          Topmeldungen

          Markus Söder am Donnerstag in München

          Corona-Beratungen : Hat da jemand „schlumpfig“ gesagt?

          Bis in den späten Abend hinein ringen die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten um die neue Linie in Sachen Corona. Zu fortgeschrittener Stunde kommt es in der Schalte zum Schlagabtausch.
          Moria: Kinder im Flüchtlingslager auf Lesbos im März 2020

          Einfühlungsvermögen : Wann geht uns etwas nahe?

          In den Nachrichten sehen wir täglich Bilder von Leid, Schmerz und Zerstörung. Warum reagieren wir auf einige Bilder empathisch, auf andere wiederum nicht? Und können wir das steuern?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.