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Google-Chef Eric Schmidt : Der Pragmatiker

Seriös: Vorstandsvorsitzender Eric Schmidt folgt der zwanglosen Kleiderordnung bei Google nur bedingt Bild: REUTERS

2001 wurde er als eine Art Erwachsener vom Dienst angeheuert. Seitdem glänzt Eric Schmidt, Vorsitzender von Google, vor allem durch diplomatisches Geschick. So hat er mit Kompromissen kein Problem – und darf die Google-Lizenz in China behalten.

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          Es ergibt immer wieder ein hübsches Bild, wenn sich das Führungstrio des amerikanischen Internetkonzerns Google in der Öffentlichkeit zeigt. Jedes Mal fällt der optische Kontrast zwischen den beiden jugendlichen Gründern Sergey Brin und Larry Page und dem Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt auf, der 2001 als eine Art Erwachsener vom Dienst angeheuert wurde, um in die damals noch kleine und chaotische Internetbude Ordnung zu bringen. Der Unterschied zeigte sich in dieser Woche wieder einmal im Urlaubsort Sun Valley im Bundesstaat Idaho, wo gerade das jährliche Treffen von hochkarätigen Vertretern aus der Medien- und Technologiebranche stattfindet. So erschien der 36 Jahre alte Sergey Brin zu einem Gespräch mit Journalisten in Fahrradtrikot und -hose, der 37 Jahre alte Larry Page trug Jeans und T-Shirt. Der 55 Jahre alte Eric Schmidt folgte zwar der betont zwanglosen Kleiderordnung in Sun Valley, gab aber mit Stoffhose und Hemd neben seinen lässigen Mitstreitern noch immer ein reichlich steifes Bild ab.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          So unterschiedlich wie die Google-Chefs äußerlich daherkommen, so sehr weichen sie auch im Geschäft voneinander ab. Schmidt ist so etwas wie der Pragmatiker und Diplomat, Brin und Page lassen sich dagegen schon einmal von Bauchgefühl und Emotionen leiten und können auch zu Hitzköpfigkeit neigen. Dass dies oft zu Meinungsverschiedenheiten führt, zeigte sich besonders beim China-Engagement von Google. Die drei Google-Manager lieferten sich ein Jahr lang heftige Auseinandersetzungen, ob das Unternehmen angesichts der Zensurvorschriften der chinesischen Regierung für Suchmaschinen überhaupt den Sprung in das Land wagen sollte. Im Jahr 2005 entschied man sich dann doch für den Aufbau einer Niederlassung. In der Führungsspitze setzte sich die Position durch, dass eine zensierte Google-Suchmaschine besser sei als gar keine.

          Nach den Kontroversen konnte er China nun wohl besänftigen

          Ähnlich kontrovers soll es auch bei der jüngsten Diskussion um die Zukunft des Geschäfts von Google in China zugegangen sein. Google ist im Januar auf Konfrontationskurs mit der chinesischen Regierung gegangen. Das Unternehmen teilte damals mit, Ziel von Hackerangriffen geworden zu sein, und stieß eine Debatte über die Zensur an. Google kündigte an, seine Suchmaschine künftig nicht mehr zu zensieren und sich notfalls ganz aus China zurückzuziehen. Diese forsche Ansage ging vor allem auf Sergey Brin zurück, wie es kürzlich in einem Bericht des „Wall Street Journal“ hieß. Der in Russland geborene und im Alter von sechs Jahren nach Amerika ausgewanderte Brin sagte, die Zensurvorschriften in China seien Elemente eines totalitären Systems, wie er sie noch aus seiner Kindheit in der damaligen Sowjetunion in Erinnerung habe. Die Hackerangriffe hätten schließlich das Fass zum Überlaufen gebracht.

          Aber auch wenn Brin sich zunächst mit seiner Position durchsetzte, die zu der öffentlichen Kampfansage im Januar führte, schlug Google doch sehr schnell einen diplomatischen Kurs ein, der eher auf der Linie von Eric Schmidt liegt. Im März ließ sich Google zunächst eine Ausweichlösung einfallen, bei der die Nutzer der chinesischen Google-Seite automatisch auf die unzensierte Google-Suchmaschine in Hongkong umgeleitet werden. Der chinesischen Regierung war das nicht genug, sie drohte Google mit Entzug der Lizenz zum Betreiben einer Seite. Vor wenigen Tagen kündigte Google eine neue Taktik an: Jetzt werden die chinesischen Nutzer nicht mehr automatisch auf die Hongkong-Seite umgeleitet, sondern müssen dies selbst über einen Link auf der chinesischen Seite tun. Im Prinzip ist dies nicht so verschieden von der alten Regel, bedeutet nur einen Klick mehr. Trotzdem reichte dieses Manöver nun offenbar aus, um die chinesische Regierung zu besänftigen. Am Freitag teilte Google mit, die Lizenz in China sei erneuert worden. Diese Einigung dürfte Vermutungen Nahrung geben, dass es zuletzt für beide Seiten vor allem darum ging, ihr Gesicht zu wahren.

          Google sei kein Monopol

          Eric Schmidt liegt es, Diplomat und Beschwichtiger zu sein, und diese Rollen muss er in seinem Job immer häufiger spielen. Denn Google ist längst nicht mehr die kleine Internetbude, sondern ein Technologiegigant, der immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik gerät. Kartellbehörden nehmen Google wegen seiner wachsenden Macht ins Visier, die französische Regierung nannte das Unternehmen jüngst ein Monopol. EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia sagte am Freitag, seine Behörde prüfe gerade, ob Google seine Vormachtstellung missbrauche.

          Google wird auch oft vorgeworfen, die Privatsphäre seiner Nutzer zu ignorieren und den Datenschutz mit Füßen zu treten. Eric Schmidt versucht immer wieder, den Einfluss des Unternehmens herunterzuspielen. In Sun Valley widersprach er nun der Behauptung aus Frankreich, Google sei ein Monopol. Und er hat immer eine Standardantwort parat, wenn ihm vorgehalten wird, Google habe eine dominierende Position bei der Internetsuche: „Die Konkurrenz ist doch nur einen Mausklick entfernt.“

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