https://www.faz.net/-gqe-85ujg

Freies Internet : W-Lan-Wüste Deutschland

Was es in New York reichlich gibt, ist in Deutschland wahres „Neuland“: Kostenloses, unverschlüsseltes W-Lan-Internet. Bild: AFP

In ganz Europa gibt es fast überall frei zugängliches W-Lan. Nur Deutschland hinkt weit hinterher, gerade einmal 15.000 Netze sind frei zugänglich – weil wir Angsthasen sind.

          Ein Klick genügt, dann baut sich die Internetseite auf, blitzschnell, selbst die Fotos sind gut zu erkennen. Zu Hause, im Büro ist das kein Problem. Aber wehe dem, der unterwegs ist, womöglich noch am Stadtrand oder gar auf dem platten Land. Der kann mit seinem Smartphone wieder zurückgehen zu den Anfängen der mobilen Telefonie, als Handys noch hauptsächlich dazu dienten, Menschen anzurufen. Internetseiten öffnen sich nur quälend langsam, wenn überhaupt. Viel häufiger erscheint der verstörende Hinweis: Diese Internetseite kann nicht geöffnet werden. Willkommen im Hochtechnologieland Deutschland.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Tatsächlich gehört der Ausbau der Internetverbindungen zu den Themen, in denen in Deutschland das Drucksen beginnt, die Erklärungsversuche und Ausflüchte. Besonders beim offenen W-Lan (kurz für „Wireless Local Area Network“) hinkt Deutschland den anderen großen Industrienationen hinterher. In den Vereinigten Staaten, Korea, Japan oder auch Nordeuropa gibt es solche drahtlosen lokalen Netzwerke zuhauf, häufig unter dem Begriff WiFi. Sie haben den Charme, dass man sich mit einem Smartphone oder Tabletcomputer in einen solchen „Hotspot“ einwählen und kostenlos im Internet unterwegs sein kann. Das hat Potential, findet auch die Bundesregierung. Der Plan: In deutschen Städten soll mobiles Internet über W-Lan für jeden verfügbar sein. Nebenbei könnte so auch die digitale Grundversorgung gewährleistet werden für alle diejenigen, die sich zu Hause kein eigenes W-Lan-Netz leisten können.

          Nur 15.000 Netze frei zugänglich

          Das klingt nach Fortschritt, doch davon ist man hierzulande noch weit entfernt. Derzeit gibt es etwa eine Million solcher Hotspots, viele davon stellt die Deutsche Telekom, allerdings sind die meisten verschlüsselt und deshalb nur nutzbar, wenn man zahlt oder anderweitig das Passwort kennt. Alle anderen müssen draußen bleiben, nur etwa 15.000 Netze sind für jedermann frei zugänglich. Sie können ohne Registrierung und ohne Passwort in maximal 100 Meter Entfernung benutzt werden. Zum Vergleich: Die Spitzenreiter Südkorea und Großbritannien haben dagegen knapp 200.000 Hotspots, die Vereinigten Staaten mehr als 150.000 – und noch dazu unzählige private Anbieter, die ihr Netz zur Verfügung stellen.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Selbst in Hotels kann man hierzulande selten unbeschwert surfen. Etwa 65 Prozent bieten überhaupt W-Lan an, in Europa sind es 80 Prozent. Selbst wenn es diese Möglichkeit gibt, wünscht der Betreiber meist Kontrolle: Nur an der Rezeption gibt es die Informationen für das Passwort, häufig eine Kombination mit der Zimmernummer. So ist nicht nur die Individualität gewahrt, sondern auch die Rückverfolgbarkeit.

          Als „W-Lan-Wüste Deutschland“ bezeichnet der Verband der deutschen Internetwirtschaft Eco den derzeitigen Status quo. Was die Anzahl der verfügbaren offenen W-Lan-Netze und Hotspots angeht, steht Deutschland in etwa auf einer Stufe mit Russland, wie eine Eco-Erhebung über die weltweite Verbreitung dieser Technologie ergab.

          Das ist erschütternd, hat aber handfeste Gründe, juristischer und gesellschaftlicher Art. Am einfachsten aus dem Weg zu räumen sind wohl die juristischen, denn die resultieren aus einer Besonderheit der Rechtsprechung. Besteht der Verdacht, dass von dem Anschluss aus illegal Musik oder Filme heruntergeladen wurden, muss genau nachvollzogen werden können, wer es war. Sonst wird der Betreiber des Hotspots herangezogen – und das kann teuer werden. Denn nach einem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2010 müssen Anbieter dieser offenen W-Lans für ihre Nutzer haften, sollten die illegal Musik oder Filme herunterladen. Damit müssen sie für alles geradestehen, was nicht anderen Leuten angelastet werden kann. Das ist zwar praktisch für Künstler und Autoren, deren Urheberrechte verletzt werden. Selbst wenn der Täter unerkannt entwischt, können sie sich immer noch an denjenigen halten, der das Netz zur Verfügung stellt. Aber für den großzügigen Anbieter des kostenlosen Surfens ist diese Rechtsprechung ein Desaster.

          Weitere Themen

          Stillstand beim BVG Video-Seite öffnen

          Warnstreiks im Berufsverkehr : Stillstand beim BVG

          Wegen der laufenden Tarifverhandlungen kommt es zu Warnstreiks der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die Menschen in der Hauptstadt mussten deswegen im morgendlichen Berufsverkehr auf U-Bahn, Straßenbahn und die meisten Busse verzichten.

          Topmeldungen

          Zum Tod von Bruno Ganz : Die Welt läuft falsch

          Bruno Ganz ist gestorben, mit 77 Jahren, zu Hause in Zürich. Zum Schauspielen benötigte der größte deutschsprachige Mime seiner Generation kaum etwas anderes als sein Gesicht, seinen Blick und seine Stimme.

          Merkel in München : Die Instant-Führerin der freien Welt

          Einer der letzten Auftritte der Kanzlerin in München wird zu ihrem größten Triumph. Selbstbewusst und bescheiden zugleich hält sie ein flammendes Plädoyer für Multilateralismus. Viele zollen ihr stehend Applaus. Doch eine bleibt sitzen.

          Live-Diskussion : Droht der Welt ein nukleares Wettrüsten?

          Amerika, Russland und China rüsten auf. Wie gefährlich ist das? Welche Rolle sollte die Nato übernehmen? Und wie viel Verantwortung muss Deutschland tragen? Die Diskussion mit den F.A.Z.-Experten auf der Münchner Sicherheitskonferenz gibt es hier zum Nachschauen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.