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Kommentar : Kapuzenpullis im Bankenviertel

  • -Aktualisiert am

Der Deutsche-Bank-Vorsitzende John Cryan berichtet häufig vom Fintech-Standort in Sossenheim. Bild: dpa

Die Banken nehmen die Fintechs sehr ernst. Politik und Aufsicht fangen gerade erst an sich mit dem Bereich zu beschäftigen. Sie müssen aufpassen, die Gründerfreude nicht zu ersticken.

          Wenn John Cryan über die Zukunftsfähigkeit der Deutschen Bank spricht, dann schwärmt der Vorstandsvorsitzende von den Aktivitäten im Silicon Valley, in London und Tel Aviv. Und zum Abschluss, als überraschenden Triangelschlag im Konzert der Tech-Metropolen, nennt der Brite stets: Sossenheim. Denn in dem wenig glamourösen Randgebiet von Frankfurt betreibt die Bank seit kurzem ihre sogenannte Digitalfabrik. 400 Mitarbeiter sollen sich dort digitale Produkte ausdenken, arbeiten am Internetauftritt und an der Handy-App und erforschen, wie zum Beispiel mit dem Supercomputer Watson von IBM die Firmenkundenberatung verbessert werden könnte.

          In dem Gebäude erinnert wenig an die seriöse Kühle einer Bank; Sperrholzmöbel und Post-It-Wände sollen Berliner Start-up-Flair versprühen. Schließlich sollen auch die Produkte, die aus der Digitalfabrik kommen, nicht mehr nach Sparbuch und Kreditverbriefung riechen. Die 400 Mitarbeiter haben einen klaren Auftrag: sie sollen die Deutsche Bank so cool machen wie ein Fintech; wie jene jungen Technologieunternehmen also, die es in den vergangenen Jahren geschafft haben, Finanzdienstleistungen wieder interessant zu machen.

          Fintechs wollen Banken nicht komplett ersetzen

          Fintech ist ein breiter Begriff. Er beschreibt sowohl die Technologien selbst, die Finanzgeschäfte einfacher, schneller oder sicherer machen sollen, als auch die vielen jungen Startups, die in den vergangenen Jahren mit solchen Innovationen auf den Markt gekommen sind. Nur wenige von ihnen wollen die traditionellen Banken komplett ersetzen, wie etwa die reine Smartphonebank N26.

          Viele Fintechs haben sich vielmehr auf neue Spielweisen einzelner Bankgeschäfte konzentriert und bieten etwa über Kreditplattformen ihren Nutzern die Möglichkeit, sich gegenseitig Geld zu leihen, oder in Form sogenannte Robo-Advisor eine automatisierte Anlageberatung. Sie eint, dass sie anders als die traditionellen Banken bei null anfingen und ihre Produkte konsequent auf die Belange der potentiellen Kunden in einer durchdigitalisierten Umgebung entwickeln konnten.

          Banken holen sich junge Kreative zur Unterstützung

          Den Trubel, der um viele der unzähligen Fintechs in den vergangenen Jahren gemacht wurde, hat mancher Beobachter als Hype belächelt. Und in der Tat haben die Kapuzenpulliträger aus den coolen Berliner Hinterhofschmieden auch noch kein Finanzinstitut ins Wanken gebracht. Dennoch rütteln sie an den Grundfesten. Nicht nur in der Deutschen Bank hörte man den Weckruf der jungen Kreativen, alle größeren Finanzinstitute haben in den vergangenen Monaten in Windeseile vergleichbare Digitalfabriken aufgebaut.

          Bei den Sparkassen ist sogar das über Jahrzehnte Undenkbare möglich geworden: Mehrere der regionalen Institute haben sich zusammengetan, um unter dem Titel Yomo ein Pendant zu N26 aufzubauen. Um die junge Zielgruppe per Du und mit viel Smiley-Symbolik in ihrer Smartphonewelt anzusprechen, setzen sich die Initiatoren sogar über das seit je heilig gehaltene Regionalprinzip hinweg: Wer Yomo in Frankfurt nutzt, wird im Zweifel von der Sparkasse Köln-Bonn bedient.

          Bundesfinanzministerium beruft Fintech-Rat ein

          Was die Banken nicht selbst bauen, lassen sie sich zuliefern. Dabei setzen sie immer mehr auch auf Kooperationen mit den Fintechs. „Wir sollten nicht gegen die Fintechs arbeiten, sondern mit ihnen“, sagte etwa Cryan kürzlich. Fintechs hätten oft gute Lösungen, wo es gar kein Problem gebe, sagte er weiter. Zusammen mit den Banken könnten sie an den echten Problemen der Finanzwelt arbeiten. Und sein Kollege von der größten italienischen Bank Unicredit, Jean-Pierre Mustier, fügte selbstbewusst hinzu: „Sie haben die guten Ideen, aber wir haben die 24 Millionen Kunden und das Kapital.“

          So werden die Fintechs langsam zum festen Bestandteil der Bankenlandschaft. Ins Blickfeld der Politik und der Finanzaufseher rücken sie nun auch zunehmend. Das Bundesfinanzministerium hat vor wenigen Tagen einen Fintech-Rat einberufen. Vertreter von Banken, Versicherern und Fintechs sollen darin regelmäßig über die richtigen Rahmenbedingungen für das schnell wachsende Spielfeld diskutieren. Denn mit der wachsenden Bedeutung können auch die Risiken der neuen Angebote wachsen.

          Regulierungen sollen Entwicklung nicht ersticken

          Mustier warnte davor, dass die nächste Katastrophe an den Finanzmärkten aus einer ungleichen Regulierung von Fintechs und Banken erwachsen könne. Bundesbankpräsident Jens Weidmann malte auf der gleichen Veranstaltung als mögliches Negativszenario aus, dass es die Kursausschläge an den Finanzmärkten verstärken könne, wenn die automatisierten Anlageberater, die sogenannten Robo-Advisor, dereinst wirklich große Anlagesummen verwalteten und in Krisenfällen alle ähnlich handelten.

          Dass die Aufseher die neuen Finanztechnologien inzwischen so ernst nehmen, dass sie über eine strengere Regulierung nachdenken, ist ein gutes Zeichen. Die neue Ernsthaftigkeit sollte aber nicht dazu führen, dass die lange nicht dagewesene Innovations- und Gründerfreude im Finanzsektor im Keim erstickt wird.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

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