https://www.faz.net/-gqe-8ni4x

FAZ.NET-Faktencheck : Braucht Wikipedia unser Geld?

Voller Durchblick, volle Kassen? Bild: dpa

Alle Jahre wieder bittet Wikipedia um Spenden. Aber was passiert mit dem Geld eigentlich genau? FAZ.NET hat nachgeschaut.

          5 Min.

          Donald Trump dürfte den meisten Menschen spätestens seit dem 8. November ein Begriff sein. Aber wer ist eigentlich Gouverneur Chris Christie, wie funktioniert nochmal schnell das amerikanische Wahlsystem  und was hat Trumps Schwiegersohn in seinem Leben so getrieben? Für eine Antwort auf derlei Fragen landet man oft intuitiv auf Wikipedia; wie auch unzählige Schüler, trotz der obligatorischen Lehrer-Warnung, doch bitte kein Referat allein auf Wikipedia-Basis abzuliefern.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wer nun dieser Tage das Online-Lexikon aufruft, dem schiebt sich ein unübersehbarer Balken von oben herab ins Bild – der traditionelle Wikipedia-Spendenaufruf. Jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit bittet Wikipedia seine Leser, doch ein kleines Sümmchen zu spenden, schließlich sei Wikipedia kostenlos und werde nur von Freiwilligen geschrieben. „Wenn alle, die das jetzt lesen, einen kleinen Beitrag leisten, ist unsere Spendenkampagne in einer Stunde vorüber“, heißt es in dem Balken. Der Preis einer Tasse Kaffee reiche schon aus und 8,6 Millionen Euro wären im Sack.

          8,6 Millionen Euro, so viel will die deutschsprachige Wikipedia dieses Jahr einstreichen. Um dem geneigten Leser das Spenden zu erleichtern, ist rechts am Balken auch gleich ein Tastenfeld integriert, mit dem sich das Geld im Handumdrehen auf die Reise schicken lässt.

          Bei Wikipedia sitzen absolute Spendenprofis, die das Spiel mit dem schlechten Gewissen längst perfektioniert haben. An jedem Wort im Spendenaufruf wird gefeilt. Der finale Text und die Balkenfarbe werden dann in A/B-Tests aufwendig darauf geprüft, wie sie der Zielgruppe ankommen. Alles muss passen, immerhin sehen bis zu 10 Millionen Menschen täglich das Banner auf der deutschen Wikipedia-Seite.

          Vermögen von stolzen 92 Millionen Dollar

          Hinter den Giganten Google, Youtube, Facebook und Chinas führender Suchmaschine Baidu ist Wikipedia laut dem Online-Dienst Alexa die fünftgrößte Webseite der Welt. Über 40 Millionen Artikel in 290 Sprachen fasst die Online-Enzyklopädie. Da kommt ein handelsübliches Lexikon kaum gegen an. Allein in Deutschland sind es mittlerweile mehr als 2 Millionen Einträge. Zudem gelten gerade in Zeiten von „fake news“ trotz einiger Probleme traditionell strenge Qualitätsregeln auf Wikipedia - und all das im Gegensatz zur Konkurrenz auf den vorderen Plätzen ohne lukrative Werbung. Damit der Laden weiter läuft, braucht es daher spendenfreudige Nutzer, so die Logik in Kürze.

          Bislang funktioniert das prächtig. Die Wikimedia Stiftung in Amerika, Wikipedias Muttergesellschaft, die etwa für die technische Infrastruktur und Entwicklung der Webseite verantwortlich ist, sitzt mittlerweile auf einem Vermögen von stolzen 92 Millionen Dollar. 2010 waren es noch rund 24 Millionen. Braucht Wikipedia also wirklich so dringend Geld, wie uns das Spendenbanner weis machen will?

          Für Christian Rickerts, den Chef des deutschen Wiki-Ablegers Wikimedia e.V., ist die Sache klar: „Die Wikimedia Foundation trägt die Verantwortung für ein globales Ehrenamtsprojekt. Da halte ich eine gewisse Absicherung für notwendig, es können ja auch mal Gelder ausbleiben.“ Außerdem stünden dem Vermögen auch Ausgaben von im Jahr über 60 Millionen Dollar gegenüber. Die amerikanische Stiftung kümmert sich allerdings nicht nur um Wikipedia:

          Es gibt 12 weitere Webseiten, wie zum Beispiel Wikivoyage oder Wikidata, die betreut werden wollen, und da sind auch noch Projekte wie Wikizero. Zero zielt darauf ab, Menschen in Entwicklungsländern kostenlos Zugriff auf Wikipedia zu ermöglichen. Dafür versucht man Mobilfunkgesellschaften ins Boot holen. Alles für das hehre Ziel der Wikis: Freies Wissen muss bewahrt werden und überall zugänglich sein.

          Gut 80 Prozent der Mittel aus Spendenrunde

          Der Weg des Geldes, mit dem das bewerkstelligt werden soll, ist immer gleich: Alle Spenden, die wie in Deutschland bei den Landesgruppen eingehen, fließen zunächst geschlossen nach Amerika und werden von dort aus verteilt. Deutsche Spender überweisen ihr Geld auf das Konto der Wikimedia Fördergesellschaft. Nutznießer ist wiederum der Wikimedia-Verein.

          Mit Sitz in Berlin ist er der weltweit größte Wikipedia-Außenposten nach der Mutter in Amerika. Rund 36.000 Menschen sind Mitglied. Wikimedia-Deutschland hat für 2016 ein Budget von 6.200.596 Euro eingeplant - über eine Million mehr als noch letztes Jahr. Gut 80 Prozent der Mittel stammen aus der alljährlichen Spendenrunde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Trump in Bedrängnis : Angriff als einzige Verteidigung

          Vier Monate vor der Wahl befindet sich Donald Trump am Tiefpunkt. Statt Amerika zu versöhnen, spaltet er – selbst am traditionell unpolitischen Unabhängigkeitstag. Zu einer Korrektur ist er nicht bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.