https://www.faz.net/-gqe-6x2mx

Facebook : Der Klassenkampf ist eröffnet

Facebook stellt die Technik, die Unternehmen wollen die Kunden Bild: AFP

Bei Facebook kann jetzt jeder neue Applikationen gestalten. Unternehmen hoffen auf ordentliche Umsätze. Sie wollen über Facebook mehr Nutzer auf ihre eigenen Angebote ziehen.

          Wer Mark Zuckerberg im September auf der Facebook-Entwicklerkonferenz "f 8" zuhörte, der fühlte sich in ein Seminar für Sprachwissenschaften versetzt. Zuckerberg sprach vom "beschränkten Vokabular", das den ersten Nutzern des sozialen Netzwerks zur Verfügung stand: "Ich bin befreundet mit X oder Y" war damals der alles beherrschende Satz. Dann erwähnte Zuckerberg, wie Substantive hinzukamen, als Facebook vor zwei Jahren den Like-Button für Unternehmen einführte, mit dem der Nutzer per Daumenabstimmung nun Waren und Dienstleistungen gut finden konnte. Mit der Chronik-Funktion, dozierte Zuckerberg weiter, sollten schließlich Verben hinzukommen - "eine komplett neue Klasse von Anwendungen", mit denen die Netzwerkmitglieder nun theoretisch allen sagen können, was sie gerade so machen: Musik über einen Streaming-Dienst hören oder Spaghetti kochen, wenn sie die Anwendung eines Online-Kochbuchs verwenden.

          Kurz vor Weihnachten hat Facebook die Chronik-Funktion freigeschaltet, ohne die die sozialen Apps nicht funktionieren würden. Seit der vergangenen Woche ist nun auch die Entwicklerplattform für die neuen Anwendungen frei zugänglich. Jeder, der mag, kann nun zum Wortschöpfer im Zuckerbergschen Sinne werden und neue Verben erfinden. Sie heißen "Open Graph Apps", weil sie innerhalb des von Zuckerberg propagierten Netzes von offenen Verbindungen eine wichtige Rolle einnehmen. Der Nutzen für das einzelne Facebook-Mitglied liegt erst einmal darin, dass es auf seinem Profil mitteilen kann, was es gerade so anstellt. Nach Angaben von Facebook gibt es zur Zeit etwa 60 Applikationen auf der Welt, darunter fünf von deutschen Entwicklern.

          Mehr Nutzer auf ihre eigenen Angebote ziehen

          Obwohl theoretisch jeder eine solche Anwendung programmieren kann, stammen viele von Unternehmen. Einige englische Printmedienkonzerne sind mit dabei; sie haben sich so seit dem Start der Probephase im Dezember nach Facebook-Angaben neue Lesergruppen erschließen können. In Deutschland kommen die meisten Anwendungen ebenfalls aus dem Medienumfeld. Mit Myvideo und Tape.tv gehören Clip-Portale für Filme, Serien beziehungsweise Musikvideos dazu. Mit Simfy und Soundcloud sind zwei Musikdienstleister und mit Wooga ist noch ein Online-Spieleanbieter dabei.

          Das Kalkül der Unternehmen ist klar. Sie wollen über Facebook mehr Nutzer auf ihre eigenen Angebote ziehen und dort ihre mal über Werbung und mal über Abonnements finanzierten Dienste anbieten. Für Facebook rechnet sich die Integration der sozialen Apps, weil sie für mehr Verkehr auf der FacebookHomepage sorgen können, was wiederum die Preise für die dort gezeigte Werbung nach oben treibt. Wie das soziale Netzwerk mitteilt, ist die dort geschaltete Werbung aber nicht mit den neu installierten Anwendungen verbunden. "Wer einen Song der Popsängerin Rihanna hört, dem bieten wir nicht deren neues Album in den Anzeigen an", sagt eine Sprecherin. Zwischen den App-Anbietern und Facebook fließe kein Geld. Die Kosten für die Entwicklung seien das Einzige, was sie investieren müssten.

          Keine konkreten Zahlen

          "Die Investition ist relativ überschaubar gewesen", sagt Christoph Lange, der beim Musikstreaming-Anbieter Simfy das Marketing verantwortet. Konkrete Zahlen will er nicht nennen. Da aber Facebook die Technik bereitgestellt habe, sei es "kein Bauchschmerzthema" gewesen, die neue Anwendung im Haus entwickeln zu lassen. Wie viele der inzwischen gut 40 000 monatlichen Nutzer sein Unternehmen schon in zahlende Kunden umwandeln konnte, ist aber ebenso Betriebsgeheimnis. Nur so viel will Lange verraten: Die Nutzerzahlen bei Facebook seien um mehrere hundert Prozent in die Höhe geschossen. "Die neue Anwendung hat auf unserer Homepage mehrere hundert Millionen zusätzliche Seitenaufrufe generiert. Es hat uns überrascht, wie schnell sie sich weiterverbreitet hat." Nun hofft Lange, dass die integrierte Anwendung weiter für einen "viralen Loop" sorgt, wie er sagt: Dass also immer mehr neue Nutzer zum Angebot des Kölner Unternehmens finden, weil sie über die Profile von anderen Mitgliedern darauf aufmerksam wurden.

          Allerdings könnte eine wichtige Eigenschaft der sozialen Anwendungen genau solche Vorhaben verhindern. Vor dem ersten Start einer neuen Anwendung kann der Nutzer mit einem einfachen Klick auswählen, dass niemandem angezeigt wird, welche Apps er denn verwendet. Es scheint, dass Facebook aus Desastern wie der missglückten Einführung des Systems "Beacon" gelernt hat. Vor gut vier Jahren war das soziale Netzwerk schon einmal kurz davor, die Tätigkeiten der Nutzer mit ihren Profilen zu verbinden. Allerdings entlud sich schon nach kurzer Zeit ein Sturm der Entrüstung über Zuckerberg und Facebook, weil es sehr kompliziert war, das neue Instrument auszuschalten.

          Bei den Open Graph Apps genügt vor der ersten Installation ein Klick, um die Anwendungen zu verbergen. "Du kannst dich mit allem genau so verbinden, wie du es möchtest", sagte Mark Zuckerberg im September, als er das neue System vorstellte. "Wir sind der Meinung, dass die Nutzer dank unserer Innovation mehr ausdrücken können als zuvor." Sie können es aber auch einfach für sich behalten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.