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Eugene Kaspersky : Der Anti-Hacker

Eugene Kaspersky Bild: dpa

Eugene Kaspersky hat mit seiner Firma für Computersicherheit die zwei größten Hacks der jüngeren Geschichte entdeckt. Er nennt seine Arbeit „angewandte Mathematik“ - und die ist Millionen wert.

          Die Kaspersky Laboratorien haben eine mutmaßliche Hackergruppe identifiziert. Die „Equation Group“ habe seit 2001 mit aufwendiger Software Systeme mit Trojanern und Malware infiziert. Die Gruppe „ist die vielleicht fortschrittlichste Cyperangriff-Gruppe der Welt und die beste, die wir bis jetzt entdeckt haben“, heißt es in einem Bericht von Kaspersky. Wer steht hinter dieser Analyse?

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eugene Kaspersky kennt sein Geschäft aus dem Effeff. Ein gutes Unternehmen braucht gute Produkte; gute Produkte brauchen eine gute Werbung; und Werbung ist für Kaspersky eine Sache für den Chef. Gerade hat der studierte Mathematiker, Gründer und Vorstandsvorsitzende des nach ihm benannten Moskauer Softwarehauses eine Schockwelle durch die weite Welt der Banken geschickt.

          Von New York bis Frankfurt, von Rio bis Tokio. Eine Gang internationaler Onlineräuber habe Dutzende von Banken bestohlen. Mit einfachen Tricks und gängigen Methoden, mit Fishing-Mails und Spionage-Software, in verdeckten Operationen und im ganz großen Stil.

          Sie knackten alle digitalen Sicherheitsmauern, drangen tief in die Computer der Institute ein, manipulierten Geldautomaten, Transaktionskonten, Buchhaltungs- sowie Buchungssysteme und blieben damit zwei Jahre lang unentdeckt.

          „Ich war immer ein richtig guter Verkäufer“

          In den Instituten hatte niemand etwas bemerkt, keiner rührte sich und schlug Alarm. Das ließ Kaspersky zum Auftakt dieser Woche verbal kräftig auf die Pauke hauen. Das kann er. „Eigentlich“, sagt er einmal im Gespräch mit dieser Zeitung, „war ich nie ein exzellenter Programmierer. Ich war aber immer ein richtig guter Verkäufer.“

          So hat der 49 Jahre alte Sicherheitspionier seine Firma in anderthalb Jahrzehnten von einem Moskauer Hinterhof in die erste Branchenliga katapultiert. Heute setzen die Kaspersky Laboratories im Jahr rund eine halbe Milliarde Euro um. Ihr Eigentümer hat der Firma seinen Namen gegeben, es zu einer Yacht, einem feuerroten Ferrari und einem großen BMW gebracht, er sponsert Autorennen und hat sich in der Softwarebranche einen Namen gemacht.

          Er redet gern laut und viel, ohne etwas zu sagen. Er versteht die Kunst orakelhafter Andeutung. Das zahlt sich aus. Weltweit greifen mittlerweile 400 Millionen Kunden zu Sicherheitsprogrammen der Moskauer Softwareschmiede. Spricht Kaspersky vom jüngsten Banken-Hack, dann spricht er von einer „Carbanak Cybergang“ und dem größten Clou der jüngeren Finanzgeschichte.

          Auch Deutsche Banken waren von dem Hack betroffen

          Der Schaden soll nach bisherigen Ermittlungen eine viertel Milliarde Euro betragen - er könnte sich aber auch rasch auf eine Milliarde Euro belaufen. Auch deutsche Banken seien betroffen, sagte Christian Funk von den Kaspersky Labs in Deutschland. Namen nennt er keine.

          Große Institute in Deutschland wollen dazu nicht viel sagen. „Kein Kommentar“, sagte ein Sprecher der Deutschen Bank. „Bislang haben wir keinen Anhaltspunkt, dass wir betroffen sind“, erklärt eine Sprecherin der Commerzbank.

          In der Frankfurter Wertpapieraufsicht hieß es, die gesamte Finanzbranche sei seit Monaten alarmiert - nicht erst seit Kaspersky sich Anfang der Woche von der Sicherheitskonferenz des Unternehmens im mexikanischen Cancun mit seiner Hiobsbotschaft meldete.

          Die Banken hätten etwas merken müssen

          Am Montagabend legten die Sicherheitsexperten seines Unternehmens die ersten Einzelheiten zu den Angriffen auf den Bankensektor vor. Eine Offenbarung. Die technischen Systeme vieler Banken waren offen wie Scheunentore. Die Diebe gingen rein, nahmen, was sie brauchten, und gingen unbemerkt wieder raus. Ein Kinderspiel.

          Peter Häufel, Sicherheitsexperte des amerikanischen IT-Unternehmens IBM, sagte zuvor bereits, die Angriffe „hätten in den betroffenen Banken auffallen müssen. Es gab so viele Anomalitäten, die darf man einfach nicht übersehen.“ Kaspersky habe Schwachstellen offenbart, die es so nicht hätte geben dürfen. „Wenn heute ein IT-Administrator noch auf eine Fishing-Mail reinfällt“, sei das nicht nur peinlich, es sei grob fahrlässig.

          Des einen Leid, des anderen Freud. Kaspersky hat mit Antiviren-, Netz- und Sicherheitssoftware ein Vermögen verdient. Er nennt seine Arbeit angewandte Mathematik.

          Geheimdienst ohne Arbeit

          Geboren im russischen Noworossijsk, studierte der im Umgang mit Zahlen, Gleichungen und Formeln hochbegabte Kaspersky in den achtziger Jahren an der Lomonossow-Universität Physik, sattelte an einer Hochschule des sowjetischen Geheimdienstes eine Ausbildung am Institut für Kryptologie drauf und machte seinen Abschluss in technischer Mathematik. Als die Sowjetunion Anfang der neunziger Jahre implodierte, stand Kaspersky mit seiner damaligen Frau Natalya und einer erstklassigen Geheimdienstausbildung auf der Straße.

          Sie gründeten Mitte der neunziger Jahre eine Firma, erprobten sich in Marktwirtschaft, scheiterten, standen wieder auf und probierten es erneut. Natalya war der Kopf der Firma, Eugene das Herz; sie entwickelte viel gesuchte Programme zur Bekämpfung von Computerviren, er verkaufte sie.

          Aus einem kleinen Familienunternehmen wurde Russlands erste international aufgestellte Softwarefirma. Kurz darauf reichte Natalya die Scheidung ein, blieb der Firma aber noch jahrelang verbunden. Kaspersky zog unbenommen seine Kreise.

          Einmal im Jahr muss er auf sich aufmerksam machen. Dann, wenn seine Analysten wieder einen Staatstrojaner, einen institutionell organisierten Datenklau oder, so wie derzeit, eine verdeckte Attacke auf die Finanzwirtschaft herausfanden.

          Er kennt sein Geschäft, seine Fertigkeiten, Chancen und Möglichkeiten - er ist clever, geschickt und weiß seine Chancen zu nutzen. „Jede Hack-Attacke“, sagte er einmal, „ist eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte: Es kommen Menschen zu Schaden. Die gute: Die Lücke ist geschlossen.“ Das können die Banken noch nicht sagen. Denn die „Cabarnak Cybergang“ ist nach wie vor am Werk.

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