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EU-Kommission : Das nervt an Android

Nicht genutzt: Vorinstallierte Google Apps und vorinstallierte Samsung Apps. Bild: Screenshot von Android Smartphone

Die EU-Kommission will Googles Betriebssystem an den Kragen. Es geht um Marktmacht und die Verhinderung von Wettbewerb. Davon könnten am Ende auch die Nutzer profitieren und nicht nur die Konkurrenz.

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          Das Päckchen wurde schon sehnsüchtig erwartet. Ein beige-farbener Karton, versiegelt. Darin eingepackt ein ganz neues Smartphone. Die Schutzfolie klebt noch über dem Bildschirm und der Kamera auf der Rückseite. Beim Einschalten dann das Ärgernis: Anstatt ein Smartphone mit schier unendlichem Speicherplatz für jede Menge Lieblingsapps in der Hand zu halten, leuchten auf dem Startbildschirm App-Symbole neben noch mehr App-Symbolen.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Auf den meisten Smartphones sind schon bei der Lieferung Dutzende Anwendungen vorinstalliert. Bei einem Android-Endgerät sind meist elf Anwendungen enthalten, die – wie andere Anwendungen auch – in unregelmäßigen Abständen Updates herunterladen. Das kostet nicht nur mobile Daten, sondern auch Nerven, denn die Apps brauchen Speicherplatz und lassen sich nicht deinstallieren.

          Bei den Android-Geräten handelt es sich meist um Google-Apps und Google-Dienste, die sich schon auf dem Gerät befinden. So zum Beispiel der Kartendienst Google Maps oder die Email-App Gmail und natürlich der Google Play Store, der Shop, über den der Nutzer weitere Apps erwerben und herunterladen kann. Genau an diesen Apps stört sich nun auch die Europäische Kommission. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager fürchtet einen Verstoß gegen das europäische Kartellrecht: „Ich möchte sicherstellen, dass die Märkte in diesem Bereich sich entwickeln können, ohne dabei von einem Unternehmen durch wettbewerbswidrige Handlungen behindert zu werden“, so Vestager.

          Wie Googles Geschäftsmodell mit Android funktioniert

          Konkret untersucht die Kommission, ob Google von den Smartphone- und Tabletherstellern, die das Betriebssystem Android verwenden möchten, verlangt, ausschließlich google-eigene Anwendungen oder Dienste vorzuinstallieren. Außerdem soll Google konkurrierende Versionen von Android und somit den Marktzugang anderer Betriebssysteme verhindert haben. Als dritten Punkt wirft die Kommission Google vor, seine Apps und Dienste so miteinander und mit anderen Programmierschnittstellen verknüpft und so die Entwicklung und den Marktzugang von Konkurrenten behindert zu haben.

          Tatsächlich steckt der Teufel im Detail. Denn das Betriebssystem Android ist ein Open-Source-System. Das heißt, jeder kann sich den Code im Internet herunterladen und daran herumbasteln, um sein eigenes System zu schaffen. Wenn man sein Endgerät jedoch mit einem möglichst nutzerfreundlichen Betriebssystem ausstatten möchte, sollte dieses möglichst kompatibel mit so vielen Apps wie möglich sein. Daher greift auch der Weltmarktführer Samsung auf Googles Android zurück. Apple hingegen installiert auf seinen iPhones das hauseigene Betriebssystem iOS und die Handys von Microsoft laufen natürlich mit Windows. Rund um die Welt laufen etwa 80 Prozent der Smartphones mit Android, das zunächst einmal kostenfrei von Google zur Verfügung gestellt wird.

          Der Online-Anbieter der meisten Apps ist jedoch Google Play. Und hier ist der Haken. Denn wenn Samsung seinen Nutzern Zugang zu möglichst vielen Apps ermöglichen möchte, braucht es den Google Play Store. Doch Google knüpft die Nutzung einer Google-App an die Nutzung von zehn weiteren. Die Google-Apps sind gekoppelt und nur im Set erhältlich – einzeln ist der Google Play Store nicht verfügbar. So müssen auch Google Maps, Gmail, der Chrome Browser und Google Hangouts auf dem Handy installiert werden.

          Das ist dran an den Vorwürfen der EU-Kommission

          Die EU-Kommission hat mit ihren Vermutungen insofern recht, dass google-eigene Anwendungen vorinstalliert werden müssen. Allerdings stellt Google den Herstellern frei, auch andere Apps vorzuinstallieren. Das Ergebnis ist für den Endnutzer ärgerlich: Neben dem E-Mail-Programm von Google gibt es auch eine E-Mail-App von Samsung, das selbe gilt für einen Internetbrowser, eine Bilderverwaltung und eine Musik-App. Fast alle Grundfunktionen sind mit einem völlig neuen Handy demnach schon über zwei Anbieter ausführbar, die sich der Nutzer nicht ausgesucht hat.

          Google wird außerdem vorgeworfen, dass es zwar ein Open-Source-Betriebssystem zur Verfügung stellt, dann aber verhindert, dass konkurrierende Versionen dieses Systems auf den Markt kommen. Die EU fürchtet, dass Google so die Entwicklung und den Marktzugang von konkurrierenden Anwendungen verhindert. Tatsächlich hatte Google sich bei der Ankündigung seines Betriebssystems im November 2007 so geäußert: „Wir hoffen, dass Android die Grundlage für viele neue Smartphones bilden und eine völlig neue mobile Erfahrung für Nutzer schaffen wird.“ Die Grundlage besteht darin, dass Google allgemeine Mindeststandards formuliert, die die Android-Entwickler in aller Welt berücksichtigen müssen, wenn ihr System mit möglichst vielen Apps kompatibel sein soll. Diese Mindeststandards können die Hersteller von Smartphones und Tablets erfüllen und ihre Gerät dann „Android-kompatibel“ nennen.

          Der Konzern selbst beruft sich auf den Wettbewerb, der auf dem mobilen Markt zwischen den Betriebssystemen besteht. Android konkurriert demnach nicht nur mit iOS von Apple und Windows von Microsoft. Bei Android kommt zudem ein Intra-Android-Wettbewerb hinzu. So ist in den Vereinigten Staaten etwa ein Viertel aller verkauften Android-Tablets ein Amazon Kindle Fire, auf dem Fire OS, eine Android-Variante ohne Google Apps, läuft.

          Torsten Körber, Kartellrechtler an der Universität Göttingen, schrieb in einem Aufsatz schon 2014, dass Google auch in Bezug auf Apps seine Marktmacht nicht ausnutzt, und führt dazu zwei auch heute noch gültige Argumente an. Es ist immer einfach, Anwendungen für Smartphones zu programmieren und in den seltensten Fällen werden die Apps für nur ein Betriebssystem geschrieben. Stattdessen laufen die meisten Apps auf allen Systemen („multi-homing applications“). Dank HTML5 können die Apps zudem auch völlig unabhängig von Betriebssystemen auf Browser-Basis programmiert werden.

          Wie der Verbraucher profitieren könnte

          Zwar untersucht die EU-Kommission das Google-Betriebssystem in erster Linie darauf, ob andere Wettbewerber am Zugang zum Markt gehindert werden. Jedoch könnte ein Verfahren auch für die Nutzer von Vorteil sein. Wenn sich die gekoppelten Apps von Google als rechtswidrig herausstellen sollten, könnte das dazu führen, dass auf neuen Smartphones künftig weniger Apps vorinstalliert sind – und wenn dann nur in einfacher Ausführung.

          Andererseits haben auch andere Betriebssysteme wie iOS eigene Programme vorinstalliert, die in diesem Fall aufgrund des geschlossenen Systems sogar in den Programmiercode eingefügt sind. Auch diese können nicht vom Smartphone gelöscht werden. Da Apple sein Betriebssystem jedoch nicht verkauft, sondern nur intern auf den hauseigenen Geräten vertreibt, kann hier von einem Missbrauch der Marktmacht nicht die Rede sein. Für den Endnutzer bleibt das ärgerlich: Denn die Apps können auch hier nicht deinstalliert werden. Zumindest aber ist das Smartphone nicht mit einem Anwendungsset des Herstellers und zusätzlich einem App-Set des Betriebssystem-Bereitstellers überfrachtet.

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