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Erklärvideos vom Arzt : Doktor Youtube

Der Arzt, dem die Internetsurfer vertrauen: Johannes Wimmer, 33 Jahre alt und immer adrett gescheitelt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Arzt Johannes Wimmer erklärt im Internet, was Hämorrhoiden sind und wie Medikamente wirken. Das klickt.

          6 Min.

          Üblicherweise nennen Ärzte verdienstvolle andere Ärzte, wenn sie nach ihren Vorbildern gefragt werden: Albert Schweitzer, den philosophierenden Tropendoktor zum Beispiel, oder Robert Koch, den Herrscher über die Tuberkulose. Von den Gepflogenheiten seines Berufsstands hält Johannes Wimmer, gerade erst 33 Jahre alt geworden und Assistenzarzt an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, aber generell nicht viel. Entsprechend ungewöhnlich fällt seine Antwort auch in dieser Angelegenheit aus: Am meisten gelernt habe er beim Shoppingsender HSE24, für den er nach dem Studium ein knappes Jahr lang Matratzen verhökert hat. Vor allem vom Star des Senders, der klatschspaltenlastigen früheren Opernsängerin Judith Williams, die vor dem Millionenpublikum im Fernsehen Kosmetik anpreist. Wimmer schwärmt noch heute: „Absolut perfekt, wie sie über den Bildschirm Nähe aufbaut.“

          Sebastian Balzter
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit derselben Methode ist der Arzt, ein promovierter Radiologe, inzwischen selbst zu einer Berühmtheit geworden. Zehntausende Laien sehen sich im Internet, auf Facebook oder Youtube, Wimmers Videoclips mit so klickträchtigen wie boulevardtauglichen Titeln wie „Was sind Hämorrhoiden?“ und „Sex nach Hüft-OP?“ an. Und Hunderte Ärzte und Gesundheitsfachleute lassen sich von ihm als Vortragsredner die Leviten lesen, weil sie nach seiner Meinung aus bloßem Standesdünkel und zum Schaden der Patienten einen weiten Bogen um das Internet machen. Beides, die Volksaufklärung und die Provokation, erledigt Wimmer so erfolgreich, dass ihn jetzt sogar Dickschiffe wie der öffentlich-rechtliche NDR und die Techniker Krankenkasse für ihre Sprechstundenformate verpflichtet haben.

          Wimmers Kritik an den Kollegen

          Vor dreieinhalb Jahren hat Wimmer mit den Videos angefangen, damals noch unter dem Markennamen „Dr. Johannes“. Die Firma gleichen Namens gibt es auch heute noch, Wimmer ist inzwischen aber schon ausgestiegen, ein Geldgeber hatte andere Vorstellungen als er – und für so etwas hat er keine Geduld. Glühend wie ein Missionar spricht er von seinem Ziel, dass Patienten online verlässlich Rat und Hilfe finden sollen.

          Deshalb stellt er sich nun nicht mehr nur vor die Kamera. Er hat sich am Hamburger Uniklinikum für eine Halbtagsstelle den klingenden Titel „Head of Digital Patient Communication“ geben lassen; er berät Krankenhausketten und das Gesundheitsministerium; er hat zwei Dutzend Ärzte für ein neues Netzwerk namens „Doc Cast“ gewonnen, die nach seiner Anleitung Videos aus ihrem jeweiligen Fachgebiet drehen, bald sollen die ersten online gehen.

          Woher kommt diese fixe Idee? Und die Inbrunst, mit der Wimmer sie verfolgt? Auf die Sache mit den Videos kam er, nachdem er eine Zeit lang selbst Medizinstudenten in der Radiologie ausgebildet und festgestellt hatte, wie oft sich die Inhalte von Semester zu Semester einfach nur wiederholten. Genauso wie in der Hausarztpraxis, am Krankenhausbett. „Ich sage dem einen Patienten zu 90 Prozent dasselbe wie dem nächsten. Irgendwann wird mir davon der Mund fusselig.“

          Manche Ärzte wählen, auch weil die Krankenkassen das Reden und Zuhören kaum bezahlen, das geschäftige Schweigen als Ausweg oder fliehen ins fachliche Kauderwelsch, um sich vor Nachfragen zu schützen. Das aber sei für ihn keine Alternative, sagt Wimmer, seit er das südafrikanische Gesundheitssystem kennengelernt habe, als Rettungsassistent in den Townships von Kapstadt. Die Zustände dort seien in vielen Belangen zu beklagen, die Technik veraltet. „Aber die Ärzte sind auf jeden einzelnen Patienten eingegangen, statt wie bei uns immer nur auf den Monitor zu starren.“

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