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E-Mail-Aufkommen : 625 Milliarden Nachrichten im Posteingang

„Nee, näh?“: Im Jahr 2000 waren E-Mails noch etwas ganz Besonderes, auch für Wimbledon-Sieger Boris Becker Bild: dpa

Trotz Whatsapp und Co: Die als altmodisch geltende E-Mail stirbt nicht aus, im Gegenteil. Hierzulande werden so viele E-Mails verschickt wie nie zuvor. Wieso?

          4 Min.

          Kaum ein Geräusch gehört so selbstverständlich zum Arbeitsalltag wie das Klingeln, wenn eine neue E-Mail eintrifft. Seit Jahren versuchen Unternehmen - unterstützt von findigen Start-ups und aufstrebenden sozialen Netzwerken - die E-Mail-Flut zu beschränken. Glaubt man den Facebooks, Googles und Amazons dieser Welt, ist die schriftliche Kommunikation mit der E-Mail eigentlich überholt. Der sagenhafte Erfolg von Kurzmitteilungsprogrammen wie dem Messenger von Facebook oder dem ebenfalls zu dem sozialen Netzwerk gehörenden Dienst Whatsapp macht den Anschein, als würde heutzutage vermehrt über Chatprogramme kommuniziert. Mehr als eine Milliarde regelmäßiger Nutzer zählen allein die beiden Facebook-Dienste. Andere Unternehmen entwickeln dafür sogenannte Chatbots, automatisierte Programme, die zum Beispiel Flugbuchungen über ein vermeintliches „Gespräch“ in einem Chatprogramm möglich machen.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Trotzdem führen alle diese Programme nicht dazu, dass die E-Mail verschwindet. Zwar hat die Zahl der SMS abgenommen, doch häufig sind die Gespräche in sozialen Netzwerken zusätzliche Kommunikation. Lustige Animationen oder Emoticons, kurze Nachfragen unter Freunden oder Kollegen, sind keine klassischen Mail-Inhalte. So ist das E-Mail-Aufkommen allein in Deutschland im vergangenen Jahr auf 625,8 Milliarden gestiegen. Das ergibt eine Auswertung von GMX und Web.de, den beiden größten E-Mail-Anbietern in Deutschland, die zum Unternehmen 1&1 gehören. Durch die kostenlosen E-Mail-Angebote decken die Anbieter gut die Hälfte des Marktes in Deutschland ab und rechnen das mit Statistiken der Radicati Group und Markterhebungen hoch. Die Zahl der verschickten E-Mails hat sich in den vergangenen Jahren stark erhöht, mit der eigenen Prognose für das Jahr 2016 lagen GMX und Web.de sogar deutlich unter der tatsächlichen Zahl. Für das laufende Jahr rechnen die Marktforscher mit einem abermaligen Anstieg auf 732,2 Milliarden Nachrichten (siehe Grafik).

          Bild: F.A.Z.

          Die sozialen Netzwerke verringern die E-Mail-Flut nicht, sondern vergrößern sie sogar. Denn nach der Auswertung der E-Mail-Anbieter sind sie für einen großen Teil der versendeten Nachrichten verantwortlich. Unternehmen wie Facebook, Twitter, Xing oder Linkedin schicken ihren Nutzern regelmäßig Benachrichtigungen oder Erinnerungen. Wenn den Nutzern nämlich langweilig wird im Netzwerk und sie es weniger besuchen, wird das dort registriert. Wer seine Benachrichtigungen nicht ordentlich konfiguriert hat, bekommt ständig Hinweise auf vermeintlich spannende Inhalte oder Nachrichten, die man verpasst, wenn man sich nicht anmeldet.

          Spam-Niveau so hoch wie seit 2010 nicht mehr

          Die sozialen Netzwerke möchten, dass man so viel Zeit wie möglich in ihrem Angebot verbringt, deshalb betteln sie geradezu um Aufmerksamkeit. „Die E-Mail ist weiterhin das Kommunikationsmittel Nummer eins für die Reaktivierung“, sagt Jan Oetjen, Geschäftsführer von Web.de und GMX. Auch Online-Händler wie Amazon oder Ebay nutzen die E-Mail für Bestellbestätigungen, Sonderangebote oder Zahlungserinnerungen. „Zu einem noch höheren Anstieg des E-Mail-Aufkommens könnte der große Trend führen, die Briefpost zunehmend elektronisch zu ersetzen“, sagt Oetjen. Doch werden gerade in Deutschland immer noch viele Briefe verschickt, die Deutsche Post stellt jeden Tag 61 Millionen von ihnen zu. Gerade geschäftliche Kommunikation wird zum großen Teil noch in echte Briefumschläge verpackt, auch wenn nicht nur die Post, sondern auch die E-Mail-Anbieter daran arbeiten, diesen Bereich zu digitalisieren.

          Das Potential ist jedenfalls hoch, wie die Entwicklung der versendeten E-Mails zeigt. Denn darin sind noch gar nicht alle verschickten Nachrichten enthalten: Fast zwei Drittel aller versendeten E-Mails an Unternehmen sind Spam, wobei 8 bis 10 Prozent als bösartig gelten. Das geht aus dem jährlichen Cybersicherheits-Bericht des Netzwerkausrüsters Cisco hervor, für den das Unternehmen fast 3000 sogenannte Chief Security Officers und Leiter von IT-Sicherheitsabteilungen aus 13 Ländern befragt hat. Das globale Spam-Niveau ist so hoch wie seit 2010 nicht mehr und steigt weiter, angetrieben durch große Botnetze. Diese entstehen, wenn internetfähige Geräte ohne Wissen der Besitzer zusammengeschaltet werden, um ihre Rechenleistung für illegale Zwecke, wie eben den E-Mail-Versand, zu missbrauchen.

          Filter lernen von selbst

          Deutschland ist seit langer Zeit ein attraktives Ziel für Cyberkriminelle, in Statistiken nimmt die Bundesrepublik regelmäßig die Spitzenposition ein: So sind nach einer Auswertung des russischen Sicherheitsdienstleisters Kaspersky mehr als 13 Prozent aller Spam-Mails mit Schaddateien im Anhang nach Deutschland gesendet worden. Japan folgt dahinter mit 8 Prozent. Die inzwischen größte Quelle für solche Nachrichten ist Indien, mehr als jede siebte infizierte E-Mail kommt von dort.

          Grundsätzlich gilt: Mit steigender Zahl der Spam-Nachrichten steigt auch der Schutz, die Filterprogramme der großen Sicherheitsunternehmen und E-Mail-Anbieter basieren heutzutage auch auf maschinellem Lernen. Sie greifen Informationen aus den wachsenden Daten ab und verbessern somit ihre Filter, indem sie etwa bestimmte Formulierungen oder Sprachbilder erkennen, die typisch für solche Nachrichten sind.

          Adresshändler sammeln Daten

          Allerdings ist das nicht ganz risikolos, wie Kaspersky in einem Dossier zu maschinellem Lernen in der Spam-Erkennung notiert. Die gründlichste Lösung wäre eine manuelle Überprüfung, die hätte eine Erfolgsquote von 100 Prozent. Nur ist das angesichts der schieren E-MailMenge, die jeden Tag versendet wird, viel zu aufwendig. Allein in Deutschland werden jeden Tag rund 117 Millionen Spam-Mails identifiziert, das Gesamtvolumen dieser potentiell gefährlichen E-Mails liegt bei rund 42 Milliarden im Jahr - nur für Deutschland (siehe Grafik). Nur Maschinen diese Arbeit erledigen zu lassen, wäre im Umkehrschluss zwar besonders schnell, aber dafür würden auch harmlose Nachrichten rausgefiltert. Weil sie vielleicht so formuliert sind wie eine Reihe von Spam-Mails, die der Algorithmus dann fälschlich auslegt.

          Auch die Betrüger werden besser: Früher forderten noch Texte in schlechtem Deutsch dazu auf, einen Link in einer E-Mail anzuklicken. Heute sehen Spam-Mails einem echten Newsletter oder einer Rechnung täuschend ähnlich. Neutrale Botschaften sind laut den Sicherheitsexperten von Kaspersky derzeit rund um die Welt beliebt, Einschüchterungsversuche, wie es sie früher häufig gab, nehmen ab. „Cyberkriminelle scheinen zu glauben, dass ein großer Teil der Internetnutzer die Grundlagen von Internetsicherheit verstanden hat und deshalb eine gefälschte Drohung erkennen kann“, schreiben die Forscher. Speziell in Deutschland sehen Sicherheitsforscher allerdings einen Trend zu stark emotionalen Botschaften. Das können fingierte Schreiben von Rechtsanwälten sein oder vermeintliche Gewinnbenachrichtigungen.

          Durch immer wieder auftretende Datenlecks in den Läden der Onlinehändler oder der sozialen Netzwerke sind die Nutzer häufig bei sogenannten Adresshändlern bekannt. Selbst massenhaft versendete E-Mails können so gezielt an jene Empfänger verschickt werden, die die Nachrichten für echt halten, weil sie sich kürzlich auf den jeweiligen Seiten angemeldet haben. Skepsis ist also jederzeit angebracht.

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