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Digitalkonferenz Republica : Auftragsarbeit für ein paar Cent

  • -Aktualisiert am

Die „Crowd“ auf der Digitalkonferenz Republica in Berlin. Bild: dpa

Im Internet kann man sich Geld nebenbei verdienen, allerdings sehr wenig. Auf der Internetkonferenz Republica wird Crowdworking scharf kritisiert. Doch warum eigentlich?

          „Upwork“ ist ein kleines Unternehmen, das riesig ist. Denn die gerade einmal 250 Angestellten in San Francisco betreuen mehr als zehn Millionen freie Mitarbeiter: Grafiker, Übersetzer, Designer, Anwälte. Die Idee hinter dem Unternehmen: Eine Firma sucht eine Dienstleistung und die Arbeitskräfte unterbieten sich in dem Preis, den sie dafür verlangen würden. So passiert es, dass gut ausgebildete Thailänder oder Vietnamesen den Amerikanern den Auftrag wegschnappen, weil sie viel geringe Stundenlöhne fordern.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Upwork ist eine dieser Firmen der sogenannten Share-Economy, die wie der Fahrdienstleister „Uber“ oder das Vermietunternehmen „Airbnb“ vor allem darauf setzen, dass sich Kunden und Dienstleister untereinander finden. Fest angestellt ist dabei kaum jemand, gearbeitet wird vor allem in Projekten, Unternehmen sparen sich somit Personalkosten und Versicherungen.

          „Amerika ist inzwischen zu einer Freiberufler-Gesellschaft geworden“, konstatiert Steven Hill, Autor, Professor und Mitglied des Think-Thanks „New America Foundation“. Und diese Freiberufler-Gesellschaft erreicht nun verstärkt auch Deutschland.

          Dabei ist Auslagerung kein ganz neues Prinzip: Gerade Unternehmen aus der sogenannten „Old Economy“ wie etwa Autobauer haben schon vor Jahrzehnten Zeitarbeiter eingestellt. Universitäten beschäftigen Professoren als freie Mitarbeiter.

          Da mag verwundern, dass gerade die jungen Internetunternehmen häufig dafür kritisiert werden, prekäre Arbeitsverhältnisse zu fördern. Doch klar ist, dass sich die Art zu arbeiten in der Zukunft verändern wird - und die Internetunternehmen klassische Geschäftsmodelle angreifen und ummodeln.

          Obwohl die Auswirkung dieses sogenannten „Crowdworkings“ bislang kaum erforscht ist, regt sich besonders in Deutschland Widerstand. Auf der Digitalkonferenz Republica hat sich Christiane Benner, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft IG Metall, nun dafür ausgesprochen, gute Arbeitsbedingungen für die Crowd-Arbeiter in ein Gesetz zu gießen. Nach dem Willen der Gewerkschaft sollen diese Arbeiter ebenfalls einen Mindestlohn von 8,50 Euro arbeiten. Dadurch, dass für einzelne Aufträge oft nur Cent-Beträge bezahlt werden, summiert sich die mühsame Klick-Arbeit häufig nur auf einen Stundenlohn von sechs bis sieben Euro. Die Gewerkschaft hat sogar ein Internetportal gestartet, das über diese Arbeitszweige informiert und Rechtsrat gibt und auf dem man Portale für Projektarbeiten bewerten kann.

          Gut eine Million Clickworker gebe es inzwischen in Deutschland, sagt Benner. Allerdings sei bislang nur ein Prozent davon von der Arbeit finanziell abhängig. Meist verdienen sich Studenten etwas Geld dazu, indem sie im Internet Kleidung sortieren, Produkte beschreiben oder Logos entwerfen.

          Der wachsende Erfolg solcher Internet-Unternehmen wie Uber, die vor allem darauf bauen, dass jemand für sie arbeitet und sie einzig eine App anbieten, ist schnell erklärt: Das Geschäftsmodell ist nicht nur für die Unternehmen günstig, sondern für die Nutzer auch total bequem. Wer heute in New York von Manhattan nach Brooklyn will, kann eines der gelben Taxis nehmen, die nur sehr ungern aus dem Stadtkern hinausfahren - oder eben auf Privatfahrer ausweichen, die vielleicht umgänglicher, freundlicher und unter Umständen billiger sind. 

          Steven Hill warnte auf der Internetkonferenz allerdings davor, die Auswirkungen solcher neuen Spieler nicht zu übersehen: Straßen sind ein öffentlicher Raum, den sich Öffentlicher Nahverkehr, Berufspendler, Auslieferungsdienste und Privatpersonen teilen - doch dieser Raum ist begrenzt. „Wenn Ihr Taxi nun zehn Minuten schneller kommt, aber sie dafür wegen der Menge an privaten Fahrern, die die Straßen verstopfen, 20 Minuten im Stau stehen, nützt das gar nichts“, sagte er. Doch es gibt Hoffnung für die Clickworker: Denn das Internet verstopft nicht so schnell. Und man muss auch nicht jedes Dumping-Angebot aus Vietnam oder Thailand mitgehen.

          Hier gibt es die ganze Diskussion „Crowdworking behind the screen – Clickworking & Labor Rights“ mit Sarah T. Roberts, Max Hoppenstedt, Christiane Benner und Steven Hill zum nachhören. (englisch)

          Die Republica-Crowd konferiert am Gleisdreieck. Bilderstrecke

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