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Digitalisierung : War früher alles besser?

Schon alles ok mit dem Fortschritt in Deutschland? Nun ja! Den großen Applaus bekommen diejenigen, die über Technikfolgeabschätzung reden. Bild: dpa

Wenn der Fortschritt kommt, kann man ihn weghoffen. Man kann ihn regeln. Wir sollten versuchen, ihn zu gestalten. Eine kleine Ansprache an die Skeptiker.

          2 Min.

          Sind Sie bereit für eine Ansprache? Für einen Samstagmorgen-Espresso, dessen wenige Pointen alle unfreiwillig sind? Weil er es ganz ernst meint?

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Also los. Die technische Entwicklung wird nie wieder so langsam gehen wie heute. Moore’s Law ist zwar nicht mehr ganz so schnell wie früher, aber es gilt immer noch: Allein in den nächsten zwei Jahren werden Computerchips so viel schlauer wie in der gesamten Computergeschichte zuvor. Diese Entwicklung kommt, man kann sie nicht einfach weghoffen. Wer sich damit anfreundet, ist hinterher besser dran. Deutschland ist nicht schlecht vorbereitet – aber noch längst nicht so gut, wie es sein könnte.

          Das haben Sie alles schon gehört, sagen Sie. Das sind Phrasen, die wir einander seit zwanzig Jahren erzählen. Und Sie sagen: Deutschland ist doch gut vorbereitet. In Universitäten und Forschungszentren entsteht Großartiges. SAP gehört zu den wichtigsten Softwareunternehmen der Welt. Auch die anderen deutschen Unternehmen sind innovativ: Allein der Autozulieferer Continental hat schon halb so viele Softwareentwickler wie Google, sagen Sie. Und mit all dem haben Sie vollkommen recht. Gut möglich, dass im Rennen um das selbstfahrende Auto am Ende entgegen allem Marketing die Autohersteller aus München, Stuttgart oder Wolfsburg vorwegfahren.

          Applaus für die Technikfolgen-Abschätzung

          Aber vielleicht haben wir die Rede von der Zukunft noch nicht oft genug gehört. Vielleicht müssen wir alle noch viel mehr Konsequenzen ziehen. Schauen Sie: Während Continental sich digitalisiert, betrachten Google und seine Muttergesellschaft das Auto mehr und mehr als einen Spezialfall der Digitalisierung. Schon längst arbeiten sie an allen möglichen anderen Spezialfällen, auch an Logistik, an Medizin und Hirnforschung. Einige der besten jungen Biologen, Mediziner und Hirnforscher arbeiten nicht mehr für Kliniken und Forschungsinstitute, sondern für Google oder für Facebook. Und da reden wir nur von den amerikanischen Unternehmen. Chinas Vorstoß in die künstliche Intelligenz ist so stark und mit so viel Geld ausgestattet, dass auch die Amerikaner langsam Angst bekommen. So mancher deutsche Spezialist arbeitet nicht für Google und nicht für Facebook, sondern für die SchanghaiTech University. Hirnforschung steht in China übrigens auch auf dem Programm.

          Bild: F.A.Z.

          Im Bundespräsidialamt treten, während all dies passiert, die meisten Mitglieder des Personalrats zurück. Zugegeben, der Konflikt schwelte eine ganze Weile. Seit Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident ist, gibt es Konflikte zwischen Amtsleitung und Personalrat. Auslöser des Rücktritts war: ein Streit um Steinmeiers Facebook-Präsenz. Ernsthaft.

          Die schlauen jungen Leute, die ticken doch sicher anders als die Beamten im Personalrat, sagen Sie. Nun war Ihr Barista Anfang der Woche in München und hat im Maximilianeum eine Diskussion vor mehr als 300 Studenten der Begabtenförderungswerke moderiert. Die Stipendiaten, die im Maximilianeum wohnen, hatten die Diskussion hervorragend vorbereitet. Und den lautesten Applaus bekam: Jürgen Rüttgers. Der war zwar mal Deutschlands Zukunftsminister, aber er war auch mal Vorsitzender der Enquetekommission zur Technikfolgenabschätzung. Genau diese Rolle nahm er in der Diskussion ein. Er präsentierte den Podiumsteilnehmern sein Handy aus der Prä-Smartphone-Zeit. Er betonte vor allem, dass der technische Fortschritt gezügelt und gesteuert werden muss – und mit dieser Rhetorik schaffte er es, sich in die Herzen der schlauen Studenten zu reden.

          Die Zukunft gestaltet man, indem man sie erschafft

          Die Zukunft gestaltet man am besten, indem man sie selbst erschafft. Noch so eine Binsenweisheit. Aber bei dieser Gelegenheit: Kennen Sie einen guten künstlich intelligenten Assistenten aus Deutschland?

          Wo wir gerade über die Studenten reden, noch eine Beobachtung: Das Publikum war zwar war voller Frauen. Trotzdem gab es zwar mehrere Dutzend Wortmeldungen von Männern und nur zwei von Frauen. Nun ist das Zu-Wort-Melden bei Diskussionen nur ein erster kleiner Schritt dazu, sich in gesellschaftliche Debatten einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Aber fest steht: Hätte es eine Frauenquote für Diskussionsbeiträge gegeben, mit diesen intelligenten Studentinnen wäre sie weit verfehlt worden.

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