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Digitaler Wandel : Alles wird Amazon

Jeff Bezos und der Aufbruch in die digitale Bücherwelt: Aber wer bekommt wie viel Rabatt? Bild: AFP

Zwanzig Jahre nach seiner Gründung steht Amazon im Kreuzfeuer der Kritik um E-Book-Preise, Steuerzahlungen, Arbeitsbedingungen. Der Streit ist ein Menetekel – für die Digitalisierung des Wirtschaftslebens.

          6 Min.

          „Amazon hat totalitäre Phantasien.“ „Die Verlage sollten Amazon auch einmal boykottieren, wenn sie einen spannenden neuen Titel haben.“ „Die sind doch schon in der Lage, Autoren nach Algorithmen auszusortieren.“ Von einem erpresserischen Verhalten ist die Rede und von einem unmöglichen Geschäftsgebaren, wenn sich Menschen wie Peter S. Fritz, Literaturagent aus Zürich, und Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels aus Frankfurt, miteinander unterhalten. Das ist vor ein paar Tagen in der Sendung „SWR 2 Forum“ im Radio passiert. Unter Kulturschaffenden, aber auch unter vielen Lesern, die eine emotionale Beziehung zum Buch pflegen, hat sich der amerikanische Online-Händler in den vergangenen knapp zwei Jahren zu einem Unternehmen entwickelt, das in ihren Augen Grenzen übertritt – und deshalb gemieden werden muss.

          Carsten Knop
          Herausgeber.
          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Skipis glaubt, dass diese, in seinen Augen positive Entwicklung auch in den Umsätzen der Händler schon spürbar ist. Denn der stationäre Buchhandel habe im vergangenen Jahr in Deutschland nach langer Zeit einmal wieder mehr verkauft als im Vorjahr. Es kämen zunehmend Kunden in die Geschäfte, die im Gespräch mit dem Händler deutlich machten, sich ganz bewusst von Amazon abgewandt zu haben. Indes: In den Zahlen von Amazon spiegelt sich der ganze Ärger über die Arbeitsbedingungen, die Bezahlung in den Logistikzentren, die Diskussionen darüber, wo Amazon in Europa eigentlich wie viel Steuern zahlt, und der aktuelle Streit mit den Verlagen über die Preise für elektronische Bücher und die damit verbundenen Rabatte nicht wider. Der Umsatz steigt und steigt, auch in Deutschland. Jedes fünfte Buch wird hierzulande über Amazon verkauft – und das auf dem zweitgrößten Buchmarkt der Welt.

          Digitale Geschäftsmodelle betreffen alle Wirtschaftszweige

          Der Markt für elektronische Bücher ist zwar noch viel kleiner, insgesamt sind vielleicht 4 Prozent aller Bücher, die derzeit verkauft werden, digitale Produkte für Lesegeräte wie den „Kindle“ von Amazon oder den „Tolino“ von der Konkurrenz. Aber die Wachstumsraten sind stürmisch. Die „E-Books“ sind der Markt der Zukunft. Und weil es Amazon stets darum geht, sich auf künftig bedeutenden Märkten die beste Position und damit auch die attraktivsten Konditionen zu sichern, tobt gerade in diesem Markt der bisher heftigste Streit zwischen Amazon und den Verlagen: Bekommt Amazon künftig einen Rabatt von 50 Prozent auf den E-Book Preis und die Verlage, die bisher 70 Prozent des Preises für sich und ihren Autor behalten dürfen, ebenfalls nur noch die Hälfte vom Kuchen?

          Und wie werden die Autoren darauf reagieren? Wird es für sie attraktiver, unter Umgehung von Verlagen direkt über Amazon zu publizieren und dann ein Lockvogel-Angebot des Online-Händlers zu nutzen? Denn der verspricht den Autoren in diesem Fall, 70 Prozent des Verkaufserlöses behalten zu dürfen.

          Der Streit, der dazu führt, dass Bücher von bestimmten Verlagen wie zum Beispiel der Bonnier-Gruppe (Marke Ullstein) bei Amazon schlechter lieferbar sind als üblich, wirft ein Schlaglicht auf das, was im Zuge der Digitalisierung ganzer Wertschöpfungsketten noch vielen Branchen blühen wird: Alte Gesetzmäßigkeiten werden auf den Kopf gestellt, Zwischenhändler ausgeschaltet, Kunden bekommen mehr Macht, aber auch die Anbieter, die es schaffen, neue digitale Geschäftsmodelle möglichst früh erfolgreich zu machen. Verbunden ist alles das mit der – weit über den Buchmarkt hinaus wichtigen – Frage, wem die Daten, die in dieser neuen digitalen Wirtschaftswelt generiert werden, gehören: Wer hat als Erster Zugriff auf die Informationen, am besten in Echtzeit? Das hat Jeff Bezos, den Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Amazon, möglicherweise als einen der Ersten umgetrieben. Inzwischen ist diese Frage aber für den Buchhändler um die Ecke ebenso relevant wie für Joe Kaeser, den Vorstandsvorsitzenden des deutschen Siemens-Konzerns, der riesige Maschinen für die Industrie verkaufen möchte.

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