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Digitale Kontaktpflege : Macht Whatsapp unsere Kinder doof?

Jede Kleinigkeit im Teenie-Leben produziert heute Unmengen an digitalem Müll Bild: Illustration F.A.S.

Früher musste man sich verbindlich verabreden. Heute ist alles immer im Fluss. Das ist der Fluch der Jungen.

          4 Min.

          Ist Mark Zuckerberg verrückt geworden? 19 Milliarden Dollar legt der Facebook-Chef für Whatsapp hin. 19 Milliarden - für eine Internetklitsche mit 55 Mitarbeitern. Die nichts können, so hat Mitgründer Jan Koum gestanden, außer Textnachrichten übermitteln. Für das Geld könnte man zweimal den Modekonzern Hugo Boss kaufen oder den Frankfurter Flughafen und ProSiebenSat1 zusammen.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun mag Zuckerberg ein Kauz sein, geschäftstüchtig aber in jedem Fall: Der Mann weiß, was er tut. Whatsapp ist ja auch ein irres Phänomen; sensationell praktisch und so einfach zu bedienen, dass jedes Kind sofort losdüddeln kann. Das macht es zur Hölle für uns, die Eltern. Jede Mutter, jeder Vater kennt das leise Summen der Smartphones, das einsetzt, bevor die Kinder das Bett morgens verlassen, und das erst endet, wenn sie nachts erschöpft einschlafen. „Hallo, weiß jemand, ob das Training heute Abend ausfällt?“, fragt morgens ein Mädchen. „Nee, nichts gehört“, schnattert die Nächste. „Oh, nein, nicht schon wieder“, stöhnt die Torfrau. „Hab eh keine Lust“, die Nächste. So geht es ewig weiter. Bis kurz vor Trainingsbeginn ist natürlich nichts geklärt. Aber das Smartphone der Tochter hat 100 Mal gesummt, sie hat mindestens ebenso häufig in die Tasten gehauen. Wegen eines einzigen Trainings! Früher hing da ein Zettel an der Turnhalle: „Training fällt aus.“ Heute zieht jeder Pups digitale Endlosschleifen durch die Teenie-Welt.

          Welch ein Wahn! Wer ein Smartphone besitzt, und das sind fast alle Jugendlichen, legt es kaum mehr aus der Hand. Es ist ständiger Begleiter, bei Hausaufgaben, Kuchenbacken, Abendessen. Es ist ihr Fenster zur Welt. Unentwegt blinkt das Whatsapp-Bildchen grün, um den Eingang neuer Nachrichten zu verkünden. Irgendeiner hat immer eine Frage, und sei es nur zu den Hausaufgaben: „Wer hat PoWi verstanden?“ „Die Heranwachsenden konzentrieren sich auf nichts mehr richtig“, warnt daher der Soziologe Ulrich Oevermann von der Universität Frankfurt. „Das macht es für sie später so schwer, sich zu entscheiden – denn dafür müssten sie mal in Ruhe nachgedacht haben.“ Denken fällt aus, die Ruhe fehlt.

          Wo soll sie auch herkommen? Unter dem ständigen Gedüddel verlieren Kinder die Fähigkeit, sich zu entscheiden, klare Vereinbarungen zu treffen. Whatsapp ist die digitale Antwort auf die Generation „Maybe“, die sich zu keinem Ja oder Nein durchringen kann, die stets zaudert und zögert. Zu der Generation zählt gemeinhin jeder zwischen 20 und 30 Jahren. Alle, die sich nie festlegen wollen – auf eine Meinung, einen Partner, einen Beruf, einen Lebensentwurf. Es könnte ja noch was Besseres um die Ecke kommen.

          Jetzt beginnt das Elend früher: Die Generation Vielleicht wird immer jünger. Whatsapp & Co erreichen die ganz Jungen: Schon in der fünften Klasse wird gechattet, da sind die Kinder gerade mal zehn Jahre alt und permanent „on“, also online. Ihnen ist eine E-Mail zu umständlich, eine SMS zu teuer, das Telefon altertümlich.

          Sie bilden diverse Gruppen, um Banalitäten austauschen, geheime Botschaften oder Praktisches, ohne dass andere mitlesen können: Da gibt es eine Gruppe für die Klasse, eine für die Fußballmannschaft, eine für die Bläsergruppe. Dazu kommen, für Außenstehende recht unübersichtlich, diverse Untergruppen: Die Jungs in der Klasse schließen sich zusammen, ebenso die Mädchen oder nur ein Teil der Mädchen; die Coolen, die Sportlichen, die besten Freundinnen. Ein Kind ist meist in ein Dutzend verschiedener Gruppen involviert. Wer nicht dabei ist, hat Pech. Ist raus.

          Nicht mal bei Kleinigkeiten schaffen sie klare Ansagen

          Das setzt Eltern unter enormen Druck. Ein Smartphone zählt unter Teenies mehr als der Porsche von Papa oder die richtigen Markenklamotten. Wer das neueste iPhone hat, ist der König. Whatsapp (oder Ähnliches) zu verbieten ist schier unmöglich – auch wenn es offiziell erst ab 16 Jahren erlaubt ist, vor Datenmissbrauch und Sicherheitslücken gewarnt wird. Das spielt auf dem Schulhof keine Rolle. Voller Stolz zeigen die Schüler sich, wie viele Follower sie bei Instagram um sich scharen. Wie viele ihre Bilder bei Snapchat anschauen. In wie vielen Whatsapp-Gruppen sie sich austoben. Und hinter den vielen „Hihis“ und „Hahas“, den endlosen Herzchen und Smileys steht stets die Frage: Wie beliebt bin ich? Darum ging es früher auch immer, klar. Aber ohne digitalen Müll. Was da zusammenkommt, ist unfassbar: 50 Milliarden Nachrichten, Fotos und Sprachmemos werden am Tag über Whatsapp hin- und hergeschickt – genauso viele wie E-Mails. Auf 450 Millionen Nutzer bringt es das Unternehmen weltweit, 30 Millionen davon allein in Deutschland.

          Für jedes einzelne Kind bedeutet das Dauerbefeuerung, am konkreten Beispiel einer 14-jährigen Schülerin: Seit einem halben Jahr nutzt sie Whatsapp, in der Zeit hat sie exakt 33.442 Nachrichten gesendet und 51.012 Nachrichten erhalten. Das sind 184 Mitteilungen, die sie jeden Tag absetzt, und 280, die sie erhält. Jeden einzelnen Tag.

          „Die Entscheidungs- und Bindungsunfähigkeit junger Menschen wird durch digitale Plattformen gefördert“, diagnostiziert der Sozialpsychologe Oevermann. Da bei Whatsapp immer klar ersichtlich ist, wer wann online ist, wächst unter den Jugendlichen der Druck, ständig zu antworten. Schweigen ist unhöflich, birgt Konflikte („Was ist los? Magst Du mich nicht?“).

          Also flüchtet man sich ins Unverbindliche – in vielleicht, eigentlich gerne, aber mal sehen... Mal sehen was? Dass das Leben vorbeikommt? Der Traumtyp vorbeischaut? Das Jobangebot hereinschneit? Zum Glück muss die Jugend noch keine wichtigen Entscheidungen treffen. Man mag sich nicht vorstellen, wie das später funktionieren soll. Schaffen sie doch jetzt schon bei Kleinigkeiten keine klaren Ansagen. Zum Beispiel, wo und wann sie abends abzuholen sind. „Da schick ich Euch dann noch ’ne Whatsapp.“ Wenn es denn eine wäre! Da kommen mindestens zehn, und hinterher weiß man immer noch nicht, wo wann wie viele Kinder aufzugabeln sind oder ob sie nicht doch erst noch woanders hingehen.

          Ein normales Bedürfnis junger Menschen

          Wer diesen Schwarm lenkt, ist nicht erkennbar. Früher hat die Gruppe freitags in der großen Pause gemeinsam beschlossen, dass man sich abends um 20 Uhr beim Bernd trifft. Das hat man dann gemacht. Heute beginnt die Entscheidungsfindung Tage vorher. Man könnte zum Kai oder zur Anna, ins Kino oder in einen Club. So wabert es ziellos von Smartphone zu Smartphone. Bis die Kinder freitagabends das Haus verlassen, ohne zu wissen, wohin. Ist es Zufall, wo der orientierungslos herumschwirrende Schwarm an dem Abend landet? Oder sitzt da einer am Whatsapp-Schalter und lenkt die Herde unauffällig? Gelingt es Einzelnen, die Gruppe zu manipulieren? Wahrscheinlich schon.

          Sozialforscher haben festgestellt, dass unter den Jugendlichen die „The-winner-takes-it-all-Mentalität“ steigt. So formuliert es der Soziologieprofessor Heinz Bude. Jeder will für sich das Beste herausholen, hat immer mehrere Eisen im Feuer. Lässt alles und alle im Vagen, um im richtigen Augenblick den Schwarm zu dirigieren, sich die beste Alternative herauszupicken.

          Führen Whatsapp & Co. also direkt ins Verderben? Natürlich nicht, widerspricht Bude: „Whatsapp trifft ein normales Bedürfnis junger Menschen.“ Jede Generation versuche sich abzusetzen von den Alten. „Es ist ihre Kommunikationsart, mit neuen Regeln, einer anderen Logik, mit Anschluss- und Ausschluss-Funktionen, wie man sie immer in Peer-Groups findet. Dass da jetzt lauter Autisten heranwachsen, sehe ich nicht.“ Es ist also normal, das Gedüddel, das ist ja mal beruhigend für Eltern. Nerven tut es trotzdem.

          „Ihr werdet alt, Mama“: Schülerin Jule (14) antwortet auf die Kritik ihrer Mutter

          Es ist immer dasselbe mit Mama: „Wann kommt ihr wieder?“, fragt sie. „Weiß ich noch nicht, ich schreibe euch dann auf Whatsapp.“ „Wieso weißt du das noch nicht? Könnte ihr nicht einmal was im Voraus planen?“ So oder so ähnlich läuft es jedes Mal, wenn ich zum Handballspiel fahre oder jemanden treffe.

          Immer dieses Rumgemache, wann ich wiederkomme, ob wir das nicht früher klären könnten oder ich einfach anrufen könnte. Oft kommt noch: „Ich muss mich doch drauf einstellen, wann ich euch abholen soll/wann ich kochen soll/wann du zu Hause bist.“

          Nein, das musst du nicht im Voraus wissen, das nennt man Spontaneität! Du kannst einfach auf Whatsapp gehen und schauen, was ich schreibe. Über Oma und Opa, eure Eltern, sagt ihr, dass sie alt werden, in ihren alten Gewohnheiten verharren, alles genau planen wollen.

          Dabei seid ihr genauso: Ihr werdet alt, Mama! Ihr seid unspontan, noch schlimmer: Ihr wollt gar nicht spontan sein, haltet nichts davon, dass ich euch eine Nachricht schicke – ihr wollt lieber einen Anruf mit den Worten „in x Minuten bin ich bei y, komm‘ du um z nach q“. Aber wieso soll ich anrufen? Das kostet Geld, Whatsapp nicht.

          Und damit ihr es endlich mal kapiert: Wir gehen nicht nur auf Whatsapp, wenn wir eine Nachricht bekommen haben, sondern auch, um zu gucken, ob jemand sein Bild, seinen Status geändert hat. Ob jemand, von dem man sich eine Antwort erhofft, online war. Wenn einem die Eltern dann dauernd sagen „Jetzt leg doch mal das Handy weg“, nervt das nur: Ich will eben in Kontakt sein mit den anderen. Es geht nicht darum, dass man süchtig ist von Whatsapp – wenn, dann ist man „süchtig“ nach den Menschen, mit denen man schreibt.

          Wenn die Eltern dann darüber lachen, dass man sowieso nur „hahaha“ oder „hihihihi“ schreibt, ist vollends klar, dass sie keine Ahnung haben. Merkt euch das: In Gruppenchats werden Hausaufgaben geklärt, es wird gelernt, es werden kreative Ideen gefunden (für Abschlussfeiern, Geschenke und vieles mehr). In Einzelchats führen wir einfach private Gespräche, und nur weil wir vielleicht mehr lachen als die alten Eltern und das auch zum Ausdruck bringen mit „hahaha“, machen die sich gleich darüber lustig, anstatt zuzusehen, dass sie selbst mehr lachen: Denn Lachen ist gesund!

          Wenn die Eltern sagen, dass das alles nichts bringt, dass es Zeitverschwendung ist und dass man lieber lesen, lernen, putzen, die Spülmaschine ausräumen oder mit Menschen reden soll, dann frage ich mich: Wieso versteht ihr nicht, dass wir es schaffen, auf Whatsapp zu sein und gleichzeitig die Hausaufgaben zu machen? Und habt ihr früher, wenn ihr mit Freunden geredet habt, gleichzeitig im Haushalt geholfen?

          Wenn wir am Handy sind, ist das unsere Freizeit. Wir schaffen es trotzdem, den Rest zu erledigen. Denn Zeit hat man nicht für etwas, sondern nimmt man sich für etwas. Und bei Whatsapp verhält es sich so: Man nimmt sich nicht die Zeit für etwas, sondern für jemanden. Man geht auf Whatsapp, um mit Menschen zu kommunizieren: Das ist nicht „Düddeln“ oder „Zeitverschwendung“.

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