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Digitale Kontaktpflege : Macht Whatsapp unsere Kinder doof?

Jede Kleinigkeit im Teenie-Leben produziert heute Unmengen an digitalem Müll Bild: Illustration F.A.S.

Früher musste man sich verbindlich verabreden. Heute ist alles immer im Fluss. Das ist der Fluch der Jungen.

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          Ist Mark Zuckerberg verrückt geworden? 19 Milliarden Dollar legt der Facebook-Chef für Whatsapp hin. 19 Milliarden - für eine Internetklitsche mit 55 Mitarbeitern. Die nichts können, so hat Mitgründer Jan Koum gestanden, außer Textnachrichten übermitteln. Für das Geld könnte man zweimal den Modekonzern Hugo Boss kaufen oder den Frankfurter Flughafen und ProSiebenSat1 zusammen.

          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun mag Zuckerberg ein Kauz sein, geschäftstüchtig aber in jedem Fall: Der Mann weiß, was er tut. Whatsapp ist ja auch ein irres Phänomen; sensationell praktisch und so einfach zu bedienen, dass jedes Kind sofort losdüddeln kann. Das macht es zur Hölle für uns, die Eltern. Jede Mutter, jeder Vater kennt das leise Summen der Smartphones, das einsetzt, bevor die Kinder das Bett morgens verlassen, und das erst endet, wenn sie nachts erschöpft einschlafen. „Hallo, weiß jemand, ob das Training heute Abend ausfällt?“, fragt morgens ein Mädchen. „Nee, nichts gehört“, schnattert die Nächste. „Oh, nein, nicht schon wieder“, stöhnt die Torfrau. „Hab eh keine Lust“, die Nächste. So geht es ewig weiter. Bis kurz vor Trainingsbeginn ist natürlich nichts geklärt. Aber das Smartphone der Tochter hat 100 Mal gesummt, sie hat mindestens ebenso häufig in die Tasten gehauen. Wegen eines einzigen Trainings! Früher hing da ein Zettel an der Turnhalle: „Training fällt aus.“ Heute zieht jeder Pups digitale Endlosschleifen durch die Teenie-Welt.

          Welch ein Wahn! Wer ein Smartphone besitzt, und das sind fast alle Jugendlichen, legt es kaum mehr aus der Hand. Es ist ständiger Begleiter, bei Hausaufgaben, Kuchenbacken, Abendessen. Es ist ihr Fenster zur Welt. Unentwegt blinkt das Whatsapp-Bildchen grün, um den Eingang neuer Nachrichten zu verkünden. Irgendeiner hat immer eine Frage, und sei es nur zu den Hausaufgaben: „Wer hat PoWi verstanden?“ „Die Heranwachsenden konzentrieren sich auf nichts mehr richtig“, warnt daher der Soziologe Ulrich Oevermann von der Universität Frankfurt. „Das macht es für sie später so schwer, sich zu entscheiden – denn dafür müssten sie mal in Ruhe nachgedacht haben.“ Denken fällt aus, die Ruhe fehlt.

          Wo soll sie auch herkommen? Unter dem ständigen Gedüddel verlieren Kinder die Fähigkeit, sich zu entscheiden, klare Vereinbarungen zu treffen. Whatsapp ist die digitale Antwort auf die Generation „Maybe“, die sich zu keinem Ja oder Nein durchringen kann, die stets zaudert und zögert. Zu der Generation zählt gemeinhin jeder zwischen 20 und 30 Jahren. Alle, die sich nie festlegen wollen – auf eine Meinung, einen Partner, einen Beruf, einen Lebensentwurf. Es könnte ja noch was Besseres um die Ecke kommen.

          Jetzt beginnt das Elend früher: Die Generation Vielleicht wird immer jünger. Whatsapp & Co erreichen die ganz Jungen: Schon in der fünften Klasse wird gechattet, da sind die Kinder gerade mal zehn Jahre alt und permanent „on“, also online. Ihnen ist eine E-Mail zu umständlich, eine SMS zu teuer, das Telefon altertümlich.

          Sie bilden diverse Gruppen, um Banalitäten austauschen, geheime Botschaften oder Praktisches, ohne dass andere mitlesen können: Da gibt es eine Gruppe für die Klasse, eine für die Fußballmannschaft, eine für die Bläsergruppe. Dazu kommen, für Außenstehende recht unübersichtlich, diverse Untergruppen: Die Jungs in der Klasse schließen sich zusammen, ebenso die Mädchen oder nur ein Teil der Mädchen; die Coolen, die Sportlichen, die besten Freundinnen. Ein Kind ist meist in ein Dutzend verschiedener Gruppen involviert. Wer nicht dabei ist, hat Pech. Ist raus.

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