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Die Zalando-Boys : Ein Trio mischt den Handel auf

Die Samwers: Die Brüder Marc, Oliver und Alexander (von links) Bild: Dieter Mayr / Agentur Focus

Die Samwer-Brüder wurden mit Klingeltönen Millionäre - und gründen heute Online-Shop nach Online-Shop. Mit Mode, Möbeln und Elektronik entsteht ein Imperium im Netz: 75 Firmen mit 25.000 Mitarbeitern.

          5 Min.

          Oliver Samwer bezeichnet sich gerne als „Bob, der Baumeister“. Nur baut er keine Häuser, Straßen oder Autos, sondern zieht Internet-Firmen hoch, und zwar reihenweise. Virtuelle Warenhäuser sind das, die sich in Windeseile ausbreiten wie Zalando, das nach nur fünf Jahren Europas führender Modeanbieter im Netz ist.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das macht Samwer zum Schrecken des Einzelhandels. Denn ihm und seinen beiden Brüdern Marc und Alexander fliegt zu, was die Händler verlieren - Kunden, Märkte, Milliardenumsätze. Das Trio krallt sich jede Ware, die sich online vertreiben lässt: Möbel, Schuhe und Mode, Flirts, Spiele und seit neustem auch Bankkredite. Und das alles ohne eigene Geschäfte, ohne 1a-Lage, unbemerkt von der Öffentlichkeit. Dem Publikum sind die Samwer-Brüder allenfalls in Erinnerung als die drei verrückten Jungunternehmer, die vor zehn Jahren mit Klingeltönen (Jamba) Millionäre wurden.

          „Es gibt weltweit nur drei Internet-Firmen: Amazon, Alibaba und uns“

          Mittlerweile aber haben sie ein Internet-Imperium aufgebaut, mit dem sie den Einzelhandel umpflügen könnten - nicht nur in Deutschland und Europa, sondern in Russland, Lateinamerika und Südostasien, sogar in Teilen Afrikas. Nichts Geringeres haben sie vor. Die Samwers haben Ikea den Kampf angesagt, messen sich an Amazon, wollen H&M zum Zwerg machen. Solche Losungen gibt Oliver Samwer, der Kopf des Clans, vor. Ob Hybris oder nicht, die Dimensionen, in denen er denkt, sind klar: „Es gibt weltweit nur drei Internet-Firmen: Amazon, das chinesische Alibaba und uns.“

          Wobei Amazon mehr als 60 Milliarden Dollar Umsatz macht. Da reicht Samwers Konglomerat noch lange nicht ran, auch wenn er vage von „mehreren Milliarden“ Erlösen spricht. Die drei Brüder, die am Starnberger See residieren, steuern ihre Firmen von Berlin Mitte aus. Dort sitzt die Zentrale, „Rocket Internet“, und produziert die Internetklitschen am Fließband. 75 Startups mit 25.000 Mitarbeitern breiten sich momentan in 40 Ländern aus. „In vielen Ländern sind wir Marktführer“, tönt Samwer. Auf engem Raum quetschen die Neugründungen sich in einem unscheinbaren Berliner Bürogebäude, ein Einzelzimmer hat nicht mal Rocket-Geschäftsführer Alexander Kudlich.

          Understatement und immer das gleiche Prinzip

          Prunk und Protz sind verboten, die Einrichtung ist spartanisch („Alles Ikea“), eine saubere Kaffeetasse Luxus. Das Understatement ist gewollt. Die Jungs, die hier starten, sollen sich nicht fühlen wie Krösus. Das Prinzip, nach dem sie vorgehen, ist immer gleich, ob Zalando (Mode) oder Home24 (Möbel), ob Lendico (Bankkredite) oder Glossybox (Kosmetik): Sie suchen erfolgreiche Geschäftsideen in Amerika (dort sitzen die Erfinder, die „Daniel Düsentriebs“, wie Samwer sie nennt) und übertragen sie auf Europa. In Berlin dürfen sich dann zwei, drei junge Burschen (oder auch mal ein Mädel) beweisen - die Besten der Besten, von renommierten Universitäten (St. Gallen, WHU, Kellogg), mit Erfahrung im Banking und drei, vier Jahren McKinsey auf dem Buckel.

          Die Jungspunde tragen Jeans, Hemd und Drei-Tages-Bart, nennen sich „Gründer“ und klotzen los. Die nötigen Millionen spendieren die Samwers, allerdings nicht sie allein. Den Großteil besorgen sie sich bei den Milliardären dieser Welt. Andere von ihren Ideen begeistern und Geld lockermachen, das beherrschen die Brüder. Eine Milliarde Dollar haben sie allein im ersten Halbjahr 2013 eingesammelt. Die stecken sie vor allem in Werbung, IT und Logistik. Es muss richtig knallen, damit die Umsätze in die Höhe schießen. Erst in einem Land, dann in zweien, fünfen oder in zehn - je schneller, desto besser.

          Zalando zaubert sich an die Börse
          Zalando zaubert sich an die Börse : Bild: F.A.Z.

          Zalando hat nach nur vier Jahren die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro überschritten. Verluste werden toleriert - das hat Amazon jahrelang auch so gemacht. Nach ein paar Jahren steigen die Samwers dann aus. „Wir geben nur Starthilfe, bis die Unternehmen flügge sind“, sagt Kudlich. Von Zalando hat Rocket Internet sich bereits getrennt. Die Samwer-Brüder selbst sind über ihren European Founders Fund weiterhin beteiligt und warten auf den Geldregen beim „Exit“. Früher war das meist der Verkauf an das kopierte Original in Amerika. Bei Zalando wird erstmals eifrig an einem Börsengang gewerkelt.

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