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Interview : „Die Cebit steht vor einem Paradigmenwechsel“

  • Aktualisiert am

Vertrackte Aufgabe für Ernst Raue Bild: DPA

Ernst Raue ist im Vorstand der Deutschen Messe AG für die Cebit zuständig. Er steht vor der verzwickten Aufgabe, die größte Computermesse der Welt zu reformieren. Sogar über einen Auftritt bei „Second Life“ denkt er nach.

          Ernst Raue ist im Vorstand der Deutschen Messe AG für die Cebit zuständig. Der Manager reist rastlos um die Welt, denn er steht vor der verzwickten Aufgabe, die größte Computermesse der Welt zu reformieren. Im F.A.Z.-Interview berichtet er über die Lage der Cebit.

          Herr Raue, die Cebit hat viele große Aussteller verloren. Unternehmen wie Nokia und Motorola fehlen in diesem Jahr. Schrumpft sich die Messe gesund?

          Wir sind in diesem Jahr gar nicht so klein geworden, wie ich noch Anfang Dezember erwartet habe. Da dachte ich, dass wir deutliche Einbußen haben werden. Diese Tendenz hat sich aber nicht fortgesetzt, und es sind auch einige Unternehmen zurückgekommen. Wir sind immer noch die größte Messe für Informationstechnologie der Welt. Sie spielt in einer eigenen Liga.

          Sind Sie denn ausgebucht?

          Wir sind – bis auf die Halle 27 – praktisch ausgebucht. Es sind 280.000 Quadratmeter belegt.

          Es wird gemunkelt, die Messe würde die Aussteller mit Rabatten ködern.

          Wenn wir damit anfangen würden, hätten wir sofort ein großes Problem. Die Preise sind mit dem Markt abgestimmt, und echte Rabatte können wir nicht geben. Aber wenn uns ein Kunde gut behandelt, werden auch wir ihn gut behandeln. Dabei geht es aber eher um die Frage, wie leere Ecken den Hallen genutzt werden können. Die Entscheidung, auf eine Messe zu gehen, hängt aber garantiert nicht daran, wie hoch der Quadratmeterpreis ist. Der macht nur rund 20 Prozent der Kosten aus.

          Von vielen in der Branche wird beklagt, dass die Messe ihren Fokus verloren habe. Wofür steht die Cebit heute?

          Die Cebit ist die Veranstaltung, die die von Konvergenz geprägte digitale Welt abbildet. Sie ist aus einer Evolution entstanden. Es ist unmöglich, so etwas heute nachzubauen. Man darf zudem nicht übersehen: Der größte Bereich der Messe sind digitale Lösungen für Unternehmen und ihre Geschäftsprozesse sowie für die öffentliche Verwaltung. Dort wird auch das meiste Geschäft gemacht.

          Aber die Cebit ist sehr stark in die verbrauchernahen Segmente wie die Unterhaltungselektronik abgedriftet.

          Das ist aber nur die Wahrnehmung von außen. Neue Handys und Digitalkameras sind viel publikumsträchtiger und leichter abzubilden als Lösungen für Geschäftsprozesse. Hier aber liegt weiter der Schwerpunkt der Messe. Um neue Handys an die Kunden zu bringen, brauchen sie keine Messe, sondern Handyshops. Wenn sie aber über Technologie diskutieren und das Zusammenspiel von Software und Inhalten auf dem Mobiltelefon verstehen wollen, kommen sie zur Cebit. Wir zeigen die Dinge im Zusammenhang.

          Also wollen Sie die berühmten „Plastiktütenträger“, die Privatkunden auf der Suche nach Werbegeschenken, nicht mehr auf der Messe sehen?

          Uns ist jeder willkommen. Aber wir haben die Eintrittspreise von 38 Euro für die Tageskarte und 71 Euro für die Dauerkarte an der Messekasse auf Wunsch der Industrie auf diesem hohen Niveau belassen. So erfolgt eine gewisse Vorsortierung der Besucher.

          Die Messe soll sich aber verändern. An welchen Projekten wird gearbeitet?

          Die Messe steht vor einem Paradigmenwechsel von der Produkt- zur Nutzenorientierung. Wir werden künftig eine neue Definition für das Messegeschäft bekommen. Dann wird sich zum Beispiel der Erfolg einer Veranstaltung nicht mehr in der Zahl der verkauften Quadratmeter ausdrücken lassen, sondern im Nutzen für Besucher und Aussteller.

          Was bedeutet das?

          Wir werden viel stärker auf die Gemeinschaften mit gleichen Interessen, die Communities, setzen und diese sehr viel besser betreuen. Diese Gemeinschaften bestimmen die Entwicklung des Geschäfts. Die müssen wir bedienen. Das zeigt sich in diesem Jahr schon bei Themenbereichen wie Sicherheit, Banking oder Navigation. Wir wollen hier Komplettlösungen zeigen – die so nirgendwo anders zu sehen sind. Die Cebit wird sich immer stärker zu einem solchen Treffpunkt für Communities entwickeln.

          Reicht es dann, wenn sich diese Communities einmal im Jahr treffen?

          Nein. Aber auch daran arbeiten wir. Wir werden die Interessengruppen das ganze Jahr hindurch begleiten und im Internet zusammenbringen. Das soll in spätestens drei Jahren funktionieren. Die Cebit wird dadurch zu einem permanenten Prozess. Wir werden Angebot und Nachfrage viel besser zusammenbringen als bisher und dem Marktplatz Cebit sehr viel effizienter gestalten.

          Also eine virtuelle Cebit für jeden Tag?

          So ungefähr.

          Als Besucher kann ich mir dann im Internet meine permanente Cebit zusammenstellen?

          Genau das ist die Richtung, in die wir gehen werden. Dafür haben wir 30 Projekte aufgesetzt, und jedes Jahr wird etwas Neues hinzukommen.

          Dann können Sie die Messe ja gleich in der virtuellen Welt von Second Life veranstalten.

          Auch über einen Auftritt in Second Life wird nachgedacht. Daran arbeiten unsere Leute.

          Können Sie weitere Beispiele für solche Projekte geben?

          Vom Jahr 2008 an wird es eine Vollerhebung der Besucherdaten geben, die dann unter anderem den Ausstellern zur Verfügung stehen wird. Das konnten wir bisher nicht machen, da wir Angst vor langen Schlangen am Eingang der Messe hatten. Jetzt werden wir es über das Internet versuchen.

          Was bringt das?

          Wir wissen dann ziemlich genau, was der Besucher auf der Messe sucht, und können ihn viel besser mit den entsprechenden Ausstellern zusammenbringen, die genau die Lösungen, Software oder Beratung zu seiner Fragestellung anbieten. Im Jahr 2008 wissen die Unternehmen im besten Fall schon vorher, wer auf den Stand kommt und welche Fragen er hat. Darauf können sie sich dann vorbereiten.

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