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Der lange Weg eines Start-ups (1) : Im Brutkasten der Internetwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Die Gründer: Stefan Decker, Oliver Bronner und Marc Linneweber (von rechts) Bild: Matthias Lüdecke

In Berlin schlägt das Herz der deutschen Szene für Internetgründungen. Immer mehr Menschen wollen dort mit einem Start-up erfolgreich sein. Auch das Unternehmen Stylemarks gehört dazu.

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          Die Stimmung im Brutkasten ist konzentriert. Neun Mitarbeiter des jungen Unternehmens Stylemarks sitzen an diesem Tag im April um ihre Schreibtische in einem Bürokomplex am Berliner Ostbahnhof und arbeiten an dem Produkt, mit dem sie schon in wenigen Wochen die ersten Kunden gewinnen wollen. Zu zweit oder allein blicken sie auf ihre Bildschirme - vorne die Marketingabteilung, in der Mitte die Entwickler und Gestalter und ganz am Ende Geschäftsführer Oliver Bronner. Während die anderen Mitarbeiter ab und zu leise miteinander reden, spricht Bronner lauter. Er steckt gerade in einer Online-Telefonkonferenz mit seinem Mitgründer Andrej Bezyazychniy in St. Petersburg. Auf Englisch versuchen sie ihrem gemeinsamen Ziel wieder etwas näher zu kommen: mit ihrem Marktplatz für gebrauchte Designkleidung oder Designmöbel ein erfolgreiches Internet-Startup zu werden.

          Es gibt in Berlin derzeit viele Unternehmen wie Stylemarks. In der Hauptstadt schlägt das Herz der deutschen Szene für Internetgründungen. Nicht erst seitdem die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Anfang März die Unterstützung von Internetgründungen mit einem wirkungsvollen Besuch bei zwei deutschen Start-ups effektvoll in Szene gesetzt hat, ist Berlin für Ideen rund um die Internetökonomie attraktiv. Angezogen von Erfolgsgeschichten wie dem Online-Händler Zalando, gründen hier immer mehr junge, gut ausgebildete Menschen mit einer Idee neue Unternehmen. Sie steigen in den Online-Handel ein oder entwickeln Anwendungen für Smartphones und Tablets - von der sozialen Musikplattform „Soundcloud“ über die Empfehlungsapp „Amen“ bis zu den mobilen Spielen des Entwicklers Wooga.

          Das Projekt: Stylemarks will den Online-Handel mit Designartikeln revolutionieren.
          Das Projekt: Stylemarks will den Online-Handel mit Designartikeln revolutionieren. : Bild: Matthias Lüdecke

          Stylemarks ist auf der anderen Seite aber auch etwas Besonderes: Seit Anfang März gehört das Team um die vier Gründer Bronner, Bezyazychniy sowie Marc Linneweber und Stefan Decker zum Inkubator „Hubraum“, den die Deutsche Telekom vor gut einem Jahr ins Leben gerufen hat. Solche Internetbrutkästen wollen wie die gleichnamigen medizinischen Geräte gute Ideen so lange aufpäppeln, bis sie reif genug sind, um den Markt zu erobern. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung begleitet Stylemarks von nun an in loser Folge bei seinem Reifeprozess und wird dabei versuchen, den Weg eines Start-ups zu Erfolg oder Misserfolg nachzuzeichnen.

          Wer Geschäftsführer Bronner zuhört, der merkt schnell: Er ist davon überzeugt, dass es für sein Unternehmen eigentlich nur eine Richtung geben kann: nach oben. Das sollen die Zahlen belegen, die Bronner nennt: 20 von 1000 oder 16 von 16.000. Seit Bronner seine drei Mitgründer vor gut einem Jahr kennenlernte, sind sie mit ihren Marktplatz für Designprodukte schon bei einigen Gründerwettbewerben angetreten und haben oft vordere Plätze belegt. Und das, obwohl sie damals noch nicht viel mehr als einen ersten Prototyp der eigentlich geplanten Anwendung vorweisen konnten, die irgendwann über eine Umsatzbeteiligung an den Käufen und Verkäufen Geld verdienen soll.

          Meilensteine: An der Tafel kleben die Aufgaben, daneben das Erreichte.
          Meilensteine: An der Tafel kleben die Aufgaben, daneben das Erreichte. : Bild: Matthias Lüdecke

          Schließlich überzeugten sie auch die Macher des Hubraums. Freien Büroraum, kostenlose Getränke und Frühstück, aber vor allem direkten Zugang zu erfahrenen Internetunternehmern bietet die Deutsche Telekom Stylemarks und drei anderen Start-ups. Außerdem hat sie sich an den Unternehmen als Investor beteiligt - bis zu 300.000 Euro stehen je Start-up zur Verfügung, damit diese ihre Geschäftsideen weiterentwickeln können. Mit wie viel Geld die Telekom bei Stylemarks investiert ist, gehört dabei zu den Geschäftsgeheimnissen. Inzwischen ist die Stylemarks-App schon ein deutliches Stück weg von der reinen Idee. Das zeigt eine sogenannte Kanban-Tafel, die an der Wand neben den Doppelschreibtischen hängt. Auf der Tafel haften unter Überschriften wie „Goals“, „To Dos“ oder „Work in Progress“ giftgrüne und gelbe Klebezettel mit den einzelnen Aufgaben, die zu erledigen sind. Ist ein Problem zumindest zum Teil gelöst, wandern die Zettel weiter nach rechts. Komplett überwundene Schwierigkeiten landen schließlich rechts neben der Tafel. Inzwischen ist die Wand dort schon gut gefüllt.

          „Wir stehen jetzt bei 80 Prozent“, sagt Geschäftsführer Bronner. Dass aber nicht alles reibungslos verläuft, daran erinnern ihn einige rote Klebezettel auf der Kanban-Tafel, die verdeutlichen, an welchen Punkten im Entwicklungsprozess es noch hakt. Diese Blockaden müssen Bronner und seine Mitarbeiter bald lösen, weil der Start ihrer Anwendung noch im Mai erfolgen soll. Sonst droht das „E-Commerce-Sommerloch“, wie Bronner es nennt. In den Sommermonaten beschäftigen sich Bronners potentielle Kunden weniger mit ihren internetfähigen mobilen Geräten und damit mit seiner Anwendung.

          Entspannung: Im Inkubator gehört Kickern zum Alltag.
          Entspannung: Im Inkubator gehört Kickern zum Alltag. : Bild: Matthias Lüdecke

          „Wir brauchen die drei Monate bis August, um das Produkt danach am Markt weiterzuentwickeln“, sagt Bronner. Das ist auch die insgesamt größte Sorge des 32 Jahre alten Geschäftsführers: dass letztlich alle Pläne, die er und seine drei Mitstreiter gefasst haben, zu optimistisch kalkuliert sind. „Momentan wäre es das Schlimmste, wenn wir gewisse Ziele nicht erreichen.“ Damit das nicht passiert, nehmen gerade alle Mitarbeiter lange Arbeitszeiten in Kauf. Zehn bis elf Stunden an sechs Tagen in der Woche sind die Regel bei den Angestellten, die vier Geschäftsführer bleiben länger, um ihre Vision voranzutreiben, der Online-Handelsbranche einen „game changer“ hinzuzufügen - eine Anwendung, die die Regeln auf dem Markt neu diktiert und ihn damit umkrempelt.

          Als nächster Schritt muss die Stylemarks-Anwendung überhaupt aber erst einmal diesen Markt erreichen - nicht irgendwie, sondern so, dass sie funktioniert und erste Nutzer gewinnt. „Done is better than perfect“ steht auf einem DIN-A4-Blatt, das über einem der Schreibtische im Inkubator hängt - es muss nicht perfekt sein, aber es muss getan werden.

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