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Vor dem Börsengang : Facebook kommt

Bild: Illustration Jan Bazing

Facebook macht ernst und geht an die Börse. Das Unternehmen will Milliarden einsammeln. Es wird die Sensation des Jahres. So funktioniert der Börsengang.

          Drei magische Worte bewegen derzeit die Börsianer in aller Welt, sie begeistern Analysten und sie elektrisieren Privatanleger. Die Worte lauten im Original: „Intention to float“.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nüchtern übersetzt, bedeutet dies nur so viel wie „Absicht, an die Börse zu gehen“ - alltäglicher Fachjargon von Investmentbankern eben. Für die Wall Street aber ist es dieses Mal weit mehr als das. Denn die drei Worte signalisieren den Startschuss für den wohl größten Börsengang einer Internetfirma aller Zeiten: Facebook macht ernst. Schon Anfang Februar hatte das soziale Netzwerk seine Börsenpläne bei der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC angemeldet, nun läutet es die heiße Phase vor dem Tag der Erstnotiz ein.

          Das heißt konkret: Erstmals können Anleger abschätzen, was sie eine einzelne Facebook-Aktie in etwa kosten würde. Die Preisspanne haben Gründer Mark Zuckerberg und sein Vorstand auf einen Wert zwischen 28 und 35 Dollar festgelegt. Im besten Fall könnte dies am 18. Mai - dem Tag, an dem Facebook voraussichtlich an die Börse geht - einen Emissionserlös von bis zu 13,6 Milliarden Dollar einbringen.

          Erhöhter Kapitalstock

          Nach Schätzungen würde das soziale Netzwerk dann zwischen 77 und 96 Milliarden Dollar wert sein. Dies wäre mindestens rund dreimal so viel wie der Suchmaschinenbetreiber Google bei seinem Börsendebüt 2004. So beeindruckend diese Zahlen auch klingen, zwei Fragen drängen sich auf: Was passiert eigentlich mit den Emissionserlösen? Und wie kommt Zuckerberg auf die Preisspanne zwischen 28 und 35 Dollar pro Aktie?

          Zunächst zu den Erlösen: Sie gehen zu Teilen direkt an die bisherigen Eigentümer. Facebook-Gründer Zuckerberg beispielsweise wird die Transaktion voraussichtlich eine Milliarde Dollar einbringen. Zum anderen fließen sie direkt dem Unternehmen zu. Denn zum Börsengang gibt Facebook eine hohe Zahl zusätzlicher Anteilsscheine aus, erhöht also seinen Kapitalstock. Rund sechs Milliarden Dollar könnte das Unternehmen auf diese Weise einnehmen - Geld, das Facebook für Investitionen in neue Rechnerparks und für Zukäufe verwenden könnte.

          Standardisiertes Muster

          Entscheidungen, die wohlüberlegt sein müssen: genau wie der Beschluss über die Preisspanne für die Aktie. Er steht am Abschluss eines komplexen Prozesses, der sich über Monate hinzieht. „Das Verfahren läuft nach einem standardisierten Muster ab“, sagt Christoph Stanger, Leiter Aktienemissionen Deutschland bei der Investmentbank Goldman Sachs.

          Facebook wird ein deutlich höherer Startwert zugetraut als beim Börsengang von Google Bilderstrecke

          Bei Facebook dürfte der Ablauf in etwa folgender gewesen sein: Zu Anfang, Monate vor der Neuemission, lädt der Vorstand verschiedene Banken zum Stelldichein. Ziel der Konsultationen: die Banken bestimmen, die den Börsengang koordinieren sollen - die sogenannten Konsortialführer. Bei Facebook sind dies die amerikanischen Investmentbanken Morgan Stanley, JP Morgan und Goldman Sachs.

          Deren Aufgabe ist es nicht nur, mit einem Heer von Finanzfachleuten und Anwälten den Börsenprospekt auszuarbeiten. Sie stehen auch vor der kniffligen Herausforderung, die Preisspanne für die neue Aktie festzulegen. Dabei spielt Erfahrung eine Rolle, aber auch das vorsichtige Abklopfen des Marktumfeldes: Im Hintergrund tauscht man sich mit Analysten aus. Welche Chancen räumen sie dem Unternehmen an der Börse ein? Bei Facebook offensichtlich hervorragende: Das erklärt die ambitionierte Preisvorgabe.

          Der Vorstand geht auf Tour

          Dann startet das, was Börsianer im Fachjargon als „Roadshow“ bezeichnen. Anders ausgedrückt: Der Vorstand geht auf Tour. Bei Facebook soll es ab morgen soweit sein, und vor allem für Finanzvorstand David Ebersman dürfte es eine anstrengende Zeit werden. Denn in den Tagen bis zum Börsengang muss er nun das Geschäftsmodell des sozialen Netzwerks vor Großinvestoren verteidigen: Nach einem engen Zeitplan trifft er Vertreter von Banken und Fondsgesellschaften, wirbt um Vertrauen der potentiellen Aktionäre.

          Die Atmosphäre wird dabei nicht nur kuschelig sein: Wie will Facebook, das bereits über die gewaltige Zahl von 900 Millionen Nutzern verfügt, in Zukunft weiter wachsen? Wie will es den Umsatz pro Nutzer, umgerechnet bislang nur magere 1,20 Euro pro Mitglied, steigern? Es sind Ebersmans Antworten auf diese Fragen, die darüber entscheiden, zu welchem Preis die Investoren einsteigen.

          Viele Unsicherheiten bei Aktien

          Kriterien, die auch jeder Privatanleger anlegen sollte: Denn der Kauf von Facebook-Aktien enthält viele Unsicherheiten. Nur wenn das Netzwerk in Zukunft mehr an seinen Nutzern verdient, dürfte sich langfristiger Börsenerfolg einstellen.

          Ans Ende der Gespräche schließt sich dann unmittelbar die sogenannte Zeichnungsphase an. Jeder Großinvestor muss sich jetzt entscheiden: Wie viele Facebook-Aktien möchte er? Und welchen Preis zwischen 28 und 35 Dollar pro Stück will er dafür zahlen? Alle diese Orders laufen bei den Konsortialbanken auf: Sie leiten daraus einen Einheitspreis ab - er entspricht dem Aktienkurs am Tag des Börsengangs. Und sie verteilen die Anteile an ihre Großkunden.

          Bei Facebook bleibt für die Prozedur nur wenig Zeit. Nach den Plänen muss sie bis zum 17. Mai abgeschlossen sein. Wenige Stunden später folgt die Überraschung: Erst kurz vor dem Börsengang am 18. Mai erfahren die Großinvestoren, wie viele Aktien sie erhalten. So schnell das auch geht: noch ist nicht sicher, ob sich der Einstieg auszahlt. Nur weil Zuckerberg mit dem Börsengang Milliarden macht, muss das für seine Aktionäre noch lange nicht gelten.

          Wo gibt es Facebook-Aktien?

          Den Schlüssel zu Facebook-Aktien halten insgesamt 33 Banken in den Händen. Sie sind für die Zuteilung der Anteilsscheine zuständig. Auch die Deutsche Bank mischt bei der Verteilung mit. Profitieren werden Privatanleger, die Facebook-Aktien kaufen möchten, davon wohl nicht. Üblicherweise haben sie bei Börsengängen dieser Dimension keine Chance. Im Zuteilungsverfahren werden nur Großinvestoren berücksichtigt. Amerikanische Medien berichten zwar, dass dortige Kleinanleger über Online-Wertpapierhändler wie E-Trade Aktien ordern könnten. Das dürfte aber für deutsche Investoren nicht möglich sein.

          Deutsche Anleger müssen sich also bis zum Tag des Börsengangs gedulden. Online-Broker wie Cortal Consors versprechen aber, dass sie Investoren die Aktie dann kurz nach Ordereingang ins Depot buchen könnten. Je höher die Umsätze am ersten Handelstag der Facebook-Aktie ausfallen, umso schneller geht dies. Beim Gang zur Bankfiliale müssen sich Anleger voraussichtlich länger gedulden.

          Einen Clou für Kleinanleger hält Facebook im Internet bereit: Unternehmenschef Zuckerberg präsentiert sich in einem Video seinen Investoren.

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