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Verpatzter Börsengang : Das Facebook-Fiasko

Bild: picture alliance / landov

Die Facebook-Aktie ist dramatisch abgestürzt, der Börsengang eine Enttäuschung. Wie konnte das passieren? Wir prüfen fünf Erklärungen auf ihre Stichhaltigkeit.

          4 Min.

          1. Mark Zuckerberg war zu gierig.

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Facebook-Gründer und Haupteigentümer Mark Zuckerberg wollte aus dem Börsengang das Maximum herausholen, so sehen das nun viele. Und es lässt sich nicht leugnen, dass der drittgrößte Börsengang in der amerikanischen Geschichte für ihn ein lohnendes Geschäft war. Aktien im Wert von rund 1,1 Milliarden Dollar schlug Zuckerberg beim Debüt seines Unternehmens am Kapitalmarkt vor gut einer Woche los.

          Der Aktienkurs seiner Firma aber befindet sich seitdem im freien Fall: Freitagabend notierte das Facebook-Papier bei weniger als 32 Dollar - binnen einer Woche ein Einbruch von mehr als 15 Prozent. Ein blamables Ergebnis. War das Zuckerbergs Schuld? Hätten er und andere Alteigentümer sich besser mit geringeren Erlösen zufriedengegeben?

          Mehr Bescheidenheit jedenfalls wäre gut gewesen. Denn ein Gefühl mögen neue Aktionäre gar nicht: dass ein Unternehmen versucht, sie über den Tisch zu ziehen. Darum vermeiden es Börsendebütanten üblicherweise, den Ausgabepreis für neue Aktien so hoch wie möglich anzusetzen. „Underpricing“ nennen Fachleute das Phänomen, das sich bei den meisten amerikanischen Börsengängen beobachten lässt. Danach legt am ersten Handelstag der Kurs einer Aktie klar zu, was bedeutet: Ein höherer Ausgabepreis wäre möglich gewesen. Die Unternehmen jedoch verzichten darauf bewusst. Zwar fließt dann weniger Geld in die Kasse, aber gleichzeitig stellen sie mit dem Kursplus ihre neuen Aktionäre zufrieden - und auf die sind sie bei zukünftigen Kapitalerhöhungen angewiesen.

          Facebook hat sich darum nicht geschert. Kurz vor dem Börsengang ließ Zuckerberg die Preisspanne für Facebook-Aktien erhöhen und beschloss, mehr Papiere auszugeben als ursprünglich geplant. Der Facebook-Chef war sich wohl absolut sicher, dass die Anleger der Aktie trotzdem nicht widerstehen könnten.

          2. Die Banken haben sich verrechnet.

          Von dem höheren Ausgabepreis hätten die Emissionsbanken Zuckerberg eigentlich abraten müssen. Vor allem auf den sogenannten Konsortialführer kommt es dabei an. Beim Facebook-Börsengang war dies die amerikanische Großbank Morgan Stanley. Deren Experten legten gemeinsam mit Facebook den Ausgabepreis für die Aktie fest. Eine Beratung, bei der sich die Bank wohl in der Tat vollkommen verkalkuliert hat. Denn schon am zweiten Handelstag fiel die Facebook-Aktie unter den Emissionskurs, die Nachfrage der Investoren war also weit schwächer als angenommen. Zwar heißt es jetzt häufig: Der hohe Preis sei keine Fehleinschätzung der Nachfrage gewesen, sondern Absicht. Schließlich können die Banken umso höhere Gebühren einstreichen, je höher der Börsenerlös eines Debütanten ausfällt. In Marketingpapieren brüsten sich die Institute zudem gerne damit, wie viele Milliarden sie für Börsenneulinge eingesammelt haben.

          Alles richtig. Aber noch viel wichtiger ist den Banken etwas anderes - ihre Reputation. Denn vor allem die garantiert, dass sie weiterhin Aufträge für Börsengänge erhalten. Nur ein reibungsloser Ablauf aktueller Deals sichert also zukünftiges Geschäft. Das weltweit beobachtete Facebook-Debüt wegen lukrativer Gebührensätze vor die Wand zu fahren dürfte darum kaum die Absicht von Morgan Stanley gewesen sein.

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