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Rechenzentrum im Eis : Facebook friert gerne

Die Kälte sorgt für billige Kühlung.

Vor etwas mehr als einem Jahr stand Petersen zusammen mit der aus Stockholm angereisten Wirtschaftsministerin und einem aus Kalifornien entsandten Facebook-Manager im Kulturhaus von Luleå. Im Rampenlicht verkündeten sie die Superlative, die danach über den Ticker der Nachrichtenagenturen liefen: Das Rechenzentrum werde das größte seiner Art in Europa sein und weltweit das nördlichste seiner Größenordnung. Es werde dank der niedrigen Durchschnittstemperatur von 1,3 Grad unter null weniger Strom zur Kühlung verbrauchen als die beiden bestehenden Serverfarmen von Facebook in Oregon und North Carolina. Und der Energiebedarf werde komplett aus Wasserkraft gedeckt. „Luleå ist heute eine stolze Stadt“, sagte Karl Petersen damals. Seine Stimme zitterte wie die eines Teenagers, so sehr rührte die als Liebeserklärung aufgenommene Investitionsentscheidung aus Kalifornien den Sozialdemokraten aus Schweden. Inzwischen hat er 1500 Facebook-Freunde. 2014 darf er nicht mehr kandidieren. „Aber bevor ich aufhöre“, verspricht Petersen, „treffe ich Mark noch persönlich!“

Warum sich der Konzern ausgerechnet für Luleå entschieden hat? Für eine Stadt der Schwerindustrie, die bis vor wenigen Jahren keine Zukunft mehr zu haben schien? Für eine Gegend, die außer Abenteurern und Naturliebhabern vor allem Reifenhersteller schätzen, weil sie hier sechs Monate im Jahr Testfahrten auf Schnee und Eis durchführen können? „Wir sind einer der am meisten gefragten Standorte in ganz Europa“, kontert Matz Engman solche Fragen. Er ist der Mann, der aus Luleå ein Objekt der Begierde gemacht hat. „Wir haben ein Paket für Investoren geschnürt“, so drückt sich der Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft selbst aus. Spätestens 2006 lag die Entwicklung in der Luft, sagt er, die zur Datenwolke und steigenden Nachfrage nach Rechnerkapazitäten führen würde.

Matz Engman

„Im Oktober 2009 war ich zum ersten Mal in der Facebook-Zentrale in Palo Alto“, berichtet Engman. „Die Verhandlungen liefen unter strengster Verschwiegenheit, nicht einmal Visitenkarten wurden ausgetauscht.“ Ein halbes Jahr vorher hatte Google den Bau eines neuen Rechenzentrums in Finnland angekündigt - mit denselben Argumenten, die auch für Luleå sprechen: Erdbebensicherheit, politische Stabilität, gut ausgebaute Datennetze. Eine im europäischen Vergleich hohe Dichte an Internetanschlüssen. Kalte Luft. Ein zuverlässiges Elektrizitätsnetz, für den Bedarf der Schwerindustrie ausgelegt, was eine um 70 Prozent geringere Generatorkapazität für Notfälle ermöglicht als in Amerika.

Und niedrige Strompreise. Fünfzehnmal auf 450 Kilometern wird der Lule-Fluss, von dem die Stadt ihren Namen hat, zur Stromerzeugung gestaut. Die Kraftwerke produzieren doppelt so viel Energie wie die Hoover-Talsperre am Colorado. „Das hat die Amerikaner beeindruckt“, sagt Engman.

Zeichnung der neuen Server-Farm vom Architekten

Nahe der Universität liegt der Wissenschaftspark Aurorum, den Fredrik Kallioniemi leitet. Wenn sich neue Firmen ansiedeln wollen, fragen sie ihn, ob sie das Rechenzentrum künftig aus dem Fenster sehen könnten. Sogar das sei ein Standortvorteil geworden, schwärmt Kallioniemi. Aber was, wenn Facebook untergeht? Er hält den Atem an, plötzlich hören die Studenten aufmerksam hin. Aber seine Antwort ist nicht melodramatisch, sondern pragmatisch - als ob der neue Freund ein ganz gewöhnlicher Investor wäre: „Dann wird sich für diese Halle ganz bestimmt ein neuer Käufer finden.“

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