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Internet : Facebook geht gegen Falschmeldungen vor

Der Facebook-Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg wies zunächst jegliche Verantwortung von sich und sagte, es sei eine „ziemlich verrückte Idee“, zu glauben, Falschmeldungen auf Facebook hätten das Wahlergebnis in irgendeiner Form beeinflusst. Bild: AFP

Facebook hat eine Reihe von Schritten angekündigt, die dabei helfen sollen, die Verbreitung von Falschmeldungen zu erschweren. Die Regierungskoalition will unterdessen härter gegen Facebook vorgehen.

          Wie viel Verantwortung hat das soziale Netzwerk Facebook für den Wahrheitsgehalt dessen, was auf seiner Seite steht? Das Unternehmen ist in jüngster Zeit wegen der Verbreitung von Falschmeldungen in Erklärungsnot geraten. Es wurde gemutmaßt, solche „Fake News“ könnten eine mitentscheidende Rolle bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen gespielt haben. Auf Facebook kursierten im Wahlkampf immer wieder Falschmeldungen, die Donald Trump in ein gutes Licht rückten, etwa dass der Papst ihn unterstützt. Der Facebook-Vorstandsvorsitzende Mark Zuckerberg wies zunächst jegliche Verantwortung von sich und sagte, es sei eine „ziemlich verrückte Idee“, zu glauben, Falschmeldungen auf Facebook hätten das Wahlergebnis in irgendeiner Form beeinflusst. Er hat auch in der Vergangenheit argumentiert, er sehe Facebook als Technologieunternehmen und nicht als Medienbetrieb.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Jetzt sieht er aber offenbar doch Handlungsbedarf. Facebook hat eine Reihe von Schritten angekündigt, die dabei helfen sollen, die Verbreitung von Falschmeldungen zu erschweren. Zuckerberg sagte, er verstehe Facebook zwar noch immer als Technologieunternehmen, sehe sich aber auch in der Verantwortung, mehr zu sein als ein „Nachrichtenverteiler“. In einem Test, der sich zunächst auf die Vereinigten Staaten beschränkt, will es Facebook seinen Nutzern jetzt erleichtern, Falschnachrichten zu melden. Außerdem spannt das Unternehmen externe Partner ein, darunter spezialisierte Faktenprüfer wie „Politifact“ und Nachrichtenorganisationen wie „Associated Press“. Wenn viele Facebook-Nutzer eine Nachricht als falsch melden, soll sie an diese Partner zur Prüfung weitergeleitet werden. Wird sie von den Organisationen als falsch identifiziert, soll sie auf Facebook als „strittig“ markiert werden. In dem Fall wird sie womöglich auch weniger prominent in der Nachrichtenleiste erscheinen. Nutzer, die sie trotzdem teilen wollen, werden mit einer Warnmeldung auf den umstrittenen Wahrheitsgehalt hingewiesen. Facebook will auch finanzielle Anreize für die Verbreitung von Falschmeldungen eliminieren, zum Beispiel indem als falsch identifizierte Geschichten nicht mehr beworben werden können.

          In Deutschland wird die Entscheidung, welche Inhalte auf Facebook stehen dürfen, ob gefälscht oder nicht, ob brutal oder kriminell, von mehr als 100 Mitarbeitern des Dienstleisters Arvato getroffen. Die Tochtergesellschaft von Bertelsmann kümmert sich im Auftrag Facebooks darum, gemeldete Inhalte zu überprüfen. An den Arbeitsbedingungen der Arvato-Mitarbeiter mehrt sich nun Kritik. Laut „SZ Magazin“, das sich auf interne Dokumente, Facebook-Regeln und Gespräche mit Arvato-Mitarbeitern beruft, fühlen sich viele dieser Beschäftigten traumatisiert. Sie müssten sich Bilder und Videos von drastischen Gewaltdarstellungen, Kinderpornografie oder Tierquälerei anschauen und innerhalb von acht Sekunden darüber entscheiden, ob das nach Ansicht des sozialen Netzwerks regelkonform ist oder nicht. Rund um die Welt werden jeden Tag mehr als eine Million Beiträge gemeldet, das hat Monika Bickert, die Leiterin der Facebook-Abteilung „Policy“ bestätigt. Die Arvato-Mitarbeiter sind freilich nicht die einzigen, die global solche Inhalte sichten. Die Vorwürfe, die sie anonym an ihren Auftraggeber Facebook richten, sind allerdings in dieser Dimension neu. Die Mitarbeiter fühlen sich unzureichend auf die belastende Aufgabe vorbereitet, wenngleich Facebook angibt, dass jeder Arvato-Mitarbeiter eine sechswöchige Schulung und ein vierwöchiges Mentoring-Training durchlaufe.

          Die Regierungskoalition will unterdessen härter gegen Facebook vorgehen. So kündigte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann im „Spiegel“ eine „härtere Gangart“ gegen Facebook an. Solche marktbeherrschenden Plattformen sollten gesetzlich verpflichtet werden, eine 24 Stunden erreichbare „Rechtsschutzstelle“ einzurichten. Wenn gemeldete Beiträge nicht innerhalb von 24 Stunden gelöscht würden, müsse Facebook mit Bußgeldern bis zu 500.000 Euro rechnen. Es sei aber „keine Meinungspolizei und keine Wahrheitskommission, schon gar keine privatwirtschaftliche“ beabsichtigt. Die Union forderte einen Transparenzbericht über die Löschteams. Die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Nadine Schön (CDU), sagte, Facebook müsse über die Anzahl der Mitarbeiter und die Löschkriterien informieren. Facebook sei schon jetzt gemäß Telemediengesetz zur Löschung von „Hass und Beleidigungen“ verpflichtet. Wenn Facebook dem nicht nachkomme, müsse das Telemediengesetz verschärft werden.

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