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Studien : Die digitale Amnesie

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Immer online - das verändert unser Denken. Bild: AP

Das Internet weiß alles, und das Smartphone liefert uns dieses Wissen jederzeit. Wir werden vergesslicher. Das hat nicht nur Nachteile.

          Wie hieß nochmal der Bösewicht aus dem neuen „James Bond“? Das weiß Wikipedia. Unsere Umweltministerin? Schnell gegoogelt. Die Hausnummer der Freundin? Steht im Adressbuch meines Handys. Alle paar Minuten geht der Griff zum Smartphone. Längst ist es zu unserem ständigen Begleiter geworden. Zwei Drittel der Westeuropäer besitzen eins. Unter den jungen Leuten zwischen 16 und 24 sind es sogar 84 Prozent.

          Was für Auswirkungen hat das auf unsere Psyche? Ist das gefährlich? Und: Macht Google uns doof? Als einer der ersten hat der amerikanische Wirtschaftsjournalist Nicholas Carr 2008 die Frage in seinem gleichnamigen, vielbeachteten Essay mit „ja“ beantwortet. Seine Vermutung: Durch die ständige Verfügbarkeit von Wissen können wir uns nicht mehr richtig konzentrieren.

          Das Gedächtnis vergisst unwichtige Informationen

          Eines ist klar: Smartphones nehmen unserem Gedächtnis einen Teil seiner Arbeit ab. In der Wissenschaft gibt es bislang mehrere Studien, die diese These belegen. Da ist zum einen die neueste Erkenntnis, dass wir Informationen deutlich schneller vergessen, wenn sie in Geräten wie unserem Smartphone gespeichert sind. Eine Befragung des russischen Softwareunternehmens Kaspersky Lab unter 6.000 Nutzern aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien und den Benelux-Staaten bestätigt das. Demnach können sich bis zu 60 Prozent der Nutzer an die Telefonnummer des Hauses erinnern, in dem sie als Kind gelebt haben. Aber mehr als die Hälfte kennt nicht einmal die Telefonnummer ihrer Kinder oder ihres Büros auswendig. Ein Drittel kann ihren Partner nicht anrufen, ohne vorher im Smartphone die Nummer nachzuschlagen.

          Dabei ist das Vergessen nicht in jedem Fall negativ. “Das Vergessen zeigt, dass unser Gehirn hoch anpassungsfähig ist“, zitiert Kaspersky Lab die Psychologin Maria Wimber von der Universität Birmingham. „Denn es hilft unserem Gedächtnis, uns die wirklich wichtigen Informationen zu merken und die irrelevanten Informationen loszuwerden.“

          Menschliche Beziehung zum Smartphone

          Bemerkenswert ist: Wie wir uns auf digitale Geräte verlassen und ihnen vertrauen, das alles ähnelt einer menschlichen Beziehung. So beschreibt es Kathryn Mills, die sich am University College London mit kognitiver Neurowissenschaft beschäftigt, in der Kaspersky-Studie. Denn Gefühle werden auch durch Erfahrung aufgebaut. Und das funktioniert so: Wenn wir oft mit einer zuverlässigen Person zu tun haben, dann bildet sich in unserem Kopf eine Assoziation oder ein Schema. Dieses Schema sagt uns, dass wir uns auf diese Person verlassen können.

          Das Gleiche funktioniert auch mit Geräten, sagt Mills: Wenn wir wissen, dass das Gerät unsere Fotos, Telefonnummern und Kontakte zuverlässig speichert, dann speichert das unser Gehirn so ab. Das bedeutet, dass wir die Informationen in unserem Kopf als irrelevant (da anderswo gespeichert) ansehen und vergessen. Die Autoren der Untersuchung bezeichnen dieses Phänomen als „digitale Amnesie“. Die Hälfte aller 16- bis 34-Jährigen sagt, ihr Telefon beinhaltet quasi alles, was sie wissen oder an das sie sich erinnern müssen.

          Das liegt laut Befragung auch daran, dass sich die Menschen überfordert fühlen: 86 Prozent geben an, in unserer immer schnelleren, vernetzteren Welt hätten wir einfach viel zu viele Nummern und Adressen gespeichert, als dass wir uns alle merken könnten – selbst wenn wir das wollten.

          Das Netz erweitert unser Gedächtnis

          Doch nicht nur der interne Speicher unseres Smartphones, auch der Zugriff auf Google und Co. nimmt unserem Gedächtnis Arbeit ab. Denn das Internet ist quasi eine externe Festplatte unseres Gedächtnisses. Es übernimmt damit eine Funktion, die früher der Bekanntenkreis inne hatte: Wir wissen nicht nur, was wir selbst wissen, sondern auch, welcher Bekannte sich wo auskennt und wie wir auf das Wissen unserer Bekannten zurückgreifen können. Dieses Konzept des “transaktiven Gedächtnisses“ geht auf den Harvard-Psychologen Daniel Wegner zurück. Konkret bedeutet das: Wir haben Fachwissen auf bestimmte Personen ausgelagert, damit wir uns nicht selbst alles merken müssen. Dadurch haben wir Zugang zu sehr viel mehr Informationen, als sich ein einzelner Mensch je merken könnte. “Aber diese Welt existiert nicht mehr“, schrieben Wegner und sein Kollege Adrian Ward vor zwei Jahren im Wissenschaftsmagazin „Scientific American“. „Mit der Entwicklung des Internets hat sich der menschliche Geist von einer unerschöpflichen Quelle zu einem Nebenprodukt entwickelt.“ Denn das Internet ist der bessere Bekanntenkreis: Es weiß mehr, und es produziert die Informationen schneller, als es unsere Bekannten je tun könnten. In der Kaspersky-Studie geben 80 Prozent der europäischen Nutzer an, das Internet würde ihr Gedächtnis erweitern.

          In dem Zusammenhang verändert sich auch unsere Denkstruktur grundlegend: Nicht das „was“, sondern das „wo“ ist entscheidend: Wir merken uns nicht (mehr) die Information selbst, sondern nur, wo die Information zu finden ist. Dieses Phänomen ist als „Google-Effekt“ berühmt geworden. „Das betrifft vor allem die Informationen und Themen, die wir im täglichen Leben nicht brauchen und in denen wir keine Experten sind“, sagt Betsy Sparrow, Psychologin der Columbia-Universität in New York.

          Da ist es kein Wunder, dass uns der Schauspieler, die Umweltministerin, die Hausnummer der Freundin nicht mehr einfällt. Sie heißen übrigens Christoph Waltz und Barbara Hendricks.

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